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Arte-Dokumentarfilm „Kinder“ : Nur die Kamera ist Zeuge?

  • -Aktualisiert am

Emine und ihre Freundinnen auf dem Karussell. Bild: © Nina Wesemann

Der Film „Kinder“ begleitet vier Teenager und erzählt angeblich authentisch vom Aufwachsen in Berlin. Er wirkt aber wie ein Märchen. Als Zuschauer hat man da seine Zweifel.

          Emine und ihre drei Freundinnen durchstreifen die Stadt. Die Gehwege gehören ihrer Gang. Ein paar rosa Schulranzen stehen wie achtlos drapiert am Bildrand. Die Fünf in Deutsch? Bloß Stoff für Witze. Ihr Leben besteht aus Selbstbildung. Aus Rappen, Jungs taxieren („süß“), Video-Dance-Moves, Inlinern auf dem Tempelhofer Feld, Zeitvertreib im Shopping-Center. In der Damen-Abteilung steht ein neonblinkendes Kirmeskarussell für Kleinkinder, gerade groß genug, fast zu klein. Frühpubertät. Das Spaßgefährt dreht sich, jedes Mal erscheint ein anderes Mädchen vor der zentralen Perspektive von Nina Wesemanns Kamera. Die bunten Lichter geben ihren Erscheinungen etwas Zauberhaftes, Feenartiges, Kindliches, aber die Posen sprechen schon vom zielbestimmten Gefallenwollen. Im Hintergrund steht ein praller Kleiderständer mit pastellfarbenen Oma-Nachthemden. Pfirsich, blasses Mint, helles Wasserblau. In der S-Bahn zieht Berlin an den Fenstern vorbei, tags, nachts, Frühlingsommerherbstwinter, immer in Bewegung, wie Emine und ihre Freundinnen, deren Eltern in „Kinder“, Wesemanns auf der Berlinale gezeigter Abschlussarbeit für die Münchner Hochschule für Film und Fernsehen, unsichtbar bleiben. Emine ist zehn.

          „Kinder“ heißt der knapp anderthalbstündige, ruhig dahinfließende Dokumentarfilm, der auch Christian, Arthur und Marie unter Beobachtung nimmt. Auf Französisch nennt ihn Arte „Être Enfant“, Kind sein. Der Kamerablick sucht die noch weichen, schon ernsten Gesichter. Der Film ist, klassische Dokumentaristenschule, kommentarlos. Wo und wie die Kinder leben, erschließt sich nur durch die Bildbetrachtung des Zuschauers und vor allem durch die Montagetechnik (Schnitt Ulrike Tortora). Christian mit Bruder im Museum. Der Ältere in coolen Streetstyle-Klamotten scheint Historismusfan zu sein. Zusammen beim Sprayen von Tags (legal an Mauern auf einem Freizeitgelände, aber das erschließt sich erst nach und nach). Beim abendlichen Kabbeln um die Verteilung von Hamburgern und Spaghetti als TV-Dinner, während im Fernsehen eine halbaufmerksam verfolgte Politdebatte läuft, später Christian im Bett, er liest „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Judith Kerr bis zum Augenzufallen. Parallel Arthur, ganz lebensklug, ganz großer Bruder, der seinen jüngeren Geschwistern das Wort Altersschwäche erklärt, Donald Trump beschreibt und „Minecraft“ liebt. Dazu die ruhige Marie aus dem grüneren Viertel mit Einfamilienhäusern, die in ihrem Zimmer Gitarre übt und mit ihrem Bruder angeregt Wissensfragen diskutiert.

          Vier Großstadtkinder aus unterschiedlichen Vierteln, alle „streetsmart“. Erwachsene existieren nicht in Wesemanns „Kinder-Welt, in der auch an Silvester ihre Protagonisten auf den Straßen allein unter sich Raketen zünden und den Himmel betrachten, als habe man aus Berlin alle Personen jenseits der Pubertät fortgeschickt. Selbstorganisierte Kindergesellschaft und Selbstbehauptung in der Freundes- und Geschwisterkonstellation, viermal aufgefächert (Emine, Christian, Arthur und Marie begegnen sich nie). Diese Kinder, so erzählt es der Film, haben die Stadt im Griff, nicht umgekehrt. Über Herkunft, Chancen und Interessen erfahren wir nur das, was die Heranwachsenden uns authentisch zeigen. So jedenfalls die Narration der Nichtinszenierung dieses Films, in dem in jeder Einstellung und Szene jedoch eine klare ästhetische Absicht erkennbar ist. Autorenhandschrift in Reinkultur. Aber teilnehmende Beobachtung?

          Unter Beobachtung: Szene aus „Kinder“.

          Nina Wesemanns „Kinder“ hat als Filmessay eine poetische Qualität. Man sieht sein Ziel in jeder Minute. Er will nichts als Zaungast auf Augenhöhe sein. Je länger aber der Film dauert, desto weniger glaubt man ihm die vorgebliche Spontanität und das reine und ungefilterte Beobachten. Die Kinder, allzu deutlich milieusymmetrisch ausgewählt, wirken gecastet. Die Situationen größtenteils inszeniert.

          Ein solches „Mädchentraum“-Karussell mitten im Paradies der Fünfziger-Jahre-Damen-Nachtkleidung? Emine als Straßenrapperin im Kreise ihrer Migrantenfreundinnen, dagegen die offenbar wohlsituiert aufwachsende Marie beim sorgfältigen Stimmen der akustischen Gitarre und griffakkurater Ed-Sheeran-Gesangsbegleitung? Die Jungs als Vorzeigemischung von „jungstypisch“ risikofreundlichem Gehabe (zündeln, provozieren, sich was trauen) und frei motiviertem Bildungshunger (ernst und nachdenklich im Museum, beim Fernsehen öffentlich-rechtlich orientiert)? Bitte! Je länger „Kinder“ dauert, umso mehr fühlt man sich durch die Auswahl und die Parallel-Anordnung des Materials verschaukelt. „Kinder“ ist ein Märchen von Kindern, das durch Manipulation berühren soll.

          Kinder, heute um 23.45 Uhr bei Arte

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