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„Der König von Köln“ im Ersten : Der Pate op Kölsch

  • -Aktualisiert am

Löst jedes Problem: Rainer Bock in der Rolle des gelernten Maurerpoliers und Investorenlieblings Josef Asch. Bild: WDR/Frank Dicks

Der WDR verwandelt den größten Kölner Klüngel- und Bauskandal in ein Meisterwerk der bitterbösen Komikt. In der Komödie „Der König von Köln“ dürfte sich mancher gespiegelt sehen, Thomas Middelhoff zum Beispiel.

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          Ein Griff ins Klo. Stärker als mit dieser ikonisch-allegorischen Szene lässt sich das vorgeblich satirisch überspitzte, in Wahrheit aber um mehrere Irrsinns-Potenzen reduzierte Narrenstück rund um die berüchtigten Oppenheim-Esch-Immobilienfonds kaum verbildlichen. In der Villa Hoppenheim also kommt es zu einer unschönen Toilettenverstopfung, just während des musikalischen Abends. Josef Asch, mächtiger Bauunternehmer, hochachtungsvoll „der Polier“ genannt, weil er als Maurerpolier begonnen hat, bevor er sich zum Investorenliebling hochpolierte, dieser mit allen finanzpotenten Magnaten rund um Köln verfilzte Asch – eine Paraderolle für Rainer Bock – löst das Problem. Den Arm tief in der Schüssel, beseitigt er den Pfropf. Was er damit verdient, stinkt nicht und ist unbezahlbar: tiefste Anerkennung vom verblödeten Geldadel.

          Die blaublütigen Hausherren – knallharter Vater (Ernst Stötzner) und erbärmlicher Sohn (Ulrich Brandhoff) – mögen Inhaber der größten europäischen Privatbank sein, deren reales Vorbild die inzwischen aufgelöste Sal. Oppenheim ist, aber gerettet hat sie wieder einmal dieser charismatische Macher, der jedes Hindernis beseitigt. Sie vertrauen Asch, der im echten Leben Josef Esch heißt, bald grenzenlos, was den Bankern zunächst astronomische Gewinne zu Lasten der Stadt Köln (und ihrer Steuerzahler) einbringt, schließlich aber den Ruin. Aber die Dimensionen des Finanzskandals sind in Wahrheit noch viel, viel größer.

          Zwischen Karneval, Puff und Betonmischer

          Husmann, einer der profiliertesten Drehbuchautoren des Landes, hat erkannt, welch dramaturgischer Schatz da brachlag: Was der Hauptmann von Köpenick für den Wilhelminismus war, das kann der Maurer aus Troisdorf für das Endstadium des rheinischen Kapitalismus sein. Esch, der auch eine eigene Sicherheitsfirma besitzt, hat in den neunziger Jahren mit der Kölner Privatbank und ihren Kommandit-Aktionären geschlossene renditestarke Fonds für vermögende Kunden aufgelegt, mit denen Großbauprojekte für die Stadt Köln finanziert wurden, darunter die Fernsehstudios in Köln-Ossendorf, die Nordhallen der Messe, die Köln-Arena und das angrenzende Stadthaus. Die Aufträge wurden teils ohne korrekte Ausschreibungen vergeben und warfen hohe Softkosten-Gewinne ab. Vor allem aber ließ sich die Stadt auf überteuerte Mietverträge ein. Der später zur Oppenheim-Esch-Holding gewechselte Dezernent und Oberstadtdirektor Lothar Ruschmeier war ebenso wie die Kölner Sparkasse in die Affäre verwickelt. Die hat ein langes, trauriges Nachspiel vor Gericht, wie die Anschlussdokumentation zeigt.

          Ganz schön jeck: Joachim Krol als Baudzernent Lothar Stüssgen (links) und Josef Asch (Rainer Bock).

          Husmann und Huber konzentrieren sich auf eines der genannten Projekte, die Errichtung des Stadthauses in Köln-Deutz. Und sie haben für ihre mordskomische, zwischen Karneval, Puff und Betonmischer spielende Groteske zwei wichtige Figuren hinzuerfunden: den Baudezernat-Sachbearbeiter Andrea Di Carlo (Serkan Kaya) und eine resolute, in Köln freilich auf Granit beißende Staatsanwältin (Eva Meckbach) – die einzigen Figuren mit einem Rest von Anstand. Zwar wird auch Di Carlo schneller, als er gucken kann, in den Klüngel hineingezogen und ist bald Asch, der für seinen rasanten Aufstieg sorgt, Gefälligkeiten schuldig, aber wenigstens fühlt er sich dabei schlecht. So sehen wir mit den Augen eines Zweiflers auf das enthemmte, mit Kölsch und Knete versüßte Klüngel-Treiben, wobei es frappierenderweise gelungen ist, alle Figuren, auch die verschlagenen oder kläglichen, höchst sympathisch zu zeichnen.

          Ein Sympathieträger ist Baudezernent Lothar Stüssgen, anders als Ruschmeier eine Frohnatur im Quadrat, die Joachim Król mit umwerfender Verschmitztheit spielt, auch wenn sein überprononciertes Kölsch nicht ganz authentisch wirkt. Spätestens als Tom Middeldorf (Jörg Hartmann gibt den Thomas Middelhoff-Doppelgänger wunderbar lackaffig) und die in einer Puppen-Vorhölle dahinvegetierende Kaufhausketten-Erbin Valerie Dickeschanz hinzukommen (Judith Engel gleicht der mit Eschs Karstadt-Fonds um ihr Milliardenvermögen geprellten Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz aufs Haar), erreicht die Komödie das Niveau der besten Helmut-Dietl-Satiren.

          So finster und zugleich krachlustig wurde Köln in seinem vermessenen Stolz auf das „Man kennt sich, man hilft sich“ lange nicht porträtiert. Huber inszeniert die Stadt quasi süditalienisch als moralfreien Selbstbedienungsladen, wobei Asch vor karnevalesker Musikkulisse zugleich die Rolle des Königs und die des Schelms zufällt. Stilsicher sind die Details, etwa der originalgetreu gediegene Saal, in dem die Vorstandssitzungen der Bank stattfinden. Was den Film vor allem auszeichnet, ist das gewitzt arrangierte Buch mit seinen burschikos treffenden Dialogen. Als man Ermittlungen nicht mehr verschleppen kann, überlegen die geschmierten Staatsanwälte: „Wer ist denn gut?“ – „Wie, im Sinne von schlecht?“ – „Ja, sicher.“ – „Die Neue!“ – „Die Neue!?“ – „Ist ne Frau. Und sie ist nicht von hier.“ Gut vorstellbar, dass es genau so zuging im männerbündischen Klüngel-Köln um die Jahrtausendwende. Die Strafen fielen milde aus. Hinter Gitter musste nur Middelhoff. „Sonst“, lauten die letzten Worte, „ist alles wieder beim Alten.“

          Der König von Köln, heute, Mittwoch 10. Dezember, um 20.15 Uhr im Ersten.

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