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„Die Heimsuchung“ im Ersten : Was davon ist wahr?

  • -Aktualisiert am

Die Verwirrung steht im Ins Gesicht geschriebent: Kostja Ullmann als BKA-Polizist, dem immer wieder ein totes Mädchen erscheint. Bild: dpa

Mit Mystery-Thrillern haben es ARD und ZDF nicht so. Falls sie es probieren, geht es fast immer schief. Mit dem Film „Die Heimsuchung“ ist das anders. Er stellt uns vor ein schönes Rätsel.

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          Hier steht das Menetekel nicht an der Wand, sondern als Weisheit des Tages in der Zeitung. „Erzähle mir die Vergangenheit, und ich werde die Zukunft erkennen.“ (Konfuzius) An einem anderen Tag: „Gott würfelt nicht.“ (Einstein) Als Ben (Ben Pohlemann) und Timmi (Ilja Bultmann) zehn Jahre alt und beste Freunde waren, sogar Blutsbrüder, schnitten sie immer die interessanten Artikel aus und fügten sie zu einer großen Sammlung, ihrem Weltbild. Es war ihr Ritual, das Bindeglied der Freundschaft. Die Weisheit, Interessantes und Vermischtes, Kriminalfälle. Die Grenzen ihrer Vorstellung waren die Grenzen ihrer Lektüre. Schon damals wollte Ben zur Polizei und Timmi Journalist werden, der eine die Verbrecher entlarven und der andere die Verbrechen beschreiben. Draußen gab es nicht viel, die Ostsee, den Schweinehof von Timmis Vater (Michael Witte) und den kreativ-zerrissenen Haushalt bei Ben (Deborah Kaufmann und Martin Feifel), die besorgte Mutter nähte Wunderdinge, der hadernde Bildhauer-Vater beschäftigte sich mit dem Atlas-Mythos.

          Schlaue, philosophisch oder erkenntniskritisch angehauchte Mystery-Thriller wie „Die Heimsuchung“ sieht man im linearen Fernsehen selten. Knarzende Türen und flackerndes Licht, fahle, unwirtliche Natur und düstere Musik, Raben und abgestorbene Bäume – das versteht man bei ARD und ZDF unter „Mystery“. Von Science-Fiction ganz zu schweigen. Filme wie die NDR-Produktion „Teufelsmoor“, in der Bibiana Beglau und Silke Bodenbender versuchen, dem Offenbarten Geheimnis zu geben, wo das Drehbuch eindimensional ist, sind zum Abgewöhnen. Wenn der „Tatort“ sich ins Horrorgenre wagt, wie beim experimentiergeneigten HR, knirscht es im Erzählgebälk. Das Problem scheint ein Verständnis von Fiktion als reiner Unterhaltung zu sein. Für das Verspielte, Versponnene, Vieldeutige und Gruselige habe der Fernsehzuschauer, so heißt es häufig, nichts übrig. Gedankenspiele lehne er ab.

          Der Erfolg von Netflix & Co. bewirkt inzwischen aber doch etwas. „Die Heimsuchung“ etwa kann mit Serien wie „Dark“ erzählerisch mithalten. Das abgeschlossene Neunzig-Minuten-Format hat hier den Vorzug einer konzentrierten Spannung, die sich mit einem Knalleffekt entlädt. Es beginnt mit einer missglückten Geisel-Befreiung. Der erwachsene Ben (Kostja Ullmann), Polizist beim BKA, befreit im Alleingang ein im Kellerlabyrinth gefangen gehaltenes Mädchen. Die Kollegen sind in Wahrheit die Entführer, erschießen das Kind und verletzen Ben schwer. Ob das die Wahrheit ist, bleibt freilich fraglich.

          Schlaue, philosophisch oder erkenntniskritisch angehauchte Mystery-Thriller wie „Die Heimsuchung“ sieht man im linearen Fernsehen selten.
          Schlaue, philosophisch oder erkenntniskritisch angehauchte Mystery-Thriller wie „Die Heimsuchung“ sieht man im linearen Fernsehen selten. : Bild: ARD Degeto/Gordon Mühle

          Immer wieder erscheint Ben das tote Kind. Er befürchtet, verrückt zu werden. Mit Freundin Marion (Kristin Suckow), passenderweise einer Spitzen-Neurologin, fährt er zurück in die Heimat. Er glaubte, sein Freund Timmi sei tot, im Maissilo beim gemeinsamen „Räuber und Gendarm“-Spiel erstickt. Nun erfährt Ben, dass Timmi seit zwanzig Jahren im Wachkoma liegt. Was geschah damals wirklich? Marion macht ihm Hoffnung, Wege zur Kommunikation zu finden, den Patienten vielleicht wecken zu können. Das Buch von Thorsten Wettcke, das alle Bezüge sorgfältig verknüpft, und die Inszenierung von Stephan Rick setzen spätestens von da an auf Motivspiegelungen, Variationen und Bedeutungsverschiebungen, legen Puzzleteile wie Wirklichkeitssplitter aus.

          Der Film konstruiert seine Wahrheitssuche als Reise in eine sich verändernde Vergangenheit, in der Hauptfiguren ihre komatösen Zustände überwinden müssen, bevor die Wahrheit eine schockierende Logik entfaltet. Rückblenden, Spuren und Zeichen, die im Nachhinein das Bild aufklaren, führen uns wie am Gängelband durch die Story. Realität ist Konstruktion, das Gehirn der große Baumeister und die Erinnerung das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann. „Die Heimsuchung“ taucht ihre plausible Unplausibilität in stimmungsvolle Musik und atmosphärisch und visuell gelungene Bilder (Enis Rotthoff und Pascal Schmit). Es geschehen doch Zeichen und Wunder. Dies ist ein Fernsehfilm zum Mitdenken, der sein Publikum nicht unterschätzen möchte.

          Die Heimsuchung, heute, 20.15 Uhr, ARD

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