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Depublizieren : Die Leere hinter dem Link

  • -Aktualisiert am

Bild: Kat Menschik

Erst werden die Beiträge produziert, dann ins Netz gestellt, dann wieder gelöscht: alles von Gebührengeldern für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ein Bericht aus einem absurden System.

          6 Min.

          Es ist nicht so, dass Volker Denkel für die Arbeit, die er gerade macht, auch noch einen pompösen Titel haben wollte. Aber wenn, dann läge der Name auf der Hand. Er ist Depublizist. Denkel ist preisgekrönter Online-Journalist. Gemeinsam mit seiner Kollegin Katharina Wilhelm hat er anlässlich einer Botticelli-Ausstellung im Frankfurter Städel-Museum im vergangenen Jahr ein Special für den Hessischen Rundfunk entwickelt, das in interaktiver Form „das Rätsel Frau“ in den Bildern des italienischen Malers ergründete. Dafür wurde er mit dem Axel-Springer-Preis für Nachwuchsjournalisten ausgezeichnet und für den Grimme-Online-Award nominiert.

          Kein Witz

          Volker Denkel arbeitet immer noch in der Multimedia-Abteilung des Hessischen Rundfunks, aber im Moment publiziert er nicht. Er ist einer von drei Redakteuren und zwei Technikern, die jetzt mehrere Monate lang damit beschäftigt sind, Inhalte aus den Online-Angeboten des HR herauszunehmen.

          Im Zwölften Rundfunkstaatsvertrag, der letztes Jahr in Kraft trat, haben die Ministerpräsidenten dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Internet neue Grenzen gesetzt. Einige wenige Inhalte sind gar nicht mehr zulässig - diese Angebote wie die Kontaktbörse „Liebesalarm“ von Eins Live und die Urteilsdatenbank des ARD-Ratgebers Recht sind längst gelöscht. Aber auch die meisten anderen Inhalte dürfen nur noch eine begrenzte Zeit im Netz bleiben. Um die Vorgaben zu erfüllen, haben ARD und ZDF „Verweildauerkonzepte“ entwickelt, in denen festgelegt ist, welche Arten von Inhalten welche Lebensdauer bekommen. Deren Genehmigung und Umsetzung muss bis Ende August abgeschlossen sein. Deshalb sind in den Online-Redaktionen der Anstalten in diesen Wochen viele Leute wie Volker Denkel damit beschäftigt, etwas zu tun, das das Gegenteil dessen ist, was sie eigentlich als ihre Arbeit verstehen. „Ich werde von Rundfunkgebühren dafür bezahlt, mit Rundfunkgebühren erstellte Inhalte zu löschen“, fasst ein verantwortlicher Redakteur den Irrwitz zusammen.

          Keine Ahnung

          Ein großer bürokratischer Aufwand steckt hinter alledem. Ungezählte Arbeitsgruppen haben Hunderte Seiten dicke Konzepte entwickelt oder für ihre Redaktionen erarbeitet, wie die Vorgaben darin umgesetzt werden sollen. Ganze Sendungen oder einzelne Inhalte werden den verschiedenen Verweildauerstufen zugeordnet. Der Bayerische Rundfunk hat für seine Mitarbeiter eine praktische Verkehrsscheibe entwickelt, eine bunte, beidseitig bedruckte Schablone, auf der sie ablesen können, welche Inhalte welcher der sieben Audio- und Video- oder der sechs Text-, Bild- und Multimedia-Kategorien zuzuordnen sind. Aktuelle Videos zum Beispiel dürfen nur sieben Tage online sein, Bildungsinhalte fünf Jahre, die Standardlebensdauer für die meisten Inhalte ist ein Jahr.

          In einigen Sendern mussten ältere Redaktionssysteme überhaupt erst mühsam um die Möglichkeit ergänzt werden, Inhalten ein Verfallsdatum zu geben. Und wenn einmal der komplette Bestand durchgearbeitet und kategorisiert ist, werden studentische Hilfskräfte noch eine Weile damit beschäftigt sein, Links auf den Seiten zu entfernen, die plötzlich ins Leere führen.

