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Probleme der Demoskopen : Der Wähler bleibt einfach unberechenbar

Wo werden sie ihr Kreuz setzen? Die Demoskopen wissen es auch nicht wirklich. Trotzdem schauen Politiker und Bürger wie gebannt auf die Umfragen. Dann kommt die erste Hochrechnung, - und alles ist anders. Bild: Getty

Vor dem Urnengang wollen alle wissen: Was sagen die Umfragen, wie stehen die Prognosen? Dabei wird das Geschäft der Meinungsforschung immer komplizierter.

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          Es muss zwischen 16 und 17 Uhr gewesen sein – „jedenfalls deutlich vor Schließung der Wahllokale“ –, da schwankte der Boden unter den Füßen von Rainer Brüderle zum ersten Mal deutlich. Das ZDF hatte ihm an diesem Nachmittag des Wahlsonntags zur Bundestagswahl 2013 mitgeteilt, er werde nicht mehr gebraucht, die Runde der Spitzenkandidaten werde ohne ihn stattfinden. Schließlich verfehle die FDP in den aktuellen Hochrechnungen die Fünfprozenthürde. Dabei war Brüderle noch am Morgen des Wahltages zuversichtlich gewesen: „Ich habe zu Hause meine Stimme abgegeben und bin mit der Gewissheit nach Berlin gefahren, Regierungsbeteiligung könnte knapp werden, aber drin sind wir.“ Diese Gewissheit sei eine Mischung aus „subjektiver Einschätzung“ und den letzten Ergebnissen der Sonntagsfrage gewesen. „Ich wusste im Vorfeld von keiner Umfrage, die die FDP unter fünf Prozent gesehen hatte“, sagt der frühere Politiker heute.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Wissenschaftler, Meinungsforscher, Politiker, Journalisten und Wähler streiten darüber, was die Demoskopie leisten kann, welchen Einfluss sie hat und wo sie an Grenzen stößt. Auch die Institute selbst vertreten unterschiedliche Standpunkte. In einem sind sich jedoch alle einig: Man muss Stimmungen von Stimmen unterscheiden. Alles was Demoskopen vor einer Wahl tun können, ist Stimmungsbilder in Zahlen auszudrücken. Was nach dem Urnengang ausgezählt wird, steht auf einem anderen Blatt. Die Meinungsforscher des Allensbach-Institutes für Demoskopie sahen die FDP am 20. September bei 5,5 Prozent, TNS Emnid errechnete am selben Tag sechs Prozent, Forsa fünf Prozent, und die Forschungsgruppe Wahlen einen Tag zuvor 5,5 Prozent. Auch die Umfrage von Infratest Dimap vom 12. September ermittelte ein Stimmungsbild, das die FDP bei 5 Prozent verortete. Tatsächlich erreichten die Freien Demokraten bei der Bundestagswahl 4,8 Prozent.

          Am Wahlsonntag der Bundestagswahl 2013 sind bei der sogenannten „Elefantenrunde“ im ZDF-Fernsehstudio in Berlin alle vertreten - bis auf einen.

          Im Jahr 2005 fiel die Differenz zwischen Stimmungsbildern und Stimmen noch größer aus. Die Union erhielt in der Bundestagswahl 35,2 Prozent der abgegebenen Stimmen. Aber kein einziges Meinungsforschungsinstitut hatte die Partei vorab unterhalb von 41 Prozent gesehen. Nur: Der Unterschied von mehr als 5 Prozent wog für die Union nicht so schwer wie die 0,2 Prozent für die Freien Demokraten 2013, für die es um Haben oder Sein ging.

          Das Geschäft der Meinungsforscher ist schwieriger geworden. Schuld ist die Volatilität der Wähler: Klassische Milieus mit fester Parteibindung gibt es nicht mehr, Ideologien treten in den Hintergrund, mal die eine, mal die andere Partei zu wählen, fällt vielen leichter. Die Entscheidung fällt manchmal erst wenige Tage vor der Wahl. Das bedeutet: Aktuelle Ereignisse haben einen größeren Einfluss auf das Wahlverhalten als früher. Es sei viel mehr Bewegung innerhalb der politischen Meinung in einem kürzeren Zeitraum feststellbar, sagt auch Matthias Jung vom Vorstand der Forschungsgruppe Wahlen. „Daher brauchen wir auch mehr und immer näher an den Wahlterminen liegende Umfragen, um diesen Meinungsbildungsprozess abzubilden.“

          „Den Stammwähler hat es so nie gegeben.“

          Sein Kollege Torsten Schneider-Haase von Emnid sagt dagegen: „Den Stammwähler hat es so nie gegeben.“ Das Wahlverhalten gestalte sich seit jeher folgendermaßen: „Individuen entscheiden mit einer gewissen Informationsmenge X zum Zeitpunkt T der Umfrage.“ Das sei heute nicht anders als vor fünfzehn Jahren. Es sei vielleicht etwas volatiler geworden. Doch dadurch würden die „Prognosen nicht von Jahr zu Jahr schlechter“. An Bedeutung gewännen hingegen äußere Ereignisse. Gerade setze die Flüchtlingskrise Reize für ein bestimmtes Wahlverhalten. Solche Stimuli hätten, sagt Schneider-Haase, im Zweifel mehr Kraft als eine „wie auch immer geartete“ Parteibindung.

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