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Deutscher Fernsehpreis : Party machen in der Hauptstadt der Mediensünde

  • -Aktualisiert am

Hat die Hosen an: Barbara Schöneberger moderierte die Preisgala in Köln. Bild: dpa

Ist Fernsehen am besten, wenn man es nicht zeigt? Im Kölner Palladium wurden die Deutschen Fernsehpreise vergeben, wieder ohne Übertragung. Für Ärger sorgte der Umgang mit den Drehbuchautoren. Was war da los?

          Nichts gegen Düsseldorf. Aber vielleicht gehört diese Veranstaltung ganz einfach in die „Hauptstadt der Mediensünde“ Köln, auch wenn die sechzehn Jahre, in denen der Deutsche Fernsehpreis im Ossendorfer „Coloneum“ vergeben wurde, im Nachhinein nur mit lieblosen Live-Shows und einem Streit zwischen den Preisstiftern ARD, ZDF, RTL und Pro Sieben Sat.1 verbunden wird: 2014 dann flog der Preis auseinander, so dass es 2015 gar keinen gab. Um 2016 in Düsseldorf in absurd anmutender Form wiederaufzuerstehen: als Fernsehpreis ohne Live-Übertragung.

          Weil Fernsehen immer am besten ist, wenn keiner hinschaut? Auch die runderneuerte, als „Neujahrstreffen der Fernsehbranche“ ins Würdevollere gehobene Verleihung ist noch nicht da, wo man hinwill. „Gegen das, was da am Donnerstag über die Bühne der Düsseldorfer Rheinterrassen ging“, ätzte ein Beobachter im vergangenen Jahr „dürfte jede Hauptversammlung irgendeines Geflügelzüchterregionalverbandes als Gala von Weltrang durchgehen“. Die jüngste, nun wieder zurück nach Köln verfrachtete Ausgabe dürfte ebenfalls keinen Fernsehpreis für den schwungvollsten Fernsehpreisabend erhalten.

          Aber das neue Konzept ohne Live-Übertragung ist womöglich nicht falsch, wenn man weiter daran feilt. Der betont stilvolle, mit einem gemeinsamen Essen an 61 ovalen Tischen im „Palladium“ eingeleitete Abend jedenfalls (der rote Teppich am Eingang wurde eingerollt, kaum dass alle Gäste ihre Plätze eingenommen hatten) war trotz des Geplauders, das sich bei steigendem Alkoholpegel an vielen Tischen einstellte, jedenfalls eine rundere Sache als von manchem erwartet.

          Lob von allen Seiten: Regisseur Tom Tykwer mit einem Deutschen Fernsehpreis für die Serie „Babylon Berlin“.

          Das lag zum einen an der Moderation der Gute-Laune-Maschine Barbara Schöneberger, die den Preis nun im dritten Jahr moderiert und selbst Tim Mälzers sexistische Ausrutscher vom Vorjahr noch einmal lässig zu kontern wusste. Vor allem aber daran, dass die Branche, in die unter anderem durch Wettbewerber wie die Streaming-Dienst Netflix und Amazon mächtig Wind gekommen ist, ein beachtliches Jahr hinter sich hat: Es gibt gerade viele Gründe, sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen.

          Tom Tykwers Serie „Babylon Berlin“ zum Beispiel. Dass dieses Gemeinschaftsprodukt von ARD und Sky imponierte („Beste Drama Serie“, „Beste Kamera“, „Beste Musik“, „Beste Ausstattung“), lag so sehr auf der Hand, dass Schöneberger mit einer Serien-Persiflage in den Abend einstieg – umgarnt von beinahe barbusigen, Bananen-umgürtelten Tänzerinnen. Hier fiel auch das Wort von Köln als der „Hauptstadt der Mediensünde“.

          Schauspieler Kida Khodr Ramadan erhält für seine Rolle in der Serie „4Blocks“ den Deutschen Fernsehpreis.

