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Depublizieren : Die Leere hinter dem Link

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Dabei sind sich die Online-Leute einig, dass die Idee einer begrenzten Vorhaltezeit dem Medium Internet widerspricht. Eigentlich ist es ein einziges, unaufhörlich wachsendes Archiv. Doch als Folge des Rundfunkstaatsvertrages musste auf den Seiten der WDR-Jugendwelle Eins Live zum Beispiel das Plattenarchiv mit den über die Jahre gesammelten Musikkritiken verschwinden. Und das Projekt „Von Sektor zu Sektor“, in dem zwei Eins-Live-Moderatoren zum zwanzigsten Geburtstag der deutschen Einheit durch den Osten reisten, um ihre Vorurteile zu überprüfen, wird in den nächsten Tagen verschwinden, weil das Jahr seit seiner Veröffentlichung abgelaufen ist.

Keine Dauer

Es ist nicht um jedes Stück schade, das sich auf diese Weise verflüchtigt, und manche Inhalte bekommen, verknüpft mit einem neuen Anlass, auch ein zweites Leben geschenkt. Aber aus den Redaktionen ist viel Frust zu hören - und Sorge darüber, wie so etwas das Verhältnis zum Medium Internet verändert. „Früher war Radio ein flüchtiges Medium“, sagt ein Journalist, der zurzeit ausschließlich depubliziert, „dann gab es eine kurze Phase, in der man Manuskripte nachlesen konnte - und jetzt wird es wieder flüchtig.“ Eine Kollegin fürchtet, dass, wenn die Inhalte ohnehin nur begrenzt online sein dürfen, die Bereitschaft sinken könnte, überhaupt aufwendige Inhalte zu produzieren.

Einige ARD-Online-Redakteure sehen die Vorgaben fast als Schikane: Nicht genug damit, dass ohnehin schon bezahlte Inhalte nicht mehr genutzt werden dürfen; die Redaktionen würden auch mit dem bürokratischen Ablauf blockiert - und dadurch, dass jedes neue Internetprojekt zum Beispiel einer Jugendwelle erst einen Drei-Stufen-Test durchlaufen müsse, in dem Bedarf, Qualität und Kosten geprüft werden, hätte die private Konkurrenz immer einen Informationsvorsprung. „Es ist deutlich zu spüren, dass das Interesse am Medium Internet in der Redaktion auch abgeflaut ist“, sagt ein ehemaliger Online-Mann, neue Entwicklungen seien ins Stocken geraten. Die ARD sei ohnehin ein langsamer Tanker, „und wenn das Wasser auch noch vereist ist . . .“

Vorige Woche hat der Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks sein Prüfverfahren abgeschlossen und zum Beispiel festgelegt, dass Unterhaltungsserien, „die in besonderem Maße der Eigenart Bayerns gerecht werden“, bis zu drei Monate im Netz vorgehalten werden dürfen. Im Hintergrund haben Techniker und Redakteure schon jedem Inhalt seine Lebensdauer gegeben, Vorgaben für ganze Sendungen gemacht und Ausnahmen geprüft. Ende des Monats wird all das aktiviert - und mit einem Rutsch verschwinden zigtausend Dokumente.

Keine Spur

Beim NDR klagt man, dass von der „umfangreichen Berichterstattung“ des Senders zu Themen wie dem Verkauf von Hapag-Lloyd oder Unregelmäßigkeiten bei Unicef im Netz „kaum noch Spuren übrig geblieben“ seien, viele Berichte zu Kunstausstellungen wie der großen Überblicksschau „Made in Germany“ in Hannover 2007 seien jetzt nicht mehr abrufbar.

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