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„Unterwerfung“ in der ARD : Unterm Schleier

Alles scheint wie immer, doch alles ändert sich: François (Edgar Selge) im Paris der Muslimbrüder. Bild: rbb/NFP/Manon Renier

Die ARD hat Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ verfilmt. Edgar Selge glänzt darin als Hauptfigur. Der Islam spielt eine Nebenrolle.

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          Am Tag, an dem Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ erschien, wurde in Paris ein Albtraum wahr: Islamistische Attentäter stürmten die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ und ermordeten zwölf Menschen. Houellebecq, der auf der aktuellen Ausgabe des Hefts als Orakel zu sehen war, tauchte sicherheitshalber tagelang unter. Sein Roman wirkte nun wie die Vorwegnahme realen Grauens. Er beschreibt die Errichtung einer islamischen französischen Republik, bürgerkriegsähnliche Zustände und die willige Unterwerfung der Intellektuellen unter das antidemokratische, antiaufklärerische Diktat der korangläubigen neuen Machthaber.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das war im Januar 2015. Ziemlich genau ein Jahr später, Deutschland hatte gerade den Höhepunkt der Flüchtlingskrise hinter sich und diskutierte über Folgen aus den Silvesterübergriffen auf der Kölner Domplatte, stieg Edgar Selge als Houellebecqs Antiheld oder Alter Ego François aus „Unterwerfung“ im Schauspielhaus Hamburg auf die Bühne: Die Regisseurin Karin Beier hatte den Skandalroman – als solcher war er wegen seiner brisanten Thematik und der in ihm freizügig verbalisierten Obszönitäten oft tituliert worden – nah an der Vorlage für das Theater adaptiert.

          Dem Ich-Erzähler des Romans, dem in seichter Wert-, Sinn- und Ziellosigkeit zwischen Liebschaften, Lektüre und Alkohol dahintreibenden François, hatte sie einen zweieinhalbstündigen Monolog auf den Leib geschrieben, den Edgar Selge furios mit Leben erfüllte. Die Inszenierung war ein Triumph: In einem abstrakten Bühnenbild, das dem Darsteller nur die übermannshohe Leerform eines Kreuzes als Gegenspieler und Requisit anbietet, herrscht der Text: die vor Lebensüberdruss, Zynismus, schwarzem Humor, Ironie und dystopischem Schrecken überfließenden Sätze, die Houellebecq François in den Mund gelegt hat.

          Sie verlässt das Land, solange sie noch kann: Myriam (Alina Levshin).

          Einem Mann, der mit Schrecken reagiert, als im fiktiven Frankreich anno 2022 der Anführer der gleichfalls fiktiven französischen Bruderschaft der Muslime an die Macht kommt (die Alternative wäre Marine Le Pen gewesen), als Frauen aus dem Berufsleben gedrängt werden, Juden das Land verlassen und die Sorbonne islamisiert wird. Doch dann gleitet François immer widerstandsloser hinüber in die patriarchale, vermeintlich gottgewollte Ordnung, die Männern wie ihm so viel mehr Annehmlichkeiten in Aussicht stellt, angefangen mit der Vielehe. Am Ende stellt der Protagonist seine Konversion in Aussicht und steht in Edgar Selges Gestalt im traditionellen islamischen Gewand auf der Bühne.

          Man muss sich das alles in Erinnerung rufen, weil dieser Roman Houellebecqs wie wenig andere aktuelle Literatur ein Werk mit Kontext ist und weil die deutsche Theaterfassung in bewundernswerter Weise die Provokation dieses Textes auf die Bühne gebracht hat, ohne den Zuschauer zu schonen, ohne ihm Brücken über dessen Abgründigkeit hinweg zu bauen. Nun hat die ARD unter Federführung des rbb „Unterwerfung“ in eine Fernsehfassung gebracht, wieder mit Edgar Selge in der Hauptrolle und unter der Regie seines Neffen Titus Selge. Wie gehen die Selges das an?

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