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„Irland-Krimi“ in der ARD : Die Mörder sind reif für die Insel

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Hat eigentlich schon genug mit sich selbst zu tun: Die Polizeipsychologin Cathrin Blake (Désirée Nosbusch) am Tatort. Bild: ARD Degeto/Sammy Hart

Hier ist noch viel salzige Seeluft nach oben: Im „Irland-Krimi“ verleiht Désirée Nosbusch einer Polizeipsychologin eine glaubwürdige Erscheinung, muss die grüne Insel aber mit wenig Personal bespielen.

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          Vor einigen Jahren noch konnte man in Dublin nicht U-Bahn fahren, ohne sich mit Literatur konfrontiert zu sehen. Dort, wo andere Städte in den Waggons Werbung anbrachten, gab es in der Hauptstadt der Republik Irland Seamus Heaney und William Butler Yeats statt Lebensversicherungsanzeigen. Nun, was ist eine Police schon gegen ein Gedicht? Neben Heaney und Yeats hat Irland zwei weitere Literaturnobelpreisträger hervorgebracht: George Bernard Shaw und Samuel Beckett. Und ob man an Swift denkt, an Wilde oder Joyce – in puncto anerkannter literarischer Hochbegabung ist die Nation weit vorn. In puncto Satire und Spott ohnehin. Zeitgenössische Krimis haben, wie etwa bei Jess Kidd (County Mayo) oder Tana French (Dublin) hohe erzählerische Qualitäten. Wo man außerhalb der Städte jederzeit Gefahr läuft, in zauberische Feenringe zu stolpern, vor allem betrunken, und wo für den Besuch des polnischen Papstes Johannes Paul II. eigens ein Flughafen auf das Marienerscheinungs-Feld von Knock gebaut wurde (der irische Nationalbarde Christy Moore singt ein Lied davon), da kann es einen nur wundern, dass für das öffentlich-rechtliche Krimifernsehen, das sich schon durch sämtliche europäischen Länder hindurchgemordet hat, die Republik Irland bislang bloß ein grüner Fleck auf der Landkarte war. Dass man das Schreiben der Drehbücher besser einheimischen Autoren anvertraut hätte, liegt nach Ansicht der Dinge allerdings auf der Hand.

          Im erwiesenermaßen wildromantischen Galway ermittelt nun in der Degeto-Produktion „Der Irland-Krimi“ eine düster-kaputte Polizeipsychologin in Fällen, die einen Bezug zur irischen Geschichte, irischen Mentalität, irischen Diskriminierungshistorie, zu irischem Drogenhandel und irischer Schreckensherrschaft bestimmter Teile der katholischen Kirche haben sollen. Ob es nach dem zweiteiligen Auftakt weitergeht, wird nicht zuletzt die Quote entscheiden. Die ausgiebig eingesetzten Landschafts- und Meeresküstenaufnahmen halten, trotz überflüssiger Unschärfespielereien und Filter-Bildrandauflösungen (Kamera Roland Stuprich), schon einmal, was die Natur dem Liebhaber verspricht. Landschaftsatmosphärisch gibt es an „Die Toten von Glenmore Abbey“ und „Mädchenjäger“ nicht viel auszusetzen. Zentralfigur Cathrin Blake (Désirée Nosbusch) ist Psychologiedozentin, bildet therapeutische Nachwuchskräfte aus und berät die Garda, die irische Polizei, in besonderen Fällen. Jetzt allerdings nur noch sporadisch, seit ihr Mann, ein Polizist, vor zehn Jahren spurlos verschwand, sie sich fast ums Leben soff und als stadtbekannte Alkoholikerin ihren Sohn Paul (Rafael Gareisen), jetzt zurückgekehrter Polizeifotograf, für einige Zeit zu den Großeltern nach Deutschland schickte.

          Cathrin Blake erinnert an eine Mischung aus Dr. Tony Hill und DCI Karen Pirie, zwei abgestürzte Figuren der schottischen Autorin Val McDermid. Désirée Nosbusch, die als luxemburgische Bankerin Christel Leblanc in „Bad Banks“ zuletzt ein fulminantes Schauspielcomeback zeigte, gibt ihrer gebrochenen Figur physisch und mimisch zurückhaltend besonders durch Duktus und Timbre ihrer Stimme eine Art lebenserfahrener, schleppender Zurückhaltung, die angenehm überrascht. Das Buch von Christian Schiller und Marianne Wendt verleiht ihr deutsche Wurzeln, das soll eine Art Mentalitätenbrücke schlagen. Schließlich „wage“ man es hier, so der Pressetext, neben Hauptdarstellerin und zwei, drei Nebendarstellern die Rollen mit dem deutschen Publikum unvertrauten Iren zu besetzen. Besonders riskant wirkt das Ergebnis freilich nicht, allenfalls gibt es die üblichen Synchronisierungsauffälligkeiten.

          Im ersten Fall ging es um eines der berüchtigten Magdalenenheime, in denen ledige Schwangere von Nonnen als Wirtschaftskräfte missbraucht und erniedrigt und ihre Kinder entweder zur Zwangsadoption freigegeben oder, nicht selten, durch Vernachlässigung oder Schlimmeres ermordet wurden. Auch Cathrins Mann war ein „Magdalenenkind“, sein Tod wird bestätigt und mit einem Korruptionsfall bei der Garda in Verbindung gebracht. Im zweiten Fall wird sparsam weitererzählt. Cathrin Blake therapiert inzwischen zwei junge Männer. Einen mit mörderischen Fetischphantasien und einen jungen „Traveller“, Nathan (Robert McCormack), dessen fahrende Angehörige in Irland zur ausgegrenzten Minderheit gehören.

          Ein Mörder drapiert junge Frauen als grellgeschminkte Puppen vorzugsweise am Strand. In Gefahr gerät auch die unerfahrene Nachwuchspolizistin Emma (Mercedes Müller, hier unterbeschäftigt). Apropos sparsam: Das Erscheinungsbild beider Fälle, eigentlich souverän in Szene gesetzt von Züli Aladag („NSU-Trilogie: Die Opfer“), leidet anscheinend unter Personalknappheit. Im Polizeiquartier sieht man immer nur dieselben vier Gesichter, das ehemalige Magdalenenheim ist von zwei Nonnen besetzt und vor allem der Clan der traditionell in Großfamilien lebenden „Traveller“ besteht gerade einmal aus sechs bis sieben Verwandten. Ob das Spardiktat auch der Grund ist, warum beim Thema Drogenhandel über die IRA kein einziges Wort fällt, sei dahingestellt. In Nobelpreisregionen muss es nicht gehen, aber im „Irland-Krimi“ ist auch erzählerisch noch viel salzige Seeluft nach oben. Allein schon wegen Désirée Nosbusch wäre eine Fortsetzung wünschenswert.

          Der Irland-Krimi: Mädchenjäger läuft heute um 20.15 Uhr im Ersten.

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