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Dokumentarist Thomas Frickel : Ein Mann, eine Armee

34 Jahre an der Spitze der AG Dok: Thomas Frickel. Bild: Wolfgang Eilmes

Kritiker, Mahner, Vordenker: Thomas Frickel hat 34 Jahre lang die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm geführt. Nun geht er unter großem Applaus. Mit ihm endet eine Ära.

          2 Min.

          Wenn jemand eine Organisation fast genau so lange leitet, wie diese besteht, ahnt man, um welch prägende Figur es sich bei demjenigen handelt. Der Dokumentarfilmer Thomas Frickel ist das beste Beispiel. Vor vierzig Jahren, im September 1980, wurde die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok) gegründet. Seit 34 Jahren ist Frickel ihr Vorsitzender und Geschäftsführer. Diesen Posten gibt er jetzt ab, am Donnerstag wurde er in Berlin gebührend gewürdigt. Mit Frickel, das wird in der Branche niemand bestreiten, begann und endet eine Ära.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Dem klassischen Bild eines Geschäftsführers entspricht der Dokumentarfilmer nicht. Er ist vielmehr eine Ein-Mann-Armee, ein Kritiker, Mahner und Vordenker; ein David im Kampf gegen jede Menge Goliaths. Rund neunhundert Dokumentarfilmer sind Mitglied der AG Dok, die Lobby ist klein, die Vertreter des Dokumentarischen stehen in der Medienszene am Ende der Nahrungskette. „Die Dokumentarfilmer sind die Parias der Medienbranche“, sagte Frickel im Gespräch mit der F.A.Z. Mit einem Langfilm, in dem zwei Jahre Arbeit stecken, seien nur 20.000 Euro zu verdienen.

          Doch je geringer der Dokumentarfilm geschätzt wird, desto vehementer tritt der Mann von der AG Dok für seine Zunft ein. Dabei setzt er sich vor allem mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk auseinander. Ohne den hätten es die Dokumentarfilmer noch schwerer als ohnedies, doch müssen die Sender immer wieder daran erinnert werden, dass der künstlerische Dokumentarfilm – also nicht die formatierte Doku und auch nicht die Reportage – ihrem Auftrag zur Grundversorgung unbedingt unterfällt. Dabei geht es um Filme, die in kein Raster passen, um persönliche Handschrift, um Individualität. Und genau das ist Frickels Ding.

          „Das Fernsehen hat den Dokumentarfilm zum bebilderten Journalismus degradiert, für das Kommerzkino ist er erst recht nicht existent.“ Von wann stammt der Satz? Vom 19. September 1980, dem Tag der Gründung der AG Dok. Das Diktum könnte auch gestern geprägt worden sein, es gilt bis heute. Es ist das ceterum censeo von Thomas Frickel. Dabei hat die AG Dok viel erreicht. Im Jahr 2000, hieß es kürzlich bei einem Interview mit Frickel im Deutschlandradio, seien in Deutschland neunzehn Dokumentarfilme gelaufen, 2018 seien es „fast fünfmal so viele, nämlich 94“ gewesen. Ja, sagt der AG-Dok-Chef an dieser Stelle, das sei gut und schön, aber längst nicht genug. Er wünscht sich bessere Werbebudgets, eine Kuratierung in den Kinos, einen festen Platz für Dokumentarfilme im Fernsehen, und er kämpft dafür, dass seine Leute bei der Verwandlung des linearen ins Plattform-Fernsehen nicht endgültig das Nachsehen haben. Auf Plattformen beziehungsweise in Mediatheken werden Filme nämlich ewig und drei Tage angeboten, wovon der Sender viel, der Dokumentarfilmer aber gar nichts hat, weil er sein Stück in der immer länger währenden Zeit nicht selbst verwerten kann. Das ist der jüngste „Fair Deal“, für den Thomas Frickel gekämpft hat.

          Wer wissen will, was diesen Mann persönlich antreibt, der stets bis ins letzte Detail informiert ist und Gremien, Podien und Versammlungen zwingen kann, ihm zuzuhören, sollte sich seinen Film „Wunder der Wirklichkeit“ ansehen, für den Frickel 2017 den Hessischen Filmpreis erhielt. Der Film handelt von dem Flugzeugabsturz, bei dem am 22. Dezember 1991 bei Heidelberg 28 Menschen ums Leben kamen, darunter die Avantgarde der hessischen Filmszene, mittendrin Frickels Freund Martin Kirchberger, der auch starb. In dem Film sehen wir, was das für eine fröhlich-kreative Anarchotruppe war, auf dem Weg zu neuen Ufern. Thomas Frickel hat ihren Weg fortgesetzt. Und er wird es weiter tun.

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