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TV-Chefin in Frankreich : Erste Intendantin

Zuletzt war sie bei der Telekomfirma Orange France: Delphine Ernotte. Bild: AFP

Frankreichs Staatsfernsehen wird zum ersten Mal von einer Frau geführt. Delphine Ernotte hat als Chefin von France Télévisions viel vor. Sie will gleich einen neuen Kanal starten. Ob dafür Geld da ist?

          Fünf Sender und ein Budget von (noch) fast drei Milliarden Euro: In Paris hat Delphine Ernotte, Jahrgang 1966, als erste Frau die Stelle des Intendanten von France Télévisions angetreten. Ihre Wahl im Frühjahr war alles andere als unumstritten und wurde von schrillen Tönen begleitet. Die Redaktionen von France 2 und France 3, die gegen ihre Fusion kämpfen, kritisierten das „undurchsichtige und undemokratische Verfahren“. Delphine Ernotte wurde von den Ministerinnen Fleur Pellerin (Kultur) und Najat Vallaud-Belkacem (Unterrichtswesen), die sich an allen Fronten für Frauen starkmachen, unterstützt. Ein linkes Nachrichtenmagazin beschrieb die Berufung als Verschwörung einer dem Staatspräsidenten nahestehenden Seilschaft.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Einmal mehr wurde deutlich, wie sehr die Medienaufsicht CSA der Politik hörig bleibt. Vorgänger Rémy Pflimlin, der gerne geblieben wäre, hatte das Nachsehen, weil er noch von Sarkozy ernannt worden war. Er musste das Verbot der Werbung verdauen und hinterlässt gleichwohl eine ansehnliche Bilanz. Die Einschaltquoten der Nachrichten und vieler Eigenproduktionen sind gut und das soziale Klima bedeutend besser als bei Radio France, dessen neuer Intendant Mathieu Gallet im Frühjahr mit einem wochenlangen Streik fertig werden musste.

          Wohl auch mit Gallets Fehlstart vor Augen hat sich Delphine Ernotte nach ihrer Ernennung zurückgehalten. Ein unbeschriebenes Blatt ist sie nicht. Sie hat die klassische Ausbildung, die für verantwortungsvolle Positionen im Staatsapparat vorausgesetzt wird, durchlaufen und beim Telekommunikationsgiganten Orange, der aus France Télécom hervorgegangen ist, eine brillante Karriere gemacht.

          Für 2015 wird ein Defizit von zehn Millionen Euro erwartet, doch mittelfristig will die Regierung ihren Fernsehprogrammen die Subventionen um dreihundert Millionen Euro pro Jahr kürzen. Delphine Ernotte möchte diese Einbußen durch den Verkauf von attraktiven Programmen aus eigener Produktion kompensieren. Ob das mit den Auflagen, denen die öffentlich-rechtlichen Sender unterliegen, zu vereinbaren ist, scheint fraglich. Ernotte hat Rodolphe Belmer, den im Juli vom neuen Besitzer entlassenen Programmchef von Canal+, als Berater geholt. Merkwürdigerweise hat sie auch die Schaffung eines Nachrichtenkanals angekündigt: Der Staat betreibt bereits „France 24“, von den drei privaten News-Sendern ist mindestens einer zu viel.

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