https://www.faz.net/-gqz-8v4ia

ARD-Film „Katharina Luther“ : Von der Freiheit eines tristen Menschen

Eine Erlösung ist diese Ehe nicht: Martin Luther (Devid Striesow) und seine Frau Katharina (Karoline Schuch) fürchten den Leibhaftigen. Bild: MDR/EIKON Süd/Junghans

Gestatten, Frau Luther: Das Erste porträtiert Katharina von Bora als patentere Hälfte des Reformators. Als Beitrag zum Reformationsjubiläumsjahr fällt der Film sehr fromm und bieder aus.

          Man könnte es eine ironische Fügung nennen, dass diese Frau ein Kloster verließ, um ein anderes Kloster auf Vordermann zu bringen. Nachdem sie 1525 Martin Luther geheiratet hat, steht die sechsundzwanzigjährige aus Kloster Nimbschen „entlaufene Nonne“ nun im ehemaligen Augustinerkloster von Wittenberg, das der Kurfürst seinem berühmten Theologieprofessor zur Wohnung gegeben hat. Für Hausarbeit hat Luther nichts übrig, es wird Tag und Nacht geschrieben und disputiert, dementsprechend sieht es bei ihm aus. Da kommt eine praktisch veranlagte Frau für die Wiederherstellung der Räumlichkeiten gerade recht. Und alsbald wirbeln Handwerker um den arbeitenden Reformator, ziehen ihm die Bücher unter dem Gänsekiel weg, und die Gattin richtet ihm mit Sorgfalt jenes Zimmer ein, das die ganze Welt als „Lutherstube“ kennt. Da reformiert es sich doch gleich viel besser.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          „Katharina Luther“ heißt der Fernsehfilm, den das Erste heute Abend zeigt, obwohl wiederum die ganze Welt diese Frau als Katharina von Bora kennt. Aber der Titel des Films soll keineswegs signalisieren, dass sie im Schatten von Luther stand. Vielmehr wird damit zum Ausdruck gebracht, dass sich das, was wir von Luther kennen, zu nicht unerheblichem Teil der Frau an seiner Seite verdankt. Dieser Fernsehfilm ist die feministische Facette des Reformationsjubiläumsjahrs.

          Auch der Film „Katharina Luther“ wurde auf dem Fernsehfilmfestival gewürdigt: Karoline Schuch als Katharina von Bora.

          Regie führte Julia von Heinz, hinter der Kamera stand Daniela Knapp. Nur beim Drehbuch durfte ein Mann ran: Christian Schnalke. Und natürlich Devid Striesow in die Rolle von Martin Luther schlüpfen. Die Maske hat ihn so hergerichtet, dass er den markanten Zügen nach wie frisch vom Wittenberger Denkmalsockel herabgestiegen erscheint, doch zugleich ist er auch knuffig geraten mit dem mal schelmischen, dann wieder schüchternen Lächeln. Da ist die von Karoline Schuch gespielte Katharina ein ganz anderes Kaliber, ätherisch schön und doch willensstark. Ihre Haarfarbe weist sie als Teufelskerl aus, als sie mit fünf weiteren entflohenen jungen Nonnen 1523 in Wittenberg eintrifft: die rote Bora und ihre Bande.

          Begonnen aber hat der Film mit dem Bild eines kleinen Mädchens, das unschuldig spielt, während es mit dem Vater schon auf dem Weg ins Kloster ist, wo Katharina um ihres Seelenheils willen der Welt entsagen soll – und zur Schonung des Familienbudgets. Fast zwanzig Jahre später findet die aufrührerische Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ den Weg hinter die Klostermauern. Die mittlerweile erwachsene Katharina konfrontiert ihre Oberin mit der darin verkündeten Theologie: „Was antwortet unsere Kirche darauf?“ Der fällt außer der Vernichtung der Broschüre nichts dazu ein. Also schreibt Katharina an den Autor. So kommen sie und Luther in Kontakt.

          Als sie sich dann ein halbes Jahr später in Wittenberg erstmals begegnen, lassen Karoline Schuch und Devid Striesow das nicht wie einen Coup de foudre wirken. Aber beide erkennen aneinander die reine Seele in ansonsten düsterer Umgebung. Nicht nur Luthers Hausstand ist dreckig, sondern das ganze Wittenberg, und selbst bei Cranachs, der befreundeten Malerfamilie, die Katharina aufnimmt, denkt man nur daran, die hergelaufene junge Frau zu verkuppeln. Doch wenn das schon so sein muss, ist ihr nur Martin Luther gut genug.

