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Fernsehfilm „Operation Zucker“ : Was Kinderschänder anrichten

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Mit der Hilfe von Lucy (Carlotta von Falkenhayn) und Victor (Rick Okon) hofft die Polizistin Karin Wegemann (Nadja Uhl, rechts) die Täter der „Jagdgesellschaft“ zu finden. Bild: Wiedemann & Berg Television GmbH

Der Film „Operation Zucker. Jagdgesellschaft“ blickt auf die schlimmsten Verbrechen an Kindern, die man sich vorstellen kann. Er beruht auf Recherchen zu organisiertem Sadismus, der nicht erfunden ist.

          Dieser Film beginnt mit Bildern wie aus einem Albtraum. Ein Junge wird im Wald aus dem Auto geworfen, halb bewusstlos erbricht er sich, schafft es, sich aufzurichten, versucht davonzurennen. Am Seil, das um seinen Knöchel gebunden ist, wird er wieder eingefangen. Es ist ein sadistisches Spiel. Der Jäger lässt sein Opfer kurz im Glauben, es könne entkommen, dann weidet er sich an seiner Todesangst. „Operation Zucker. Jagdgesellschaft“ zeigt den Täter in diesem Moment nicht, nur den an Leib und Leben bedrohten Jungen. Der Kamerablick ist der Blick des Täters. Von Beginn an lässt der Film keine Chance zur Distanzierung. Ausschalten wäre die einzige Option. Sie entspräche dem, was in Deutschland in Bezug auf Kinderhandel und Kinderprostitution geschieht: dem strukturellen Wegschauen.

          Genau wie der Vorgängerfilm „Operation Zucker“, der Ende 2012 zu sehen war, geht „Jagdgesellschaft“ an die Nieren. Alles, was hier dargestellt wird, beruht auf sorgfältigen Recherchen. Es sind keine fiktiven Fälle und Hintergründe, welche die Produzentin Gabriela Sperl zunächst mit Rolf Basedow und Philip Koch, nun mit den Autoren Friedrich Ani und Ina Jung zu einem Dossier der Schande zusammengetragen hat. Kinderhandel ist ein lukrativer Wirtschaftszweig, wie Waffen- und Drogenhandel. Deutschland ist einer der besten „Absatzmärkte“. Besonders schwierig zu verfolgen und nachzuweisen sind die abscheulichen Verbrechen, die Erwachsene an den Wehrlosen begehen. Das liegt an der Traumatisierung und Konditionierung der Opfer oder ihrer völligen Hilflosigkeit und an der Vernetzung und am geheimgesellschaftlich organisierten Zusammenschluss der „Täter“. Bis in höchste Kreise weisen die Spuren, die Täter sind Juristen und Politiker, vielleicht Minister, Arbeitgeber, Ärzte und sonstige Honoratioren. Mehr als die Hälfte von ihnen ist, so sagen Statistiken, nicht pädophil. Es geht um Macht und Kontrolle, um die Erniedrigung eines Mädchens oder Jungen zur Ware.

          Die „Ware“ wird zur Schau gestellt

          In diesem Zusammenhang zeigt der Film seine bedrückendsten Bilder. Im ersten Film war es eine Auktion von rumänischen Kindern, bei der die „Ware“ sich auf einer Bühne halbnackt zur Schau stellen musste, während die Zwischenhändler Gebote und Zoten über die „Qualität“ von sich gaben und eine „Moderatorin“ zynisch den künstlerischen Wert der Darbietung lobte. Nun sieht man, wie die Frau des brandenburgischen Bauunternehmers Kai Voss (Sebastian Hülk), Helen Voss (Jördis Triebel), die zehnjährige Lucy herrichtet, bevor sie in den Kofferraum des Geländewagens von Voss krabbelt, um von ihm zum Sex mit einem Mann ausgeliefert zu werden.

          „Lebendpizza“ heißt diese Art der Bereitstellung der „Ware“ im Jargon. Mehrfach sieht man, wie die Mädchen, auch die vierzehnjährige Vanessa, zur freien Verfügung abgegeben und im „gebrauchten“ und „beschädigten“ Zustand wieder abgeholt werden. Mädchen werden wie eine Hülle über die Schulter geworfen, Mädchen werden bei eiskalten Temperaturen, mit „Büßerhemden“ bekleidet, im Schweinestall angekettet, später dürfen sie der Jagdgesellschaft beim opulenten Schmaus zusehen, bevor sie in der Dunkelheit losgejagt werden und abgeknallt wie Vieh. Es ist so gut wie unmöglich, sich die anderen Taten nicht vorzustellen, nicht aus den Kindergesichtern auf die „Vorlieben“ der Sadisten zu schließen. Insofern erspart der Film, von Sherry Hormann inszeniert, Zuschauern nichts, obwohl er nicht alles zeigt.

          Auch in anderer Hinsicht geht „Operation Zucker. Jagdgesellschaft“ wohlüberlegt mit den Mitteln des Fernsehens um. Fakten und Hintergrundinformation werden nicht langatmig vorgetragen, sondern von den beiden Polizisten herausgezischt, die den Kinderschänderring, um den es hier vorrangig geht, zerschlagen wollen und dabei, behindert von allen Seiten, scheitern.

          Karin Wegemann (Nadja Uhl) versucht, das Vertrauen von Lucy (Carlotta von Falkenhayn) zu gewinnen.

          Nadja Uhl gibt abermals eine beeindruckend wütende Vorstellung als selbst traumatisierte Polizistin Karin Wegemann. Misel Matičević ist Ronald Krug, Ermittler auf dem Abstellgleis, der Wegemann unterstützt. Staatsanwalt Mack (Rainer Bock) steht den beiden zur Seite. Ins Rollen gebracht wird der Fall durch den Journalisten Maik Fellner (André Szymanski), der in Vanessa eine inzwischen verschwundene Zeugin gefunden hat und der zu Recht um sein Leben fürchten muss. Undurchsichtig bleibt der Innenminister (Matthias Matschke), sein Staatssekretär (Robert Schupp) zählt zum Kreis der Kinderschänder.

          „Man wünscht sich, es müsse solche Filme nicht geben“, hieß es an dieser Stelle zu „Operation Zucker“. Zu ergänzen ist: Zum Glück gibt es solche Filme, die entlarven, aufklären und Zusammenhänge stiften. Auch wenn sie zunächst „nur“ die Ohnmacht zeigen (die es bei veränderter Gesetzgebung und Anwendung in der Praxis so nicht geben müsste). Im Anschluss sprechen Fachleute bei „Maischberger“ über mögliche Konsequenzen. Gedankt werden muss den Kindern und Jugendlichen, die schauspielernd dem Grauen ein Gesicht geben: Carlotta von Falkenhayn als Lucy, Stephanie Amarell als Vanessa, Mathilde Bundschuh als Laura und Rick Okon als Victor.

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