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Film „Toni, männlich, Hebamme“ : Mann-Sein als Alleinstellungsmerkmal

  • -Aktualisiert am

Sturzgeburt? Toni (Leo Reisinger) weiß, was zu tun ist. Bild: ARD Degeto/Kerstin Stelter

Haben Sie schon mal was von einem „Entbindungspfleger“ gehört? Die ARD stellt uns in „Toni, männlich, Hebamme“ ein Paradebeispiel vor. Das kann sich sehr gut sehen lassen.

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          Es gibt sie, die Berufe, in denen Männer weniger gefragt sind als Frauen, doch wahrscheinlich existiert nur ein einziger, der in Deutschland von einer nur einstelligen Zahl von Männern ausgeübt wird. Entbindungspfleger nennen sich diese Exoten, die Bezeichnung des weiblichen Pendants ist geläufiger: Hebamme. Ein Umstand wie geschaffen für Wohlfühlfiktion, die die Bavaria im Auftrag der ARD mit dem Zweiteiler „Toni, männlich, Hebamme“ abliefert.

          Im ersten Film „Allein unter Frauen“ entpuppt sich Toni Hasler (Leo Reisinger) schnell als Musterexemplar des Berufsstands: Er sieht den Patientinnen ihre Wünsche und Sorgen an der Nasenspitze an, für das Wohlbefinden von Mutter und Kind ist ihm kein Aufwand zu groß. Seinen Job im Krankenhaus verliert er trotzdem oder gerade deshalb, denn die fiese neue Chefin Dr. Evi Höllriegl (Juliane Köhler) hat ihn auf dem Kieker. Auch weil er ein Mann ist, vor allem aber, weil er es mit professionellen Grenzen nicht so hat.

          Nachdem er beim Amt als schwervermittelbar eingestuft wird und man ihm einen Karrierewechsel in die Altenpflege nahelegt, kommt Hilfe von seinem ehemaligen Chef Dr. Prantlhuber (August Zirner). Dessen Tochter Luise Fuchs (Wolke Hegenbarth) sucht eine Hebamme als Unterstützung für ihre gynäkologische Praxis. Tonis Traum von der Selbstständigkeit scheint in Reichweite, doch als Luise dann vor ihm steht, holen ihn Fehler aus der Vergangenheit – natürlich solche romantischer Natur – wieder ein.

          Privat läuft es bei Toni generell nicht besonders rund. Die Rolle der glücklichen Partnerin spielt seine Noch-Ehefrau Hanna (Kathrin von Steinburg) nur, wenn das ihre Chancen auf eine Wohnung auf dem umkämpften Münchner Immobilienmarkt erhöht. Ansonsten beschränken die beiden ihren Kontakt, zu Tonis Enttäuschung, weitgehend auf die Übergaben der gemeinsamen Kinder. Von denen macht vor allem die pubertierende Josie (Maria Monsorno) Probleme, weil sie sich, im Vergleich zu ihren Freunden, von ihren Eltern finanziell vernachlässigt fühlt. Doch vor allem Toni hat Geldprobleme, muss er doch für den Platz in der Praxis fünftausend Euro aufbringen, die er auch mit dem nächtlichen Nebenjob als Taxifahrer nicht so schnell beibringt.

          Er darf trotzdem schon mal mit der Arbeit beginnen – und die gleicht einer Werbekampagne für den Mann im Hebammenberuf. Gestressten Frauen baut Toni Kindermöbel auf, die Bindung zwischen Vater und Baby festigt er mit „Daddy Dancing“-Kursen. Luise steht dieser Charmeoffensive erstmal skeptisch gegenüber, lässt sich aber schnell von der allgemeinen Begeisterung für den unorthodoxen Praxiszuwachs anstecken, bevor dann wieder der unvermeidliche Rückschlag folgt.

          Dramaturgisch ist „Allein unter Frauen“ ein Reißbrettentwurf (Drehbuch Sebastian Stojetz und Sibylle Tafel), dabei aber so überzeugend besetzt und unaufgeregt inszeniert, dass die Berechenbarkeit kaum stört. Der Regisseurin Sibylle Tafel ist so ein Unterhaltungsstück gelungen, das trotz Seifenoperelementen weder zu klamaukig noch mit zu viel aufgesetztem Pathos daherkommt, für das Geschichten im Medizinermilieu anfällig sind. Das Kunststück gelingt im deutschen Fernsehen doch eher selten. Das Thema passt in die Zeit und eignet sich hervorragend als Serienformat. In Großbritannien gab es mit „The Delivery Man“ 2015 schon einen ähnlichen Versuch, die Sitcom wurde allerdings nach sechs Folgen eingestellt, was wohl in erster Linie an der eher unsympathischen Hauptfigur lag. Die ARD beschränkt sich vorerst auf zwei Episoden in Spielfilmlänge. Wenn etwas gut laufe, versuche man aber in der Regel, es fortzusetzen, hieß es auf Anfrage aus der Pressestelle.

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