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ARD-Film „Nachts baden“ : Manche Eltern werden nie erwachsen

  • -Aktualisiert am

Rocksängerin Pola (Maria Furtwängler) gerät in einen Mutter-Tochter-Konflikt. Bild: NDR/Erika Hauri

In „Nachts baden“ spielt Maria Furtwängler eine Rocksängerin im Unruhestand. Sie bekommt Probleme mit ihrer Tochter, die aber vor allem ein Problem mit ihrem Vater hat: Ein typischer ARD-Problemfilm am Mittwoch.

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          Kinder von Berühmtheiten haben es schwer im Leben. Das bekannteste Beispiel ist wohl August von Goethe, auf dessen Grabstein auf dem protestantischen Friedhof in Rom nicht einmal sein Name verzeichnet ist, sondern „Goethe Filius“. Anerkennung ist am ehesten auf Gebieten zu erreichen, die mit dem Gewerbe der Eltern nichts zu tun haben. Also werden Kinder von Unternehmern nicht selten Künstler und Sprösslinge von ausgeflippten Stars oder Altachtundsechzigern eher Buchhalter und Banker.

          Ähnlich wie Jenny (Tijan Marei), Tochter einer heißen Rockröhre in supersexy Skinny-Jeans, die unter dem Namen Pola X einst eine große Nummer in der Musikszene war. Jenny studiert jetzt Wirtschaft, unter Zuhilfenahme von Angstlösern und Panikattacken-Verhinderungs-Medikamenten. Wer daran schuld ist, ist erst einmal sonnenklar in „Nachts baden“, einem hier und da amüsanten, psychologisch aber stark überambitionierten ARD-„Mittwochsfilm“ von Ariane Zeller (Buch und Regie) und Frank Zeller (Buch).

          Mütterlich war die alleinerziehende Pola (Maria Furtwängler) nicht, jedenfalls nach Jennys Dafürhalten. Sie hat sie auf Gigs mitgeschleppt, aber dann in der Garderobe sich selbst überlassen. Bis die Kleine die Nase voll hatte und mit zwölf ins Internat floh. Jenny hält ihre Mutter für egoistisch, selbstbezogen, narzisstisch gar. Nun macht Pola auf „easy living“ auf Mallorca, „boyfriends“ an ihrer Seite. Während Jenny ihrem abwesenden, leistungsfanatischen Professorenvater (Harald Schrott mit überzeugendem Kurzauftritt) beweisen will, dass sie dem neuen Praktikanten aus St. Gallen in punkto „gnadenloser Fokussierung“ nicht nachsteht.

          In der Finca der Mutter will sie mit Kommilitone Kasimir (Jonathan Berlin, im Dauerschmachtmodus arg unterfordert) nach striktem Zeitplan lernen – und weiter dauernd Listen anlegen, zur Selbstberuhigung. Das Quartett der Wahlverwandtschaften komplettiert Musikmanager FK Butzke (Karsten Antonio Mielke), früherer Liebhaber Polas, die völlig pleite nach ihrem abhanden gekommenen „Songwriter-Spirit“ oder wenigstens nach Einkommensmöglichkeiten sucht. Mutter-Tochter-Konflikt, Liebelei über Kreuz, „gechillt werden“ auf der Deutschen liebster Klischee-Insel, Selbst- und Fremderkenntnis, Aufarbeitung und Neustart – Ariane und Frank Zeller haben „Mittwochsproblemfilm“-gemäß ein Degustationsmenü typischer Konstellationen und Krisen entworfen (Kamera Florian Emmerich).

          Maria Furtwängler, die in ihren ersten Szenen Heidi-Klum-Gedächtnisposen und „walk“ zur Ansicht bringt und in grauenhaftem Denglisch sprechen muss („Das schmeckt delicious“; „because“, „nice“ und „fucking“ in jedem Satz), wird auf einen Natürlichkeits-Hindernisparcours geschickt und entdeckt als Pola sowohl ihre mütterlichen als auch ihre musikalischen Talente neu (sie singt sogar). Tijan Marei gibt dem Erkenntnisprozess ihrer Figur den nötigen Charme.

          Jenny begreift, dass ihr Vaterproblem vielleicht größer ist als ihr Anti-Mutter-Gefühl, und das Sex mit dem Ex ihrer Mutter zum Repertoire der niederen Waffengattung zählt. Der arme Kasimir schaut belämmert wie am ersten Tag, hat aber immerhin eine gute Zeit beim Schwimmen und sonst nichts weiter zu melden. Und Butzke erweist sich als tieferes Wasser als gedacht. Die glückliche Familienaufstellung zum Schluss erspart einem „Nachts baden“ immerhin, aber das macht die durchwachsene Mixtur aus „Starfeature“ und Familiendrama auch nicht besonders. Immerhin erspart man uns Hans und Franz, und auch von den Kaulitz-Zwillingen fehlt jede Spur.

          Nachts baden, heute, Mittwoch 25. September, um 20.15 Uhr im Ersten.

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