https://www.faz.net/-gqz-8m4ex

Debatte um Lech Kaczyńskis Tod : Die Lügen von Smolensk

  • -Aktualisiert am

Sie deckt im Film die vermeintliche Verschwörung auf: Die Journalistin Nina Dziennikarka (Beata Fido, Mitte) beginnt mit der Recherche. Bild: Jacek Piotrowski

Ein Film über den Flugzeugabsturz, bei dem der polnische Präsident Lech Kaczyński 2010 ums Leben kam, spaltet Polen. Er deutet das Unglück als Verbrechen. Das passt der Regierung bestens in den Plan.

          Waren der polnische Präsident Lech Kaczyński und 95 weitere Passagiere seines Flugzeugs, das Anfang April 2010 bei Smolensk abstürzte, Opfer eines Anschlags des russischen Geheimdienstes? Versuchte die damalige Regierung Donald Tusks, diesen Anschlag zu vertuschen? War sie gar selbst verstrickt? Diese Fragen stellt der Spielfilm „Smolensk“ von Antoni Krauze und gibt auch gleich die Antwort: Am Ende des Films sieht man, wie zwei Explosionen die Maschine zerreißen, mit der Kaczyński zur Gedenkfeier für die 1940 vom sowjetischen Geheimdienst in Katyn ermordeten polnischen Offiziere reiste. Die These vom Anschlag polarisiert die polnische Gesellschaft. Die Anhänger der Regierungspartei PiS und ihre führenden Vertreter, allen voran Lech Kaczyńskis Zwillingsbruder Jarosław und Verteidigungsminister Antoni Macierewicz, wiederholen sie gebetsmühlenartig auf der Grundlage dubioser Indizien. Krauzes Film lässt die Debatte abermals hochkochen.

          Seine Präsentation im Warschauer Großen Theater vor Präsident Andrzej Duda, fast der kompletten Regierungsmannschaft und zahlreichen Würdenträgern glich einem Staatsakt. Nicht geladen waren, mit Ausnahme von Vertretern einiger regierungstreuer Medien, Journalisten und jene Angehörigen der Opfer, die sich seit Jahren öffentlich gegen die politische Instrumentalisierung der Katastrophe verwahren.

          Vertuschung und Verschwörung

          Seit ihrer Machtübernahme stilisiert die PiS Smolensk zum Gründungsmythos jenes neuen Polens, das unter ihrer Führung auf den Ruinen der Dritten Republik errichtet werden soll. Verteidigungsminister Macierewicz ordnete gar an, die Namen der Absturzopfer bei jeder Veranstaltung zu verlesen, an der eine Ehrenkompanie der polnischen Armee teilnimmt. Im sogenannten Smolensk-Appell werden die Opfer der Flugzeugkatastrophe als „gefallen“ bezeichnet, ein Wort, das eigentlich jenen vorbehalten ist, die im aktiven Kampf umkamen. Insbesondere Weltkriegsveteranen und ihre Angehörigen reagierten mit Unmut.

          Das 2013 begonnene Filmprojekt war von Problemen begleitet. Viele Schauspieler lehnten die Rollenangebote des Regisseurs Krauze ab. Eine eigens gegründete Stiftung konnte nicht ausreichend Mittel für die Produktion auftreiben. Erst nach dem Wahlsieg der PiS fanden sich potente Spender. Der Hauptdarsteller Jerzy Zelnik, wie Krauze ein treuer Gefolgsmann Kaczyńskis, betrachtet den Film als „Quasi-Dokumentation“, welche „die Wahrheit über dieses tragische Ereignis verteidigen“ soll. Es ist freilich eher gefühlte Wahrheit, wie man sie hierzulande von der AfD kennt.

          Der Film „Smolensk“ bewegt sich zwischen authentischen Sequenzen inklusive Originalmaterial und einer eigenen Film-Realität.

          Im Mittelpunkt von „Smolensk“ steht die Journalistin Nina, die den Flugzeugabsturz recherchiert. Sie stößt, sehr zum Missfallen ihres zynischen Chefredakteurs, auf Widersprüche in der offiziellen Version vom Unfall, Vertuschungsversuche und mysteriös ums Leben gekommene Zeugen. Die Drehbuchautoren folgen den Verschwörungstheorien von Minister Macierewicz und seinen sogenannten Experten. Reichlich verwendetes Originalmaterial von der Absturzstelle, der Beisetzung des Präsidenten und der Gedenkfeier soll dem Film Authentizität verleihen. Dabei weicht die Filmwahrheit von der realen durchaus ab. Ein Kameramann, der damals tatsächlich am Unfallort filmte und laut Drehbuch unter geheimnisvollen Umständen in Moskau stirbt, meldete sich quicklebendig, aber wenig amüsiert.

          Topmeldungen

          Nach einem ungeregelten Brexit im Oktober könnte Joghurt wegen der erschwerten Einfuhrbedingungen und der möglichen Knappheit Seltenheitswert haben.

          Ungeregelter Brexit : Wenn der Joghurt zum Luxus wird

          Wenn Joghurt zum Luxusgut wird. Das könnte dem Vereinigten Königreich tatsächlich bei einem ungeregeltem Brexit am 31. Oktober passieren. Besonders die britische Milchindustrie fürchtet sich vor kommenden Engpässen.
          Mit virtueller Realität direkt ins Herz der Immigranten – Iñárritus Sechseinhalb-Minuten-Installation in Cannes.

          Künstliches Herz : Organ aus dem 3-D-Drucker

          Forscher konstruieren eine künstliche Herzkammer und Muskelzellen, die synchron schlagen. Noch fehlt Entscheidendes, damit Ersatzorgane aus dem 3-D-Drucker entstehen können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.