          Oder die TNT-Serie „4Blocks“, die schon bei den Auszeichnungen der Deutschen Akademie für Fernsehen abgeräumt hatte. Der Jubel im Saal entsprang echter kollektiver Begeisterung, als Hauptdarsteller Kida Khodr Ramadan, der in „4Blocks“ den Kopf eines arabischen Familienclans in Berlin spielt, den Preis für die beste Schauspielerleistung erhielt. Während der Preis für die „beste Schauspielerin“ an Julia Jentsch vergeben wurde, die in der ARD-Serie „Das Verschwinden“ tatsächlich brilliert.

          Das „Verschwinden“ wurde auch für das „Beste Buch“ ausgezeichnet, das Hans-Christian Schmid und Bernd Lange geschrieben haben. Die Wertschätzung, die Autoren in der Branche entgegengebracht wird, ist allerdings ein Thema für sich. Sie ist nach Auffassung der Autoren deutlich zu gering, und das führte im Vorfeld des Preises zu etwas überdimensionierten, aber nicht unangebrachten Schlagzeilen wie „Aufstand der Geschichtenerzähler“ oder „Machtkampf um die Urheberschaft“.

          Die Jury würdigte Marietta Slomka vor allem für ihre politischen Interviews.

          Was war geschehen? Kristin Derfler, die Autorin des als „bester Mehrteiler“ nominierten ARD-Zweiteilers „Brüder“, hatte sich auf Facebook über die Einladungspolitik des Preises erregt: Zur Veranstaltung nach Köln gebeten nämlich wurden in einigen Kategorien nur Produzenten, Redakteure, Regisseure und Schauspieler. „Aus Platzmangel“, wie es hieß.

          Der Verband Deutscher Drehbuchautoren setzte daraufhin einen offenen Brief an die Stifter des Fernsehpreises auf. Er sprach von einem „Sinnbild für eine immer noch grassierende Ignoranz in Teilen der Branche“, verwies auf die „massiv zunehmende Anerkennung und Wertschätzung der Arbeit“ im Ausland. Der Wirbel war groß, und er blieb es, auch nachdem die Preisstifter reagierten und „als Zeichen unserer Wertschätzung Ihrer Arbeit“ ebenfalls die Autorinnen und Autoren in den Kategorien „bester Fernsehfilm“ und „Bester Mehrteiler“ nominierten. Noch Stunden vor der Preisverleihung lud der Verband zu einem Pressegespräch, um zu unterstreichen, dass es bei seinem Aufschrei nicht um einen Platz am gedeckten Tisch geht, sondern ums Prinzip. Die Autoren hoffen unter anderen, endlich auch nach Abgabe der Drehbücher noch in die Produktionen einbezogen werden. Was für Außenstehende selbstverständlicher klingt als es oftmals ist.

          Große Sprünge: Der Moderator Thore Schölermann und der Musiker Mark Forster nahmen für das Team der Sendung „The Voice of Germany“ in der Kategorie „Beste Unterhaltung Primetime“ den Preis in Empfang.

          Umso deutlicher war beinahe jeder, der beim „Deutschen Fernsehpreis“ in Köln ein Mikrophon in die Hand nahm, um liebenswürdigste Worte in Richtung Autoren bemüht. Der von Kristin Derfler geschriebene Zweiteiler „Brüder“, den Züli Aladağ inszeniert hat, heimste eine Ehrung als „Bester Mehrteiler“ ein. 

          Insgesamt vergab die vierzehnköpfige Jury, welcher der „TV-Spielfilm“-Chefredakteur Lutz Carstens vorsitzt, Preise in mehr als zwanzig Kategorien. Ausgezeichnet wurden etwa die Produktionen „Eine unerhörte Frau“ (Bester Fernsehfilm), Journalistinnen wie Marietta Slomka (Beste Moderation, Dunja Hayali wirkte etwas geknickt). Oder auch junge Talente wie Fabian Köster von der „heute show“ und Louis Klamroth für seine Sendung „Klamroths Konter“ auf n-tv (Nachwuchspreise).