          Dabei sind sich die Online-Leute einig, dass die Idee einer begrenzten Vorhaltezeit dem Medium Internet widerspricht. Eigentlich ist es ein einziges, unaufhörlich wachsendes Archiv. Doch als Folge des Rundfunkstaatsvertrages musste auf den Seiten der WDR-Jugendwelle Eins Live zum Beispiel das Plattenarchiv mit den über die Jahre gesammelten Musikkritiken verschwinden. Und das Projekt „Von Sektor zu Sektor“, in dem zwei Eins-Live-Moderatoren zum zwanzigsten Geburtstag der deutschen Einheit durch den Osten reisten, um ihre Vorurteile zu überprüfen, wird in den nächsten Tagen verschwinden, weil das Jahr seit seiner Veröffentlichung abgelaufen ist.

          Keine Dauer

          Es ist nicht um jedes Stück schade, das sich auf diese Weise verflüchtigt, und manche Inhalte bekommen, verknüpft mit einem neuen Anlass, auch ein zweites Leben geschenkt. Aber aus den Redaktionen ist viel Frust zu hören - und Sorge darüber, wie so etwas das Verhältnis zum Medium Internet verändert. „Früher war Radio ein flüchtiges Medium“, sagt ein Journalist, der zurzeit ausschließlich depubliziert, „dann gab es eine kurze Phase, in der man Manuskripte nachlesen konnte - und jetzt wird es wieder flüchtig.“ Eine Kollegin fürchtet, dass, wenn die Inhalte ohnehin nur begrenzt online sein dürfen, die Bereitschaft sinken könnte, überhaupt aufwendige Inhalte zu produzieren.

          Einige ARD-Online-Redakteure sehen die Vorgaben fast als Schikane: Nicht genug damit, dass ohnehin schon bezahlte Inhalte nicht mehr genutzt werden dürfen; die Redaktionen würden auch mit dem bürokratischen Ablauf blockiert - und dadurch, dass jedes neue Internetprojekt zum Beispiel einer Jugendwelle erst einen Drei-Stufen-Test durchlaufen müsse, in dem Bedarf, Qualität und Kosten geprüft werden, hätte die private Konkurrenz immer einen Informationsvorsprung. „Es ist deutlich zu spüren, dass das Interesse am Medium Internet in der Redaktion auch abgeflaut ist“, sagt ein ehemaliger Online-Mann, neue Entwicklungen seien ins Stocken geraten. Die ARD sei ohnehin ein langsamer Tanker, „und wenn das Wasser auch noch vereist ist . . .“

          Vorige Woche hat der Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks sein Prüfverfahren abgeschlossen und zum Beispiel festgelegt, dass Unterhaltungsserien, „die in besonderem Maße der Eigenart Bayerns gerecht werden“, bis zu drei Monate im Netz vorgehalten werden dürfen. Im Hintergrund haben Techniker und Redakteure schon jedem Inhalt seine Lebensdauer gegeben, Vorgaben für ganze Sendungen gemacht und Ausnahmen geprüft. Ende des Monats wird all das aktiviert - und mit einem Rutsch verschwinden zigtausend Dokumente.

          Keine Spur

          Beim NDR klagt man, dass von der „umfangreichen Berichterstattung“ des Senders zu Themen wie dem Verkauf von Hapag-Lloyd oder Unregelmäßigkeiten bei Unicef im Netz „kaum noch Spuren übrig geblieben“ seien, viele Berichte zu Kunstausstellungen wie der großen Überblicksschau „Made in Germany“ in Hannover 2007 seien jetzt nicht mehr abrufbar.

