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Psychothriller auf Sat.1 : Machtspiel ums Seelenheil

  • -Aktualisiert am

Ist es die große Liebe? Anfangs fühlt es sich so an bei Hannes Jäger (Vladimir Burlakov) und Marie Luise „Malu“ Barstedt (Josefine Preuß). Bild: Sat.1

Von der Leidenschaft zum Stalking-Albtraum: „Dein Leben gehört mir“ von Regisseur Jochen Alexander Freydank bedient zwar Konventionen, überzeugt aber durch Spannung und Optik.

          Berlin kann so groß sein, glitzernd und verführerisch, aber auch weit, kühl und verlassen. Der Einstieg des neuen Psychothrillers von Regisseur Jochen Alexander Freydank hebt aus der Vogelperspektive ganz auf diese Anonymität ab, auf die Nachtseite Berlins. Noch mehr als sonst, suggeriert das, bedarf es hier des menschlichen Anschlusses. Mit dem haben die wenige Monate zuvor nach Berlin gezogene junge Ärztin Malu (Josefine Preuß) und ihre alleinerziehende Freundin Sandra (Anna Blomeier) allerdings kein Problem. Auf einer Single-Party sind beide nach Sekunden im Geschäft.

          Im Laufe des Films, der davon erzählt, wie eine zunächst ideal wirkende, leidenschaftliche Beziehung zwischen Malu und dem etwas geheimnisvollen Charmeur Hannes Jäger (Vladimir Burlakov) in einen lebensbedrohlichen Stalking-Albtraum umschlägt, werden die Räume enger und enger. Was nach der Party romantisch und offen auf einem gecharterten Boot beginnt – der neue Liebhaber legt sich mächtig ins Zeug –, verlagert sich bald in Wohnungen, Restaurants, Malus Arztpraxis, dunkle Tiefgaragen und zuletzt in ein fensterloses Zimmer, bis der große Showdown wieder über den Dächern stattfindet, nun aber in einem grauen Beton-Berlin ohne alle glitzernde Verführung.

          Der gelungenen, auch in Einzelheiten wie den gesichtslosen Apartmentblocks und überhaupt der glatten, frostigen Oberfläche stimmigen Bildsprache (Kamera Martin Schlecht) steht die darstellerische Qualität nicht nach. Die Protagonisten agieren konzentriert, sprechen nicht alles aus. Weil sie dabei ganz in ihrer Rolle aufgehen, fühlt sich diese Zurückhaltung richtig an. Bei jedem Übergriff kriecht die Panik tiefer in die Heldin hinein, aber auch die Entschlossenheit ist nie weit: Malu begegnet uns als starke, selbständige Frau, die sich weigert, die Opferrolle anzunehmen. Ebendas macht es so eindrücklich, wie sehr ihr Leben aus den Fugen gerät, kaum dass sie die Beziehung zu dem immer zudringlicher, manipulativer, eifersüchtiger und vertrauensunwürdiger werdenden Liebhaber beendet hat. Nur scheinbar akzeptiert der von Burlakov wunderbar doppelgesichtig Gespielte die Zurückweisung. Verletzt wirkt er nicht. Vielmehr steht seiner eigentlichen Leidenschaft, dem dunklen Trieb, Malus Leben so komplett zu kontrollieren („Du wirst nie wieder alleine sein“), dass sie darüber verzweifelt, jetzt nichts mehr im Weg. Der Verfolger erweist sich also als Vollformatpsychopath, wie wir ihn, grinsend und selbstsicher, aus vielen Filmen kennen. Kein Türschloss hält ihn ab, jede Maßnahme hat er vorhergesehen und wendet sie gegen sein Opfer.

          Alle Konventionen werden bedient

          Wegen verleumderischer Online-Bewertungen verliert Malu bald ihren Job; die Polizei bietet keine Unterstützung. „Machtspiele“ seien das, heißt es dort. Die Verfolgte solle doch zu einer Freundin oder in ein Hotel ziehen. Es stört nicht, dass die immer komplexer werdenden Nachstellungen bald nicht mehr realistisch wirken. Die Übersteigerung gehört zum Genre. Und wir befinden uns hier eben in einem Thriller, der sogar kurz (zu kurz) mit der Möglichkeit zu spielen scheint, dass manche Szenen doch auch Wahnvorstellungen sein könnten. Zudem bricht der Stalker in der zweiten Hälfte des Films eigentlich unentwegt Gesetze; dass er dabei nirgends Spuren hinterlassen sollte, scheint ebenfalls nicht ganz glaubhaft. Der Spannung dient es aber ungemein.

          Alle Konventionen werden in der Folge bedient. Das Auflauern in der Tiefgarage gibt es ebenso wie die noch glimmende Zigarette auf dem Balkon, das Malträtieren eines Haustiers oder die Steigerung des Bedrohungsgefühls durch plötzliche extreme Nähe. Symbolik wird reichlich, aber nicht aufdringlich eingesetzt, gebrochene Blumen, gefallenes Laub, eine schwarze Katze, ein abwärts fahrender Paternoster. Etwas dick aufgetragen sind vielleicht nur die Greifvogelsequenzen. Der Täter hält einen solchen auf dem Balkon: Jäger unter sich. Überraschend am Buch von Kristin Derfler sind allenfalls leicht untypische Details wie die Rolle einer devoten Freundin des Täters (Victoria Chilap).

          Auch wenn die Produktion als Themenfilm samt Begleitdokumentation beworben wird, muss man den aufklärerischen Aspekt nicht allzu hoch hängen. Vor allem die extreme Zuspitzung der Handlung gegen Ende gibt dieser Geschichte einen starken fiktionalen Effet. Dass das Ergebnis überzeugt, hat viel damit zu tun, dass die Hauptdarsteller die beiden Seelenzustände ihrer Figuren – hier Glück wie Furcht, dort Sensibilität wie Sadismus – so auszudrücken verstehen, dass sie nicht wie inkompatible, sondern wie ineinander verschränkte, dialektische Charaktereigenschaften wirken: Schon im Glück Malus war ein wenig Furcht zu finden; noch im Sadismus des Täters ist viel Feingefühl. Wir dürfen uns wohlig gruseln in diesem Berlin, in dem Liebe und Hass im selben Haus leben.

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