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„The Midnight Sky“ bei Netflix : Der alte Mann und die Welt

Banger Blick nach oben: Augustine (George Clooney) und Iris (Caoilinn Springall) im Eissturm der Apokalypse. Bild: Netflix

George Clooney will uns mit dem Film „The Midnight Sky“ etwas zur Lage des Planeten sagen. Leider misslingt ihm so einiges. Berührende Momente hat die Dystopie dennoch.

          3 Min.

          Dieser alte Mann ist mehr als nur ein Risikopatient, er ist unheilbar krank – und mutterseelenallein. Aus der Isolation heraus beobachtet Augustine Lofthouse im Jahr 2049 mit dem aus Verzweiflung geborenen Gleichmut eines Todgeweihten, wie sich Verderben auf dem Planeten ausbreitet. Auf Bildschirmen mit Weltkarten wachsen rote Punkte zu immer größeren Kreisen heran, bis sie in ganze Kontinente bedeckende Flächen der Alarmfarbe zusammenfließen. Nur die Polarregion, in der der weißbärtige Greis ausharrt, erscheint noch frei davon.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Weit weg von dem unerklärten, medial vage angedeuteten terrestrischen Elend schwebt derweil die Besatzung des Raumschiffs Aether bei ihrer Rückkehr von einer Mission in noch gnädiger Unwissenheit heran. An Bord träumt man sich – zu sehr auf Distanz für Zoom-Konferenzen – mit Hilfe von Hologrammen in die Heimat, den Kreis der Freunde und Familie. Es sind Trugbilder einer verlorenen Welt. Der Greis im Eis weiß als Astrophysik-Koryphäe darum; sein finaler Dienst an der Menschheit und der Wissenschaft soll sein, als letzter Verbliebener, dem Untergang preisgegeben auf einer evakuierten Forschungsstation in der Arktis, die Astronauten zu warnen und zur Rückkehr auf den Jupitermond zu bewegen, von dem sie kommen. Dort wäre Überleben möglich.

          Ungestellte Fragen an das Versagen Erwachsener

          Doch dann entdeckt der Alte ein wohl zurückgelassenes Erdenkind, ein vielleicht siebenjähriges, stummes Mädchen (Caoilinn Springall), in dessen Augen unausgesprochene Fragen an das Versagen der Erwachsenen stehen. Der Märtyrer mit dem Prophetenbart schaltet in den Überlebensmodus einer Vaterfigur; mit der kleinen Iris bricht er zu einer Himmelfahrt durch die frostige Hölle auf, zu einem Funksender, der stark genug ist, Aether zu erreichen.

          George Clooney hat als Regisseur und Hauptdarsteller in „The Midnight Sky“ – einer Adaption des Romans „Good Morning, Midnight“ von Lily Brooks-Dalton – mit Hilfe des Drehbuchautors Mark L. Smith ein apokalyptisches Märchen geschaffen, dessen Figuren von einer Klischee-Falle in die nächste trudeln. Sie havarieren in einem Kosmos der physikalischen Ungereimtheiten und psychologischen Unausgegorenheiten. Als umweltaktivistischer Weihnachts- wie Jahresendbrief im Spielfilmformat kompiliert die knapp zweistündige, sich oft galaktisch dehnende Netflix-Produktion Erhabenes und zu Herzen Gehendes nach wohlbekannten Mustern.

          Auf Erden hier unten spielen sich Dramen im Kampf mit den Elementen ab ähnlich wie in „The Revenant – Der Rückkehrer“ (wofür Smith gleichfalls das Skript lieferte), mit Anklängen an „Cast Away – Verschollen“ und „The Mountain Between Us – Zwischen zwei Leben“, wobei die stille Seelenführerin des Seniors unweigerlich an Greta Thunberg gemahnt. Im Himmel dort droben geht es zu, wie wir es aus „Der Marsianer“, „Gravity“, „2001 – Odyssee im Weltraum“ und „Star Trek“ kennen: Kammerspiel mit wenigen Figuren in mäßig visionärer irritierender Innenarchitektur; dazu kleine Menschen im unendlich großen Raum, hier von Martin Ruhe mit gleichsam schwebender Kamera phantastisch in Szene gesetzt. „The Midnight Sky“ sieht man vor allem eines an: ein Budget von hundert Millionen Dollar, das bevorzugt in die Optik geflossen ist.

          Doch was verbirgt sich hinter der glänzenden Oberfläche? Eine erstaunlich bemühte, menschlich wenig überzeugende Geschichte. Noch lebloser fiele sie aus, wäre die Schauspielerin Felicity Jones nicht während der Dreharbeiten schwanger geworden und hätte Clooney daraus keine fiktionale Tugend gemacht. Dadurch, dass er die von Jones dargestellte Astronautin Sully gleichfalls ein Kind erwarten lässt, verdoppelt sich die vom weiblichen Prinzip getragene kindliche Zukunftshoffnung und avanciert zum Leitmotiv der Tragödie von der sterbenden Welt. Erdbebengleiche innere Erschütterungen löst indes nichts davon aus. Der multiethnischen Nasa-Crew gelingt es nach zwei Jahren fern der Erde und torpediert von einem lebensgefährlichen Asteroidensturm partout nicht, Funkkontakt mit den Bodenstationen aufzubauen? Gelassenheit ist die Antwort. Die verwüstete Mutter Erde kommt erstmals in Sicht?

          Keiner heult Rotz und Wasser. Das wirkt nicht professionell, sondern emotional gehandicapt – wie der ganze Film. Darüber kann auch die gefühlsstarke Orchestermusik von Alexandre Desplat nicht hinweghelfen. Augustine Lofthouse, von Clooney zunächst mit Hingabe als saufender Einsiedler an der Infusionsnadel, daraufhin als humaner Eisbrecher mit Superkräften und mindestens neun Leben gespielt, bleibt bis fast zum Schluss, wenn aus dem Sci-Fi-Film ein Familiendrama wird, unerklärt in seinen Beweggründen – Rückblenden, die eine scheiternde Romanze skizzieren, zum Trotz. Ein anderer Regisseur als der Hauptdarsteller hätte seinen Auftritt zeitlich eingehegt. Felicity Jones, David Oyelowo, Tiffany Boone, Kyle Chandler und Demián Bichir agieren als Crew routiniert, aber wie auf Sedativum. Ihre Figuren bleiben stets Funktionsträger, selbst als Liebende oder Trauernde.

          Und doch wird man sich „The Midnight Sky“ im Jahr 2049 vielleicht anschauen und sagen: Das ist ein Film von 2020, der viele der damaligen Ängste und Hoffnungen transportiert. Die pandemisch befeuerte, technisch unzureichend aufzulösende Einsamkeit, den Blick auf sich ausweitende Gefahrenherde, ein neues Bewusstsein für die Verletzlichkeit der Zivilisation und Hybris des Menschen, Angst vor der globalen Vernichtungskraft selbst gerufener Geister, die Familie und die Nächsten als wichtigste Anker des Selbst. Einen seiner wenigen Momente der Schwerelosigkeit hat „The Midnight Sky“, wenn beim Spaziergang im Weltraum Menschen, wie mit Nabelschnüren ans Mutterschiff gebunden, sich zu „Sweet Caroline“ von Neil Diamond bewegen und die Crew mitsingt: „Hands, touching hands / Reaching out, touching me, touching you“. Mehr als berühren will auch George Clooney nicht.

          The Midnight Sky ist auf Netflix abrufbar.

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