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Debütfilm „Schwerkraft“ im ZDF : Keinerlei Kredit mehr

  • -Aktualisiert am

Jürgen Vogel (links) spielt den Profiräuber Vince, Fabian Hinrichs ist der Bankangestellte Feinermann Bild: Stephanie Kulbach

Ein überschuldeter Kunde erschießt sich, ein Bankangestellter dreht durch: Mit „Schwerkraft“ legt Maximilian Erlenwein seinen Debütfilm vor. Man sollte sich seinen Namen merken.

          Seit sieben Jahren arbeitet Frederik Feinermann (Fabian Hinrichs) für die Sonanz Bank. Die Kunden berät er mit den üblichen Floskeln, immer korrekt, zum Wohl der Bank und zu eigenem Frommen. Seine Wohnung ist so aufgeräumt wie sein Leben. Hemden und Anzüge hängen, nach Farben sortiert, in exakt gleichem Zentimeterabstand auf der Stange. In der klinisch sauberen Küche brodelt nur eine lächerlich überdesignte Espressomaschine.

          Feinermann führt das Idealleben eines modernen Angestellten. Immerzu erreichbar, allseits funktionierend, zum Gähnen langweilig. Ein Rädchen im Getriebe. Welches eines schönen Tags aus dem Takt kommt, als sich vor seinen Augen ein überschuldeter Kunde, dem Feinermann den zuvor aufgenötigten Kredit kündigen soll, verabschiedet und erschießt.

          Die Blutspritzer auf weißem Kragen und Gesicht, die Feinermann abzuschrubben versucht, sind schwer zu beseitigen. Gegen die Verrücktheit, die sich seiner bemächtigt, aber hilft kein Bleichmittel. Bei Tag führt er sein Angestelltendasein, die Bankgeschäfte subtil boykottierend, weiter.

          Sehr komisch und tief tragisch

          Nachts wird er vom gesellschaftlich anerkannten Ja- und persönlichen Versager zu dem Verbrecher, als der er sich sowieso fühlt. Mit dem einstigen Bandkollegen und Profiräuber Vince Holland (Jürgen Vogel) raubt er die Häuser reicher Bankkunden aus, findet Geschmack an Gewalt und nähert sich seiner Exfreundin Nadine (Nora von Waldstätten).

          Von Feinermanns stellenweise unglaublich komischer, zum Teil tieftragischer krimineller Karriere erzählt der Spielfilmerstling „Schwerkraft“ des Hochschulabsolventen Maximilian Erlenwein (Buch und Regie) originell und erstaunlich sicher in den Mitteln. Selten ist hier zu ahnen, welche Wendung als nächste um die Ecke gebogen kommt. Und wer Feinermann eigentlich ist. Denn der überkorrekte, höchst langweilige Bankangestellte scheint, wie sich nach und nach enthüllt, auch nur eine Rolle zu sein, die sich ein ganz anderer, der Prä-Bank-Feinermann, aus ganz bestimmten Gründen antrainiert hat.

          In seiner grotesken Verbindung von Komik und Gewalt erinnert „Schwerkraft“ nicht von ungefähr an Filme Tarantinos; in seiner Spiegelung der satirisch-anarchisch überhöhten Verbrecherszenerie mit der unterschwelligen Verbrechensbereitschaft der Bankangestellten und insbesondere ihres jovial-skrupelfreien Chefs Kollath (Thorsten Merten) ist er einzigartig und ganz bei sich. Neben den Hauptdarstellern Hinrichs, Vogel und von Waldstätten, die die mitreißende Intensität des Films erst in Szene setzen, überzeugen Jule Böwe als Sonja, Freundin von Vince, und Eleonore Weisgerber als Feinermanns verkniffene Vorgesetzte Frau Reicherts.

          Dass Feinermanns Befreiung durch Verbrechen keine ungebremste Fahrt ins Glück sein kann, lässt sich absehen, als Schwerverletzte und sogar ein Toter als Kollateralschäden von Vinces und Feinermanns Raubzügen gezählt werden müssen. Aber: Gerät Feinermanns Leben nun gänzlich aus den Fugen, oder kommt er zu sich selbst? Dank ungewohnter, aber sehr überzeugender Spannungsdramaturgie, exzellenter Kamera (Ngo The Chau), bemerkenswertem Schnitt (Gergana Voigt) und nicht zuletzt dem einzigartigen Sounddesign (Jakob Ilja, „Element of Crime“) lässt sich um Feinermann bis zum letzten Moment bangen und zittern.

          Im Wettbewerb des Max-Ophüls-Festivals erhielt Erlenweins Film 2010 den Haupt- und den Drehbuchpreis. Nora von Waldstätten wurde als beste Nachwuchsdarstellerin, Fabian Hinrichs mit dem Sonderpreis Schauspiel ausgezeichnet. In der Kategorie „Abendfüllender Spielfilm“ erhielt „Schwerkraft“ zudem den First Steps Award. Erlenweins Name muss man sich merken.

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