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„Mordkommission Istanbul“ : Kommissar Özakin ist jetzt ein anderer

Längst nicht mehr einfach nur lässig und schön: Kommissar Mehmet Özakin (Erol Sander) hat das Postkarten-Idyll verlassen. Bild: ARD Degeto/Ziegler Film/Gülnur

Die „Mordkommission Istanbul“ war als Krimi ein schlechter Witz. Mit der Türkei hatten die Filme nichts zu tun. Sie waren harmlos. Doch das ändert sich jetzt. Statt um schöne Bilder geht es um den Terror.

          3 Min.

          Von Beginn an war die „Mordkommission Istanbul“ eine der absurdesten Krimiserien im deutschen Fernsehen. Denn da passte einfach nichts: Der Handlungsort nicht zu den Geschichten und die Geschichten nicht zu den Charakteren. Eine auf türkisch getrimmte, verschärfte Version deutscher Krimis bekam man zu sehen, die in gemütlichem Duktus vor exotischer Kulisse Märchen erzählte, fast wie jene von Donna Leon und ihrem Kommissar Brunetti in Venedig oder von den Skandinavien-Touren eines Walter Sittler. Das Unechte gereicht dieser Art von Filmen freilich nicht zu Nachteil. Es gibt für sie ein Publikum, und das ist gar nicht mal so klein.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Im Falle der „Mordkommission Istanbul“ wirkte dieser Krimi-Eskapismus von der ersten Folge im Jahr 2008 an besonders absurd. Erol Sander war als Kommissar Mehmet Özakin ein Mann von Welt, stets in Schale, charmant, witzig, umschwärmt von den Frauen, seiner Ehefrau Sevim (Idil Üner) aber unverbrüchlich zugetan - er gab die Designer-Ausgabe des lässigen Ermittlers. Sein Kollege Mustafa Tombul (Oscar Ortega Sánchez), stets korrekt mit Fliege und Anzug, war das Musterbeispiel an Pflichterfüllung. Was zählte, war nicht der (bisweilen ans Lächerliche grenzende) Fall und waren nicht die Dialoge. Einzig auf die Abfolge schöner Bilder kam es an, auf denen Türken Staffage und die Figuren - gerne mit Berliner oder süddeutschem Akzent - getürkt waren. Mit der real existierenden Türkei, zumal mit dem Land in Erdogans Ausnahmezustand, hatte das nichts zu tun.

          Alles hat sich verändert

          Doch dem setzt der Zweiteiler, dessen Finale heute Abend läuft, ein Ende. Kommissar Özakin ist ein anderer geworden, und wie er hat sich auch alles andere verändert. „Im Namen des Taurus“ heißt die Geschichte, doch sie könnte auch „Im Namen des Terrors“ heißen: Ein Bank-Mitarbeiter wurde ermordet; er hatte eine Unsumme Geld mitgehen lassen und Verbindungen zu einer Terror-Zelle. Wegen dieser bittet Oberst Tarkan (Anatole Taubman) vom türkischen Geheimdienst die Polizei um Unterstützung. Es dauert nicht lange, da hat sich die Befürchtung eines bevorstehenden Anschlags bewahrheitet. Die Kommissare Özakin und Tombul können sich allerdings keinen Reim auf die Sache machen. Der Geheimdienst ist über die Islamisten, die hier morden, augenscheinlich bestens informiert. Dass ein doppeltes Spiel im Gange ist, geht den Mordermittlern rasch auf. Nur wer steckt mit wem unter einer Decke?

          Auch sie hegt einen Verdacht: Sevim Özakin (Idil Üner).

          Da gibt es den Geheimdienst-Oberst Tarkan, den berühmten Schriftsteller Cem Pascha (Alexander Hörbe), dessen Frau Emine (Siir Eloglu), die in ihrer Behörde für Einfuhrgenehmigungen zuständig ist, und den Geschäftsmann Ünal Öker (Özdemir Çiftçioglu). Von allen müssen die Kommissare annehmen, belogen zu werden. Özakins Frau Sevim hegt unterdessen einen ganz anderen Verdacht. Dass ihr Mann, gerade einem Attentat entronnen, aus dem Haus stürzt, um die bedrohte Dilara Dirik (Alice Dwyer), Schwester des als Islamist verdächtigten Ibrahim (Johannes Klaußner) zu beschützen, scheint ihr doch etwas seltsam.

          Es wird ganz schön kompliziert, was das Drehbuch von Clemens Murath entwickelt und verwickelt - Terrorismus, Waffengeschäfte, private Ränke. Der Regisseur Bruno Grass hat alle Hände voll zu tun, die Story nicht zerfasern zu lassen. Den Schauspielern sind Dialoge aufgegeben, denen das Schwankhafte ausgetrieben wurde, dafür wirken sie mitunter arg gestelzt - etwa wenn es um Erklärungen zum Islam und zum islamistischen Terror geht. Aus einem Guss ist das nicht, da passt einiges nicht zusammen. Aufgefangen werden diese Schwächen vom Schnitt (Simone Klier) und von der Kamera (Jonas Schmager). Wir bekommen jetzt nicht mehr nur redende Köpfe im 08/15-Verfahren zu sehen und dazwischen Postkartenbilder aus Istanbul. Solche hingegen gibt es diesmal aus dem malerischen Kappadokien, in dessen Tuffsteinhöhlen die wilde Jagd schließlich führt, ebenso wie an die syrische Grenze. Der Showdown wiederum ist eine derart platte Reminiszenz an Sergio Leones berühmte Duell-Szene aus „The Good, the Bad and the Ugly“, dass es schon fast wieder komisch wirkt.

          Aber auf Komik ist hier nichts angelegt, nicht mal am Ende, zu dem wir den Kommissar wie üblich auf die Lichter von Istanbul blicken sehen. Er hat an Statur gewonnen und vieles verloren. Dass es mit dieser „Mordkommission Istanbul“ weitergeht, kann man sich dennoch kaum vorstellen. Istanbul ist kein Ort mehr, an dem ein deutscher Sender einfach so Krimis drehen kann. Sie spielen sich dort jeden Tag in der Realität ab.

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