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Reaktionen auf den „Tatort“ : Lamentieren für Deutschland

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Szenenbild aus „Tatort: Dunkle Zeit“: Reinders (Benjamin Braun), Fraktionsvorsitzende Schramm (Anja Kling) und Professor Schneider (Patrick von Blume) beantworten Pressefragen. Bild: NDR/Christine Schroeder

Ähnlichkeiten mit echten Parteien sind rein zufällig: Der AfD hat der „Tatort“ am Sonntag gar nicht gefallen. Kunstfreiheit gilt ihr offenbar nur unter einer Bedingung als sinnstiftend.

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          Politische Parteien wirken an der politischen Willensbildung mit. Eine Fraktion im deutschen Bundestag kann etwa Gesetzentwürfe einbringen, Anfragen stellen oder als Opposition in Parlamentsdebatten die Regierung fordern. Parteien können ihre Zeit aber auch anders nutzen, so wie die AfD zum Beispiel. Die hat sich am vergangenen Sonntag offenbar geschlossen den „Tatort“ von Niki Stein angesehen. In diesem ging es um eine rechtspopulistische Partei, deren Vorsitzende Opfer einer politischen Intrige wurde, ihr Ehemann wurde sogar ermordet. Nicht einmal ihrem Liebhaber konnte die Politikerin noch vertrauen. Die großartige Anja Kling spielte diese Parteivorsitzende Nina Schramm überzeugend. Sie wirkte keineswegs wie eine boshafte Xanthippe, konnte sogar argumentieren. Die Handlung des Krimis lag fern klassischer Eifersuchtsdramen. Es ging um einen Mordanschlag, den Rechtsradikale als sogenannte „false flag“-Operation den Linksradikalen in die Schuhe schieben wollten.

          Gutgemachte Fernsehfiktion kam noch nie ohne Gegenwartsbezug aus. Das aber mit politischer Willensbildung zu verwechseln, ist das Privileg der AfD. Sie schäumte, gemeinsam mit publizistischen Hiwis in den sozialen Netzwerken, vor Empörung. Ihr Parteivorsitzender Jörg Meuthen wünschte Deutschland am Montag zuerst einen „Guten Morgen“, um dann vom Leder zu ziehen: „Der rote Kanal dreht auf! Jetzt auch schon ,Tatort’ GEZ-finanzierte Gehirnwäsche.“ Fraglich ist allerdings, ob für den Geisteszustand des AfD-Vorsitzenden ARD und ZDF verantwortlich zu machen sind. Nach Meuthen meldete sich die AfD-Fraktion im Bundestag zu Wort: Der „Tatort“ sei „vorhersehbar wie Leitartikel im ,Neuen Deutschland’ zu Honeckers Zeiten“ gewesen, so das Verdikt. Ob Leitartikel im SED-Parteiorgan wirklich so unterhaltsam waren?

          Die AfD empfindet es jedenfalls als „Zumutung, für durchsichtige und schlecht gemachte Propaganda auch noch zahlen zu müssen“. Islamisten empfinden bekanntlich Mohammed-Karikaturen ebenfalls als eine Zumutung, obwohl sie die sogar gratis bekommen. Für die AfD ist die Kunstfreiheit offenkundig nur sinnstiftend, wenn sie mit der eigenen Meinung übereinstimmt. In ihrer Empörung verwechseln die AfD-Politiker nicht nur einen Krimi mit einer Dokumentation. Sie argumentieren auch wesentlich unterkomplexer als die Parteivorsitzende Nina Schramm im „Tatort“. Niki Stein, der Regie führte und das Drehbuch schrieb, hat die Einfältigkeit des AfD-Führungspersonals unterschätzt. Die Partei sollte sich umbenennen in LfD: Lamentieren für Deutschland.

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