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Doku „iHuman“ bei Arte : Allein unter Monstern

Transformation: Folgt man KI-Forschern, ist keine Frage, wie das endet. Bild: © UpNorth Film

Der Mensch ist nicht zentral: Der Film „iHuman“ von Tonje Hessen Schei zeigt, was KI-Jünger erträumen. Es ist eine nahe Zukunft, in der die Macht Maschinen gehört. Ein Albtraum.

          3 Min.

          Wer nachts immer noch ruhig schläft – trotz Corona-Krise und der beunruhigend langen Backlist ungelöster weiterer Globalkrisen, vom Klima über Populisten bis hin zu Flüchtlingen –, der könnte nach dieser Dokumentation auf Arte ein paar Stunden wachliegen. Denn „iHuman“ malt das nächste Horrorszenario an die Wand: eine von Künstlicher Intelligenz (KI) überwachte, gelenkte, unterjochte und massakrierte Menschheit, deren Beziehung zu übermächtigen, eigenmächtig handelnden digitalen Systemen sich ungefähr darstellen wird wie das Verhältnis, das wir zu Tieren pflegen: Wir hassen sie nicht, doch unterwerfen sie skrupellos unseren eigenen Zielen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          So könnte die nahe Zukunft aussehen, glaubt Ilya Sutskever. Der Forschungsleiter bei OpenAI, einem von Elon Musk mitbegründeten Unternehmen, das auf Open-Source-Basis nach eigenem Bekunden an einer „guten“, menschenfreundlichen KI arbeitet, kurvt auf dem Skateboard durch sein Büro in Los Angeles, bevor er in die Details des Menetekels geht. Sich selbst steuernde Autos, unser Kaufverhalten prognostizierende und politische Abstimmungen manipulierende Algorithmen oder raffinierte Chatbots in Androidengestalt wie der durch die Welt tingelnde Roboter Sophia von Hanson Robotics sind bloß Vorgeplänkel. Das Ziel von KI-Pionieren weltweit, wie es auch der mit Nietzsche-Flackern in den Augen in einer Seilbahn über den Schweizer Alpen schwebende Informatiker Jürgen Schmidhuber ausgibt, ist die Schaffung einer „General Artificial Intelligence“ (GAI): eines digitalen Supersystems, das, mit gigantischen Datenmassen gefüttert und Deep-Learning-Software ausgestattet, fähig ist zu lernen, wie es den eigenen Lernalgorithmus verbessert. Das Fragen stellt, statt sie bloß zu beantworten, eigene Aufgaben erfindet und löst, abertausendmal schneller und besser, als es je möglich war – und ohne dass wir vorhersagen könnten, zu welchen Ergebnissen es kommt. Unser gottgleicher Nachkomme.

          „Wir werden in der Lage sein, komplett autonome Wesen mit eigenen Zielen zu erschaffen, klüger als Menschen“, sagt Sutskever und spricht vom „Endspiel“ des Homo sapiens, der „letzten Erfindung, die wir je machen müssen“: der Konstruktion einer „Lebensform, die uns überflüssig macht“. Und Schmidhuber fügt mit transhumanistischer Kälte hinzu, der Mensch sei für ihn ohnehin nicht zentral, er selbst sehe sich als Stäubchen im Wirbel der Evolution und finde es großartig, an etwas „Größerem“ zu arbeiten, das uns überwinden werde. So spricht Hybris im Gewand der Demut.

          Die norwegische Dokumentarfilmerin Tonje Hessen Schei räumt in „iHuman“, solchen Stellungnahmen breiten Raum ein. Tatsächlich versammelt sie einzig Auskünfte von Entwicklern und Tech-Experten in ihrem mit digitaler Bildverfremdung, Terminator-Anmutung und Nachrichten-Zapping optisch angereicherten Film. Sie stellt keine Gegenfragen, ordnet Informationen nicht ein, sondern setzt auf Erkenntnisgewinn im Modus des Browsens oder der Collage.

          Mit dabei sind unter anderem der vor dem Potential der KI als Mittel der vorausschauenden Überwachung warnende Wissenschaftsphilosoph Max Tegmark, der Interessenüberschneidungen bei Tech-Giganten, Polizei und Militär aufzeigende Menschenrechtsanwalt Philip Alston und der Stanford-Professor Michal Kosinski, dessen Erkenntnisse Cambridge Analytica so gut gebrauchen konnte. Peter Thiel, der Paypal-Gründer und Trump-Unterstützer, der den Tod abschaffen will, darf nicht fehlen.

          Diese Stimmen bringt Tonje Hessen Schei ins Gespräch über Fragen von extremer Brisanz: Werden Kriege mit autonom tötenden Waffen geführt werden? Ist ihre Entwicklung zu verhindern? Haben Demokratien noch eine Chance, wenn die schon jetzt wirkenden Mechanismen der Polarisierung durch soziale Netzwerke sich verselbständigen? Wer programmiert die KI-Algorithmen dann – immer noch Google, Apple, Microsoft, Facebook, Amazon? Was können wir ex negativo von China lernen, wo abweichendes Verhalten jetzt schon mit digitalem Einsatz aufgespürt und sanktioniert wird?

          Tonje Hessen Schei schaut dahin, wo es brennt, und stößt eine Vielzahl von Denkprozessen an. Das Problem ist nur: Im Übermaß der mit hoher Geschwindigkeit auf den Zuschauer einprasselnden Informationsschnipsel, im anschwellenden Raunen der KI-Jünger und -Warner entwickelt sich „iHuman“ zu einem atemlosen politischen Thriller, in dem alles irgendwie bedrohlich durcheinander- fliegt: Echokammern im Netz und „racial profiling“ auf der Straße, Gesichtserkennung und die Annäherung von Google an die Machthaber in Peking sowie die Strategen im Pentagon, Deep Fakes und philosophische Fragen nach dem Wesen des Menschen, moderat smarte Anwendungen und Deep-Learning-KI. Zu jedem Aspekt hätte man gerne mehr und strukturierter erfahren. So entfaltet „iHuman“ ungewollt antiaufklärerische Effekte, wenn es uns mit den aus dem Schlaf der Vernunft geborenen Monstern alleine lässt. Dabei müssten wir doch aufwachen, mitdenken, politisch handeln, damit nicht die Falschen Macht über die Algorithmen der Zukunft erlangen – und uns.

          iHuman läuft heute um 21.45 Uhr auf Arte.

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