          Wie die Zuschauer und Nutzer darauf reagieren werden, ist bislang schwer abzuschätzen. „Die Rückgänge in den Abrufzahlen werden nicht allzu groß sein“, schätzt Volker Denkel vom HR, „aber es betrifft vor allem den berühmten ,Long-Tail': Special-Interest-Angebote, die jeweils wenigen aber genau das bieten, was sie suchen.“ Vielen Internetnutzern (und Gebührenzahlern) ist die Problematik gar nicht bewusst; das Unverständnis sei groß, wenn sie bestimmte Inhalte nicht wiederfänden, heißt es. Statt einer reinen Fehlermeldung verweisen viele Anstalten deshalb auf die Rechtslage und erklären - je nach Anstalt knapp oder ausführlich, nüchtern oder dezent pampig - was es mit den „Verweildauerkonzepten“ auf sich hat.

          Kein Benehmen

          Bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia sind Seiten von ARD und ZDF häufig Quellenangaben - auch die führen jetzt ins Leere. Der internationale Standard, dass Websites Bestand haben sollten, sei „eine der meistübersehenen Empfehlungen für gutes Benehmen im Internet“, sagt Mathias Schindler, Projektmanager beim deutschen Ableger von Wikimedia, dem Verein hinter der Wikipedia. „Aus praktischer Sicht ist es irrelevant, wenn Inhalte verschwinden, weil das Geschäftsmodell eines Verlagshauses implodiert oder weil ein Staatsvertrag nützlichen Inhalten und ihren Erstellern ins Knie schießt“, formuliert er bitter.

          Eigentlich habe die Deutsche Nationalbibliothek seit einigen Jahren den Auftrag bekommen, auch Netz-Publikationen zu sammeln - dass die diesem Auftrag in seiner ganzen Breite nachkommen könne, sei aber noch nicht sichtbar. „Das Digitale Schwarze Loch der Informationen im Internet wird also noch einige Zeit größer werden“, sagt Schindler, der die Entfernung vieler öffentlich-rechtlicher Internetseiten aber dann doch mit Achselzucken kommentiert: Das stelle „an sich keine qualitative oder quantitative Änderung der Situation dar, maximal von ,unerträglich' nach ,sehr unerträglich'.“

          Ob die privaten Konkurrenten von ARD und ZDF im Internet, die mit den Vorgaben im Rundfunkstaatsvertrag besser vor der gebührenfinanzierten Konkurrenz geschützt werden sollen, vom Entfernen der älteren öffentlich-rechtlichen Inhalte profitieren, ist ebenso zweifelhaft wie die Frage, ob gerade diese Art der Beschränkung öffentlich-rechtlicher Aktivitäten im Netz sinnvoll ist. Es ist ein Kompromiss, der eigentlich niemanden glücklich machen kann - Ausdruck der Unfähigkeit der Medienpolitiker, sich auf klare Vorgaben über das zu einigen, was ARD und ZDF erlaubt sein soll und was nicht.

          Keine Grenzen

          Für die ARD-Online-Koordinatorin Heidi Schmidt sind die komplexen und manchmal nicht sehr praxistauglichen Vorgaben auch Ausdruck einer Übergangszeit, des mühsamen Versuchs, Regeln aus der analogen Welt in die digitale zu übertragen. „Nach meiner Kenntnis hat es noch nirgendwo ein aufwendigeres Regulierungsverfahren in Bezug auf Telemedien gegeben“, sagt sie. Bei der BBC zum Beispiel beziehe sich die Pflicht zum teuren „Public-Value-Test“, in dem öffentlich-rechtliche Inhalte mit Gutachten ihren Nutzen beweisen müssen, nur auf die großen Projekte; beim ORF müsse nach derzeitigem Stand anders als bei ARD und ZDF nicht auch der komplette Bestand durch einen aufwendigen Test nachträglich genehmigt werden. „Ich gehe davon aus, dass es bei der Überführung des Bestandes ,hypertrophe Verfahren' gegeben hat, bei denen die Kosten für den Drei-Stufen-Test höher waren als die des Angebotes selbst.“ Ein Beispiel sei das Angebot einsplus.de.

          Volker Denkers aufwendiges Botticelli-Special darf übrigens als „Bildungsinhalt“ immerhin fünf Jahre lang online bleiben. Es sei denn, es wird dann noch zum archivwürdigen Beitrag zur Kultur- und Zeitgeschichte hochgestuft - dann darf es unbegrenzt im Netz stehen.

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