          Für eine deutsche Fernsehproduktion ist hier ordentlich Ausstattungsaufwand betrieben worden. Leider neigt Julia von Heinz buchstäblich zur Blümchenästhetik und lässt ihre Katharina sich ein wenig zu oft für sonnenbestrahlte Flora begeistern, während Luther den Studierstubenhocker abgibt. Die Botschaft ist klar: Die weltzugewandte Hälfte dieses Ehepaars ist die Frau, und ohne seinen „Herrn Käthe“, wie Luther liebevoll über die Gattin spottete, hätte er wohl keinen einträglichen Beherbergungsbetrieb für Studenten im großen Klostergebäude unterhalten. Katharina hatte eben schnell bemerkt, dass ganz Wittenberg einen guten Schnitt an der Reformation macht, nur nicht der Reformator selbst.

          Das entspricht den historischen Tatsachen, wie sie durch Korrespondenzen und Rechnungsbücher belegt sind. Doch schon zu Luthers Lebzeiten entsprach das einem Familienklischee, das im Mann den freien Geist und in der Frau die banale Wirtschafterin sah. Erstaunlich, dass es heute noch einmal so getreu reproduziert wird – wahrscheinlich ausgelöst dadurch, dass Frauenemanzipation heute vor allem ökonomisch definiert wird. Doch eine eifrige Landaufkäuferin, Gärtnerin und Hausherrin wie Katharina von Bora war damals ganz normal. Ob sie dagegen auch intellektuellen Einfluss auf ihren Mann ausübte, ist unklar. Der Film suggeriert es einmal bei einem von Luthers berühmten Tischgesprächen, doch dafür gibt es keine Quellenbelege. Hier wäre jedenfalls der Raum für Fiktion gewesen, die etwas gewagt und Luther womöglich gegen den Strich gebürstet hätte. Doch es bleibt alles im Rahmen des gängigen Bildes vom Reformator. Sogar die heute dominante Perspektive auf dessen späten Antisemitismus passt noch hinein in dieses Porträt einer Ehe.

          Trotz dieser Ambivalenz ist alles wohlgeordnet im Haushalt der Luthers, auch wenn Albträume und gelegentliche Demütigungen durch die vox populi Dämonen beschwören, die andeuten, wie schwer es gewesen sein muss, als Christenmensch zur Freiheit zu gelangen. Tristesse lauert überall: Kinder sterben, Mittel fehlen, die Schweizer ruinieren die schöne Reformation. Doch aus all dieser Bedrängnis rettet Luther und uns das engelsgleiche Gesicht von Katharina, die von der Kamera weniger cranach- als vermeermäßig eingefangen wird. Und wenn das Leben der beiden Luthers per Texteinblendung dann zum Ende geführt wird, ist es dieses Antlitz, das uns bleibt. Hier lächelt sie, sie kann nicht anders.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Der Regelfall: Deutsche Polizisten als Freunde und Helfer beim DfB-Pokalspiel am 18. August in Ulm

          „NSU 2.0“ in Frankfurt : Die Polizei – dein Feind und Henker?

          Rechtsextreme drohen einer Frankfurter Anwältin, ihre zwei Jahre alte Tochter zu ermorden. Spuren führen zu einem rechtsextremen Netzwerk inmitten der Frankfurter Polizei. Bundestagsabgeordnete aller Fraktionen zeigen sich alarmiert.

          Reisewarnung wegen Brexit : Warnt May die Briten vor Europareisen?

          Der Brexit steht vor der Tür und ob es einen Deal gibt, ist immer noch unklar. Angeblich plant die britische Regierung darum eine Reisewarnung für Europa. Die Regierung dementiert. Doch die Unruhe wächst.

          Schwangerschaftsabbrüche : Die alten Gräben

          In der Debatte über das Werbeverbot für Abtreibungen wird viel Falsches behauptet. Auf beiden Seiten des ideologischen Grabens. Dabei darf man auch den größten Missstand nicht aus dem Auge verlieren. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.