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„Dellings Woche“ : Macht den Abend auch nicht schöner

Alter Bekannter mit neuer Sendung: Gerhard Delling Bild: dpa

Schon wieder eine neue Sendung: In „Dellings Woche“ bemüht sich der als Netzer-Widerpart bekannte Gerhard Delling, so disparate Themen wie Zwangsehen, Telekom-Ärger und Harninkontinenz zusammenzuhalten. Von Jörg Thomann.

          Wer heutzutage eine neue Sendung startet, sieht sich mit gut siebzig Jahren deutscher Fernsehhistorie konfrontiert, die es jedem, der innovativ sein möchte, schwer machen: Alles ist schon mal da gewesen. Trotzdem würde sich niemand die Blöße geben zu verkünden, er wolle einfach nur eine ordentliche Sendung mit kurzen Filmen und ein paar Gesprächen etablieren, die im Vergleich mit ähnlichen Formaten nicht abfällt und den Zuschauern ein wenig Kurzweil bietet: Wer so tief stapelt, hat die Gesetze des Mediums nicht verstanden.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Fast noch schwieriger als die Entwicklung einer neuen Sendung ist daher die Beschreibung, was genau sie eigentlich soll. Bei „Dellings Woche“, gestern abend erstmals im WDR-Fernsehen zu sehen, klingt das so: Es gehe „nicht nur um die Kurznachrichten der Woche, sondern vor allem um die Menschen dahinter und ihre Schicksale“. Donnerwetter, da muss man erstmal drauf kommen. Und was für Menschen werden dies sein? „Echte Charakterköpfe, die eine Motivation für ihr Tun haben.“ Unmotivierte Langweiler sollten es also besser gleich bei Kerner oder Beckmann versuchen.

          Der junge Frechdachs

          Vergessen wir das Wortgeklingel. Tatsächlich können die Zuschauer viele Fernsehformate heute ausschließlich anhand ihrer Moderatoren unterscheiden. „Dellings Woche“ hat hier einen vielversprechenden Vertreter zu bieten. Gerhard Delling ist einer der bekanntesten Sportmoderatoren hierzulande und verdankt dies vor allem einer Paraderolle: Er ist der junge Frechdachs, der in Ballspielpausen mit dem alten Brummbär Günter Netzer rangelt.

          Problematisch an diesem öffentlichen Bild ist zweierlei: Zum einen ist Delling gar nicht mehr jung, nämlich achtundvierzig. Zum anderen hat er in seiner Karriere längst nicht nur den Netzer-Widerpart gespielt und auch nicht nur Sportsendungen moderiert, sondern Talkshows, Jahresrückblicke, ein Medienmagazin und sogar mal als Vertretungskraft die „Tagesthemen“. Meist hat er sich wacker geschlagen, wurde folglich als Wickert- wie als Christiansen-Nachfolger gehandelt, den Aufstieg aber schafften andere. Weshalb Delling nun eine Etage tiefer noch einmal neu beginnt - im regionalen WDR-Fernsehen, aber immerhin auf dem früheren Sendeplatz Frank Plasbergs.

          Taktvoll und sachlich

          Er tauge, hatte Delling vor der Sendung gesagt, nicht zum Unterhalter; und wie um das zu untermauern, startete er mit einem Thema, an das sich andere nur gegen Ende ihrer Sendung gewagt hätten. Der Justizvollzugsbeamte Andreas Fischer war zu Gast, dessen Ehefrau ermordet worden war - von einem Sexualstraftäter, den Fischer selbst im Gefängnis betreut hatte und der nur fünf Wochen zuvor entlassen worden war. Mit Fischer und einem Kriminologen führte Delling ein ruhiges, sachliches Gespräch darüber, wie sich solche Tragödien verhindern ließen. Der Moderator verzichtete taktvoll auf Nachfragen, als Fischer nicht im Detail ausführen wollte, wie seine kleinen Kinder die Tat verkrafteten; er versäumte es aber, einen Punkt anzusprechen, der nicht nur Voyeure interessiert hätte: Ob es ein grausamer Zufall war, dass es ausgerechnet Fischers Frau traf, oder ob sie für den Täter ein aus bestimmten Gründen naheliegendes Opfer war. Auch der zuvor gezeigte Einspielfilm brachte keine Aufklärung, sondern irritierte durch ruckartige Kamerazooms.

          Von hier aus eine sensible Überleitung zu finden, versuchte Delling gar nicht erst. Er zeigte einen Beitrag über Deutschlands größten Erfinderclub und begrüßte dessen Vorsitzenden Friedhelm Limbeck. Der hatte auch eine Erfindung mitgebracht, aber leider keinen blinkenden, pfeifenden Roboter, sondern ein profanes Heftpflaster. Das funktioniere, so sein Schöpfer, ohne jede Chemie und schließe eine blutende Wunde binnen Sekunden - was sich freilich nicht überprüfen ließ, da im Studio (gottlob) niemand blutete. Dann präsentierte der Erfinder noch ein Harninkontinenzband. „Hört sich nicht gerade verlockend an“, meinte Delling, worauf ihn Limbeck netzermäßig auflaufen ließ: „Für Frauen, die darunter leiden, ist das sehr verlockend.“ Der Moderator ließ sich gleichwohl nicht umstimmen: „Macht den Abend nicht gerade schöner.“

          Delling wird aktiv

          Es folgte ein Bericht über die Neubausiedlung Bandorf, deren Bewohner weder Handy-Empfang noch Internet-Zugang haben. „Delling wird selbst aktiv und hilft den Zuschauern, ihre Probleme zu lösen“, verspricht die Sendung, weshalb Delling einen der Betroffenen neben einen Telekom-Sprecher setzte. Da sich mit der Telekom bekanntlich nur die wenigsten Probleme rasch lösen lassen, zog der Sprecher freilich keine DSL-Leitung aus der Tasche, sondern bot dem Bürger nur an, die Adressen auszutauschen und später noch einmal zu reden.

          Nur noch fünf Minuten blieben Delling dann für das Gespräch mit der Anwältin Gülsen Celebi, die muslimische Frauen gegen gewalttätige Ehemänner verteidigt; eine ihrer Mandantinnen wurde gemeinsam mit ihrer Tochter von ihrem Mann erschossen. Die gewaltigen Themen Parallelgesellschaft und „Ehrenmorde“ ließen sich nicht einmal ansatzweise erörtern in dieser knappen Zeit, in der Delling noch ein grober Schnitzer unterlief: Auf seine Frage, ob ihr Einsatz für die Frauen eine „persönliche Sache“ sei, weil sie selbst aus der Türkei stamme, entgegnete Celebi: „Nein, ich bin in Düsseldorf geboren.“ Worauf Delling die unbeholfene Feststellung nachschob, dass die Anwältin „keinen ganz echten Düsseldorfer Namen“ trage.

          Er ist durchaus ehrenwert, der Ansatz, den ausgetretenen Boulevard zu meiden und statt Prominentengeplauder ernsthafte oder launige Gespräche mit interessanten Normalbürgern zu führen. Noch aber bleibt Delling den Beweis schuldig, dass er - wie es einem Günther Jauch seit vielen Jahren mühelos gelingt - die vielen disparaten Themen seiner Sendung zusammenhalten kann. Vielleicht schafft er es, wenn „Dellings Woche“, wie es im Gespräch ist, von fünfundvierzig auf neunzig Minuten verdoppelt wird. Mit seiner Premierensendung jedenfalls hat er nicht den Eindruck erweckt, den Netzer endlich abschütteln zu können.

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