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„Krautreporter“ in der Krise : Hilferuf an die Leser

Der Geschäftsführer der „Krautreporter“, Leon Fryszer, erklärt im Video die finanzielle Situation. Bild: http://krautreporter.de/botschafter

Corona trifft auch die Medien. Viele Zeitungen mussten Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken, manches Nebengeschäft wurde abgewickelt. Die „Krautreporter“ gehen in ihrer Krise einen ungewöhnlichen Weg.

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          Mehr als eine Million Euro sammelten die „Krautreporter“ 2014 in ihrem Gründungsjahr für ihr neues Online-Magazin per Crowdfunding ein. Das war aus zwei Gründen ein überraschender Erfolg, den wohl kaum jemand erwartet hätte. Zum einen herrscht hierzulande kein Mangel an journalistischen Internetauftritten, zum Zweiten waren diese Seiten im Jahr 2014 alle noch komplett kostenfrei. Die Paywalls kamen in Deutschland erst Jahre später. Wer sich informieren wollte, musste nicht bezahlen. Dennoch gelang es den „Krautreporter“-Gründern, Geld von mehr als 15.000 Unterstützern einzusammeln. Das Versprechen vollständiger Unabhängigkeit und Transparenz, der Verzicht auf Werbung und die Beteiligung der Leser durch Mails, Diskussionen, Leserkommentare und Umfragen brachte viel Anerkennung. So bestimmen die Leser zumindest einen Teil der Geschichten, die geschrieben werden sollen, mit. Ähnliche Projekte gibt es in der Schweiz mit „Republik“ seit 2017 und in den Niederlanden mit „de Correspondent“ seit 2013.

          Cai Tore Philippsen

          Verantwortlicher Redakteur für die Redaktion FAZ.NET

          Der Start war geglückt, und mit den Jahren gelang es, Abonnenten – oder Mitglieder, wie sie beim „Krautreporter“ genannt werden – auch länger an das Produkt zu binden. 2019 folgte die Auszeichnung mit dem Grimme-Online-Award.

          Doch jetzt rufen die „Krautreporter“ um Hilfe, die Zahl der Mitglieder schrumpft zum ersten Mal in der kurzen Geschichte des kleinen Unternehmens. Das Ziel, endlich schwarze Zahlen zu schreiben und ohne Kredite auszukommen, rückt wieder in die Ferne. Wenn nicht in kurzer Zeit aus 13.700 Abonnenten mindestens 15.000 werden, wird es die „Krautreporter“ zumindest in der aktuellen Form bald nicht mehr geben, kündigen Redakteure in Werbevideos an.

          Der Aufruf über die sozialen Medien wurde begleitet von einem ungewöhnlich offenen Artikel des Geschäftsführers Leon Fryszer, in dem er Einnahmen und Ausgaben des Unternehmens detailliert auflistet. 67.000 Euro geben die „Krautreporter“ jeden Monat aus. Der größte Kostenpunkt mit fast 60.000 Euro ist die Redaktion. Zehn feste und zehn freie Mitarbeiter werden beschäftigt. So ungewöhnlich wie die Offenheit ist auch das enge Verhältnis, das mit den Mitgliedern gepflegt wird. Der Monatspreis von sieben Euro ist beispielsweise dadurch entstanden, dass die Mitglieder gefragt wurden, wie viel sie denn bereit wären zu bezahlen. Die finanzielle Krise mit einer Preiserhöhung zu bekämpfen kommt für Fryszer daher nicht in Frage. „Wir würden dann ja Leute ausschließen, die es sich nicht mehr leisten können“, sagt der Geschäftsführer. Bei den „Krautreportern“ gehe es ja nicht so sehr darum, einen Preis für die Artikel zu bezahlen, die man lesen will, vielmehr gehe es den meisten Mitgliedern darum, die Idee als solche zu unterstützen. Er sieht vor allem die Corona-Krise als Ursache der Probleme: „Auch bei uns sind im März und April die Zahlen durch die Decke gegangen, aber dann kam ein langer Kater, es wurde an allen Ecken und Enden langsam immer schlechter.“ Im Herbst war es dann Zeit für den Notruf.

          Auch größere Verlagshäuser haben seit Beginn der Pandemie Probleme, doch bei den meisten Zeitungen oder Internetauftritten kamen Kurzarbeit und Entlassungen eher durch das Wegbrechen der Werbeeinnahmen zustande, und die spielen beim Geschäftsmodell der „Krautreporter“ ja keine Rolle. Die Zahl der Online-Abonnements bei „Süddeutsche“, „Spiegel“, „Zeit“ und auch der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist seit dem Beginn der Corona-Krise stark gestiegen und deutlich über dem Vorkrisenniveau geblieben. Warum ist das bei den „Krautreportern“ anders? „Wir sind nicht im Nachrichtengeschäft. Wir erleben aber ein Jahr, in dem es ständig Breaking News gibt, heute Trump, morgen ein neuer Impfstoff, es geht immer weiter“, sagt Fryszer. Im Kampf um die Aufmerksamkeit der Leser hat das kleine Medienhaus mit seiner kleinen Redaktion, die sich auf Hintergrundgeschichten und Erklärstücke spezialisiert hat, ganz offensichtlich einen Wettbewerbsnachteil.

          Der Bitte an die Mitglieder, neue Leser zu werben, ist neben anderen eine prominente Musikerin nachgekommen. „Die tollen Leute von Krautreporter brauchen dringend neue Abonnenten, um weitermachen zu können. Ich finde, ihre Arbeit ist (gerade in der Corona-Zeit) wirklich Gold wert“, twitterte die einstige Sängerin von „Wir sind Helden“, Judith Holofernes. Für Leon Fryszer wäre es eine große Erleichterung, wenn ihr Aufruf Gehör findet. Der „Krautreporter“-Geschäftsführer wartet jeden Abend um 23.59 Uhr darauf, dass auf seinem Handy die Zahl der neuen Mitglieder in den letzten 24 Stunden ankommt. „Sind es über zwanzig, war es ein guter Tag. Sind es weniger als zehn, mache ich mir Sorgen.“

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