https://www.faz.net/-gqz-8buc9

ARD-Film „Kleine große Stimme“ : Wie im schönsten Heimatfilm

Kein Fremder mehr: Der neue Wiener Sängerknabe Benedikt (Wainde Wane) rührt alle zu Tränen. Bild: BR/Mona Film/Petro Domenigg

Und zum Schluss singen alle ein Lied: Das Erste erzählt in „Kleine große Stimme“, wie ein Junge mit dunkler Haut 1955 zum Wiener Sängerknaben wird. Es ist ein Rührstück aus einer anderen Zeit.

          Die Zeiten ändern sich!“, frohlocken sie am Ende dieses Heimatfilms, der im Wien des Jahres 1955 spielt, und wischen sich die Tränen der Rührung aus den Augen. Es ist auch wirklich zu schön, um wahr zu sein, wie alles, alles heil geworden ist, und das schon so kurz nach dem Krieg. Mit Musik geht eben alles leichter, und wo man singt, da lass dich ruhig nieder et cetera. Gleich tritt sicher Peter Alexander auf, wirft sich die weiße Kellnerserviette über den befrackten Unterarm und intoniert Seit’ an Seit’ mit einem afroamerikanischen Gast: „In the white horse guest house at Wolfgangsee stands happiness at the door“ als weltoffene Strophe zum Liederreigen nationaler Selbstheilung im Geiste der Sentimentalität.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch halt, „Kleine große Stimme“, dieses Film gewordene Stück Frankfurter Kranz zum Kännchen draußen, stammt ja gar nicht aus der Ära wirtschaftswunderbarer Vergangenheitsbewältigungs- und Realitätsflucht, sondern ist eine aktuelle Koproduktion von ARD und ORF. Da mag man sagen: Euro-Krise, Flüchtlingskrise, immer nur Krimis im Abendprogramm – da sucht der Mensch nun einmal Trost und positive Perspektiven. Das Gefühl, dass alles mit ihm und seinem Land in Ordnung ist, dass alles gut wird, selbst wenn Böses geschehen ist und große Herausforderungen warten. Stimmt. Aber muss es deshalb gleich zugehen wie beim Förster im Silberwald?

          Der hätte seine helle Freude an dieser Geschichte gehabt, die der Drehbuchautor Rupert Henning und der Regisseur Wolfgang Murnberger auflegen. Denn die geht so: Es war einmal eine ungeliebte Halbwaise namens Benedikt (Wainde Wane), ein Knabe mit goldener Kehle und dunkler Haut, der von seinen rassistischen Großeltern, ihres Zeichens Kneipenbesitzer, als Wirtshausbelustigung ausgebeutet wird. Das verachtete Kind eines abgängigen amerikanischen Besatzungssoldaten nimmt Reißaus, fährt mit der Dampflok nach Wien und wird von Kohleauslieferern, die ebenfalls schwarz sind, zum Vorsingen bei den Wiener Sängerknaben befördert.

          Der Kapellmeister bittet zum Tanz: Max Goldberg (David Rott) hat ein Auge auf Fräulein Elsa (Miriam Stein) geworfen.

          Deren Kapellmeister ist Max Goldberg (David Rott), ein aus Amerika remigrierter österreichischer Jude, der wie sein Vater (Karl Merkatz) nie aufgehört hat, die deutsche Kultur zu lieben. Obwohl der Vater seine Frau im Holocaust verloren hat, enteignet wurde und nur knapp mit dem eigenen Leben davonkam. Max liebt Fräulein Elsa (Miriam Stein), die liebliche rechte Hand des Direktors. Elsa liebt Listen und Regeln, aber sie weiß sich zu wehren, als Max ihr das zum Vorwurf macht: Nicht jeder, der auf Ordnung halte, sei ein alter Nazi. Und so regelkonform, wie es erst scheint, ist Elsa natürlich auch nicht.

          Doch zwischen ihr und dem Kapellmeister aber steht der Sängerknaben-Erzieher Roschek (Philipp Hochmair), der auf militärischen Drill wie setzt und keinen „Neger“ bei den Sängerknaben dulden will. Auch Roschek liebt Elsa. 

          Sucht seinen Sohn: Benedikts Vater Jerry (Tyron Ricketts), der singende amerikanische Sergeant, auf den Weg zum Happy End.

          An dieser Schablonensammlung aus dem Setzkasten des Heimatkitsches ändert auch nichts, dass die Schauspieler den einen oder anderen kleinen feinen Moment erspielen. Zu oft müssen sie Integrationsreden von heute im Wien von damals aufsagen. Der Schmerz der Hauptfigur, das Ringen der Nebenfiguren, all das wirkt nur aufgemalt. Wenn es wieder herzergreifend werden soll, rollt schon von weitem Musik heran, bis zum schamlos herbeigesungenen emotionalen Höhepunkt im Konzertsaal.

          Wird Benedikt, ordentlich seitengescheitelt und in Matrosenuniform, eine neue Familie in dem Wiener Traditionsunternehmen finden, mit vielen Sangesbrüdern, die „Gaudete, gaudete!“ schmettern? Die anderen Jungen quälen ihn zuerst, aber doch nur, weil sie selbst eine schwere Kindheit haben. Wird seine Oma, die ihn zehn Jahre lang hat leiden lassen, plötzlich ihr Herz für ihn entdecken? Wird Benedikt nach Amerika reisen müssen, um mit seinem Vater, der wie Sam in “Casablanca“ in der Bar Piano spielt, ein Duett zu singen?

          Wird zu Humperdincks „Brüderchen, komm tanz mit mir“, verwandelt in eine schmissige Rock-’n’-Roll-Nummer, Fräulein Elsa dem Richtigen ihr Herz schenken? Die Antworten sind so klar wie das Echo der Berge.  Wenn „Kleine große Stimme“ heute Abend zur besten Sendezeit im Ersten läuft, wird es sein, als hätte sich seit den fünfziger Jahren zumindest im Unterhaltungsfernsehen nichts getan.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Einmal mehr hatte Paco Alcacer (Mitte) großen Anteil am Dortmunder Erfolg.

          Dortmunds 2:1 gegen Bremen : Wie berauscht

          Der Tabellenführer der Bundesliga ist derzeit nicht zu stoppen: Gegen Werder Bremen kommt die Borussia zu einem verdienten Heimerfolg und ist nun inoffizieller Herbstmeister. Kurz vor dem Schlusspfiff wird es nochmal turbulent.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.