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TV-Film „Angst in meinem Kopf“ : Gefangene der Furcht

  • -Aktualisiert am

Sonja Brunner (Claudia Michelsen) war den Herausforderungen ihres Berufs gewachsen. Mit der brutalen Kaltblütigkeit des Häftlings Michael Zeuner (Ralph Herforth) hat sie nicht gerechnet. Bild: NDR/Georges Pauly

Sonja Brunner ist Justizvollzugsbeamtin. Sie scheint dem harten Alltag gewachsen, doch dann nehmen brutale Häftlinge sie aufs Korn. Die ARD zeigt ein packendes Psychodrama mit Claudia Michelsen: „Angst in meinem Kopf“.

          Es gibt Orte, an denen man partout nicht für schmales Geld arbeiten möchte: im Gefängnis etwa, das nicht nur für die Insassen, sondern auch für die Justizvollzugsbeamten ein Leben hinter Gittern bedeutet. Sonja Brunner (Claudia Michelsen), die in der JVA Hannover-Ahlen arbeitet, findet allerdings nicht viel dabei. Es gebe schlimmere Jobs, hält sie nölenden Kollegen entgegen, die an der Kaffeemaschine mal wieder mit dem Gehalt und der dünnen Personaldecke hadern.

          Und im Gefängnis schließe man ja nicht einfach nur die Türen auf und zu, erklärt sie in kleiner Runde beim Wein: „Wir versuchen, dass die Menschen wieder auf die Beine kommen.“ Eine selbstbewusste Frau; mit dem Leben an der Seite des Freiberuflers Jens (Matthias Koeberlin) hat sie sich arrangiert. Sie bringt das Geld rein, er schreibt seinen Roman, während das Töchterchen am Klavier brilliert.

          „Angst in meinem Kopf“, der Thriller des Regisseurs Thomas Stiller – so kompakt inszeniert, dass es keine ungewöhnliche Kamera braucht – erzählt vom ebenso unerwarteten wie unaufhaltsamen Zusammenbruch dieses Selbstbewusstseins: Sonja Brunner begleitet den Häftling Michael Zeuner (Ralph Herforth) zu einem Arztbesuch in der Anstalt, der reißt sich los, hält plötzlich eine Waffe in der Hand, übergießt das Praxispersonal mit brennbarem Zeug und zündet sie an, als sein Kompagnon auf dem Weg zum hernach erpressten Fluchtfahrzeug angeschossen wird.

          Die Sache geht glimpflich aus: Zeuner wird überwältigt, die Geiseln überleben. Aber Brunners Psyche hat Schaden genommen. Und wie Claudia Michelsen diesen langsamen Kollaps in den verbleibenden 75 Minuten spielt – leere Blicke, zuckende Augenbrauen, Panikattacken auf der Toilette, dann wieder halbwegs gefasst – das ist jene schauspielerische Ambition, wie man sie einst mittwochs im Ersten erwartet hat.

          Seine Spannung zieht der Film aus einem gekünstelten, aber nichtsdestotrotz elektrisierenden Plot: Brunner lässt sich in eine andere JVA versetzen, in der es angeblich ruhiger zugeht. Doch der Wechsel bringt keine Entlastung: Die Korridore sind das Revier des aufdringlich freundlichen Häftlings Walter Thiel (Torsten Michaelis), der Brunners Schwäche sofort zu deuten und ihre finanziellen Sorgen auszunutzen versteht, in der Geschlossenen sitzt der Serienmörder Robert Sturm, der eine Partnerin zum Mühle-Spielen sucht (stereotyp und trotzdem gespenstisch: Charly Hübner). Und auch der gewalttätige Häftling Michael Zeuner (Ralph Herforth) aus Hannover klettert eines Tages aus dem Gefangenentransporter in die Anstalt.

          Von welchem dieser drei Männer die größte Gefahr für Brunner ausgeht, lässt sich zunächst nicht sagen. Das ist der Clou des Films. Während wir Zustände in Gefängnissen gezeigt bekommen, in denen die Autorität der Gefängniswärter auch von ihrer Bereitschaft zur Korruption abhängig ist, und einen einsamen, mit seiner psychischen Verletzung alleingelassenen Menschen, der von seinem Partner weder finanziell noch emotional aufgefangen werden kann – jedenfalls nicht, bevor der Roman endlich einem Verlag gefällt. Nur die Familienszenen geraten etwas platt, was sich beim Finale rächt, das wenig Wirkung entfaltet, obwohl es nur konsequent ist. Aber insgesamt passt das: „Angst in meinem Kopf“ ist ein solide erzählter Thriller.

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