          Der Komiker Luke Mockridge, der in Köln nicht anwesend war, obwohl sein Sender Sat1 die diesjährige Preisverleihung ausgerichtet hat, erfuhr während eines Auftritts in Erfurt per Handyanruf, den Preis für die „Beste Unterhaltung Late Night“ bekommen zu haben; ein etwas skurriler Moment. Das Reformationsjahr durfte nicht unerwähnt bleiben, es wurde mit einer Ehrung der „Terra X“-Doku „Der große Anfang“ bedacht, die angespannte politische Atmosphäre mit Stephan Lambys Ausnahmedoku „Die nervöse Republik“, das Wahljahr unter anderem mit Abdelkarims RTL2-Sendung „Endlich Klartext“.

          Dafür wurde es auch Zeit: Thomas Gottschalk erhielt den Ehrenpreis der Stifter des Deutschen Fernsehpreises.

          Und Thomas Gottschalk, schlohweiß mittlerweile sein Haar, erhielt einen Ehrenpreis, wobei man leider vergaß, ihm auch einen angemessenen Laudator zu schenken. Joko Winterscheidts Erinnerungen an die Fernsehabende der eigenen Kindheit waren überraschend uninspiriert. Doch selbst das hielt man aus. Es wurde ja zum Glück nicht übertragen.

          Wie sich einige der prämierten Formate dann bei dem anderen, traditionsreichen deutschen Fernsehpreis schlagen, dem Grimme-Preis in Marl, werden wir Ende März sehen.

          Die Gewinner des Deutschen Fernsehpreises 2018

          Bester Fernsehfilm: „Eine unerhörte Frau“ (ZDF)

          Bester Mehrteiler: „Brüder“ (ARD)

          Beste Drama-Serie: „Babylon Berlin“ (Sky/ARD)

          Beste Comedy-Serie: „Magda macht das schon!“ (RTL)

          Beste Schauspielerin: Julia Jentsch („Das Verschwinden“)

          Bester Schauspieler: Kida Khodr Ramadan („4 Blocks“)

          Beste Regie: Marvin Kren („4 Blocks“)

          Bestes Buch: Hans-Christian Schmid, Bernd Lange („Das Verschwinden“)

          Beste Kamera: Frank Griebe, Bernd Fischer, Philipp Haberlandt („Babylon Berlin“)

          Bester Schnitt: Jan Hille, Lars Jordan („4 Blocks“)

          Beste Musik: Johnny Klimek, Tom Tykwer („Babylon Berlin“)

          Beste Ausstattung: Pierre-Yves Gayraud, Uli Hanisch („Babylon Berlin“)

          Beste Unterhaltung Primetime: „The Voice of Germany“
          (Pro Sieben/Sat.1)

          Beste Moderation Unterhaltung: Michael Kessler
          („Kessler ist ... Wolfgang Bosbach“)

          Beste Unterhaltung Late Night: „LUKE! Die Woche und ich“ (Sat.1)

          Beste Comedy: „extra 3“ (ARD/NDR)

          Bestes Factual Entertainment: „Kitchen Impossible“ (Vox)

          Beste gestalterische Leistung Non-Fiktion: Mark Achterberg („Let's Dance“, „Germany's next Topmodel - Das Finale“)

          Beste Information: „Endlich Klartext! - Der große RTL-II-Politiker-Check“ (RTL II)

          Beste Moderation Information: Marietta Slomka („heute-journal“)

          Bestes Infotainment: „Terra X: Der große Anfang - 500 Jahre Reformation“ (ZDF)

          Beste Dokumentation/Reportage: „Nervöse Republik - Ein Jahr Deutschland“ (ARD)

          Beste Sportsendung: Boris Becker, Matthias Stach (US Open, Eurosport)

          Förderpreise: Louis Klamroth („Klamroths Konter“, n-tv), Fabian Köster („heute-show“, ZDF)

          Ehrenpreis: Thomas Gottschalk

           

           

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