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Depublizieren : Die Leere hinter dem Link

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Wie die Zuschauer und Nutzer darauf reagieren werden, ist bislang schwer abzuschätzen. „Die Rückgänge in den Abrufzahlen werden nicht allzu groß sein“, schätzt Volker Denkel vom HR, „aber es betrifft vor allem den berühmten ,Long-Tail': Special-Interest-Angebote, die jeweils wenigen aber genau das bieten, was sie suchen.“ Vielen Internetnutzern (und Gebührenzahlern) ist die Problematik gar nicht bewusst; das Unverständnis sei groß, wenn sie bestimmte Inhalte nicht wiederfänden, heißt es. Statt einer reinen Fehlermeldung verweisen viele Anstalten deshalb auf die Rechtslage und erklären - je nach Anstalt knapp oder ausführlich, nüchtern oder dezent pampig - was es mit den „Verweildauerkonzepten“ auf sich hat.

Kein Benehmen

Bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia sind Seiten von ARD und ZDF häufig Quellenangaben - auch die führen jetzt ins Leere. Der internationale Standard, dass Websites Bestand haben sollten, sei „eine der meistübersehenen Empfehlungen für gutes Benehmen im Internet“, sagt Mathias Schindler, Projektmanager beim deutschen Ableger von Wikimedia, dem Verein hinter der Wikipedia. „Aus praktischer Sicht ist es irrelevant, wenn Inhalte verschwinden, weil das Geschäftsmodell eines Verlagshauses implodiert oder weil ein Staatsvertrag nützlichen Inhalten und ihren Erstellern ins Knie schießt“, formuliert er bitter.

Eigentlich habe die Deutsche Nationalbibliothek seit einigen Jahren den Auftrag bekommen, auch Netz-Publikationen zu sammeln - dass die diesem Auftrag in seiner ganzen Breite nachkommen könne, sei aber noch nicht sichtbar. „Das Digitale Schwarze Loch der Informationen im Internet wird also noch einige Zeit größer werden“, sagt Schindler, der die Entfernung vieler öffentlich-rechtlicher Internetseiten aber dann doch mit Achselzucken kommentiert: Das stelle „an sich keine qualitative oder quantitative Änderung der Situation dar, maximal von ,unerträglich' nach ,sehr unerträglich'.“

Ob die privaten Konkurrenten von ARD und ZDF im Internet, die mit den Vorgaben im Rundfunkstaatsvertrag besser vor der gebührenfinanzierten Konkurrenz geschützt werden sollen, vom Entfernen der älteren öffentlich-rechtlichen Inhalte profitieren, ist ebenso zweifelhaft wie die Frage, ob gerade diese Art der Beschränkung öffentlich-rechtlicher Aktivitäten im Netz sinnvoll ist. Es ist ein Kompromiss, der eigentlich niemanden glücklich machen kann - Ausdruck der Unfähigkeit der Medienpolitiker, sich auf klare Vorgaben über das zu einigen, was ARD und ZDF erlaubt sein soll und was nicht.

Keine Grenzen

Für die ARD-Online-Koordinatorin Heidi Schmidt sind die komplexen und manchmal nicht sehr praxistauglichen Vorgaben auch Ausdruck einer Übergangszeit, des mühsamen Versuchs, Regeln aus der analogen Welt in die digitale zu übertragen. „Nach meiner Kenntnis hat es noch nirgendwo ein aufwendigeres Regulierungsverfahren in Bezug auf Telemedien gegeben“, sagt sie. Bei der BBC zum Beispiel beziehe sich die Pflicht zum teuren „Public-Value-Test“, in dem öffentlich-rechtliche Inhalte mit Gutachten ihren Nutzen beweisen müssen, nur auf die großen Projekte; beim ORF müsse nach derzeitigem Stand anders als bei ARD und ZDF nicht auch der komplette Bestand durch einen aufwendigen Test nachträglich genehmigt werden. „Ich gehe davon aus, dass es bei der Überführung des Bestandes ,hypertrophe Verfahren' gegeben hat, bei denen die Kosten für den Drei-Stufen-Test höher waren als die des Angebotes selbst.“ Ein Beispiel sei das Angebot einsplus.de.

Volker Denkers aufwendiges Botticelli-Special darf übrigens als „Bildungsinhalt“ immerhin fünf Jahre lang online bleiben. Es sei denn, es wird dann noch zum archivwürdigen Beitrag zur Kultur- und Zeitgeschichte hochgestuft - dann darf es unbegrenzt im Netz stehen.

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