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TV-Film „Nord bei Nordwest“ : Diese Wikingersage geht auf kein Kuhfell

  • -Aktualisiert am

Ist das „Der wilde Sven“? Nein, nur Cem-Ali Gültek als kostümierter Fremdenführer. Hauke Jacobs (Hinnerk Schönemann, links) und Lona (Henny Reents) befragen ihn. Bild: NDR/Gordon Timpen

Komödie, Schnulze oder Krimi? Das ist die Frage, wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen einen Film dreht. „Nord bei Nordwest. Der wilde Sven“ zeigt, was dabei alles schiefgehen kann. Da ertrinkt einer sogar in seinem Bett.

          Eine alte Sage will es so: Wer einen Film für unser gemütliches Gebührenfernsehen plant, wird mit verbundenen Augen an einen geheimen Ort geführt, wo er einen Blick in die Regeln werfen darf, die es offiziell nicht gibt. Punkt 1: Ein Film, der keine Schnulze ist, ist ein Krimi - selbst wenn er eine Komödie ist. Punkt 2: Filme, die lustig sein wollen, brauchen eine Kuh. Auch die lokalen Ausdifferenzierungen der Produktionen sind genau geregelt. Etwa Punkt 17: In Filmen, die im Norden spielen, wird, wenn irgend möglich, nicht geredet, stattdessen wabert in ihnen der Küstennebel. Und schließlich Punkt 100: Wer auch nur eine Regel bricht, den holen Bully Herbig und die starken Männer des Privatfernsehens. Wobei Bully Herbig nun, da er sich nur noch ernsten Themen widmen will, auch nicht mehr mitspielt.

          Dabei hätte der Mann, der „Wickie und die starken Männer“ auf die Kinoleinwand brachte, vielleicht auch diesen Film gerettet: „Der wilde Sven“ von Holger Karsten Schmidt (Drehbuch) und Jochen Alexander Freydank (Regie) lässt ebenfalls Wikinger umgehen, fügt sich aber ganz bescheiden ins öffentlich-rechtliche Programm.

          Der Tierarzt ermittelt

          Weil die zweite Folge der Serie „Nord bei Nordwest“ keine Schnulze ist, ist sie notgedrungen ein Krimi. Es ermittelt ein Tierarzt als reaktivierter Ex-Polizist in einer Angelegenheit, die an behäbigste „Tatort“-Folgen erinnert, sagen wir an Fälle im Saarland oder am Bodensee. Aber das fällt kaum ins Gewicht, denn erstens wird ja (fast) nicht geredet (wir befinden uns an der Ostsee), zweitens geht die Handlung beinahe vollständig im Küstennebel unter, dem hier mittels Digitaltechnik und Rauchbomben kräftig nachgeholfen wird.

          Schmunzeln soll der Zuschauer dennoch, denn Krimi und Komödie schließen sich bekanntlich nicht aus. Die Kuh heißt Gaby. Sie frisst nicht und hat vielleicht „den wilden Sven“, so heißt ein Fluch, der allerdings eigentlich nur Menschen trifft. Alle sieben Jahre, raunt man, kommt der einst ausgetrickste Wikinger vorbei und schnappt sich zwei arme Seelen aus dem beschaulichen Küstenort Schwanitz. Ein Mann ist an diesem Tag schon dahingeschieden, genauer: Er ist „in seinem Bett ertrunken“.

          Ganz übel ist der Film nicht, und das ist das eigentliche Problem. Weil es immer ärgerlich ist, wenn etwas zu einem ansehnlichen Ergebnis hätte führen können - und es beim Konjunktiv bleibt. Die mittelmäßig wilde Sven-Saga verschenkt geradezu mit Genuss, was zu Beginn neugierig auf die Handlung und die Charaktere macht. Dabei ist die aus der ersten Folge übernommene Grundkonstellation recht apart und charmant gespielt dazu: Schüchterner Mann wird von zwei rothaarigen Meerjungfrauen - der Tierarzthelferin Jule Christiansen (Marleen Lohse) und der einsamen Dorfpolizistin Lona Vogt (Henny Reents) - umgarnt, sitzt aber lieber mit seinem Hund auf dem Hausboot herum. Leider wird die Skurrilität bald mit einer handelsüblichen Polizisten-Vorgeschichte wegerklärt: irgendeine schiefgegangene Operation, Kronzeuge, Lebensgefahr, egal.

          Sie kümmern sich um das liebe Vieh: Lona (Henny Reents, links) und Jule (Marleen Lohse).

          Schnell nimmt der schnodderig vorgetragene Kriminalfall zu viel Raum ein und behelligt den Zuschauer mit Schmu wie: „Gleichen Sie das bitte mit der Datenbank ab“ und: „Ich hab kein Alibi.“ Der Tote war sieben Jahre zuvor auf einer Gruppenbootstour, welche eine Frau nicht überlebte. Wurde sie Opfer des wilden Sven? Oder lief da etwas anderes? Einiges sogar, erfahren wir. Spannend ist das aber noch nicht.

          Nur der Lakonik gelingt es, die Langeweile einigermaßen in Schach zu halten. Aber dass jeder zweite Satz die Wendung „der wilde Sven“ enthält und immer wieder gehörnte Helme durch den Nebel schwanken, hätte wirklich nicht sein müssen. Und Cem-Ali Gültekin ist als kostümierter Fremdenführer zwar visuell eine Schau, mehr aber auch nicht. Man kann es nicht anders sagen: Der Fluch ist wahr geworden. Der durchgeknallte Wikinger hat sich den Film geholt. Kein Wunder, dass Gaby nicht mehr will. Einmal Filmkuh und dann das.

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