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Debatte um hr2-Kultur : Kultur ist nicht nur Musik

Was bleibt erhalten? Die Debatte um die Veränderung der hr2-Kulturwelle geht weiter. Bild: HR

Nach der Podiumsdiskussion unter dem Titel „hr2 minus Kultur? - gegen den Kulturabbau in den öffentlich-rechtlichen Medien“: Neues zu einer Radioreform, die nach wie vor einer Abwicklung gleichkommt.

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          Mitte Juli hatte Manfred Krupp, der Intendant des Hessischen Rundfunks, in einem Gespräch mit dieser Zeitung erstmals öffentlich Stellung bezogen zu den kurz zuvor bekanntgewordenen Plänen des Senders, die renommierte Radiowelle hr2-Kultur zugunsten eines reinen Klassikkanals abzuschaffen und deren Markenkern, die aktuelle Kulturberichterstattung, auf digitale Plattformen wie Hessenschau.de oder die ARD-Audiothek auszulagern. Krupp bekräftigte damals den Willen, den ganzen Sender, insbesondere den Hörfunk, „jünger, digitaler und diverser“ zu machen, beschied aber die Frage, welche Formate deshalb zur Disposition stünden, mit einem sibyllinischen Verweis: „Die Geschäftsleitung muss die großen Linien vorgeben, aber die Ausgestaltung ist Sache der Programmmacher.“

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Damit war eine Art Gummiwand errichtet, an der man die Tag für Tag manifester und frequenter werdende Kritik an den Senderplänen abprallen lassen konnte. Angesprochen auf konkrete hr2-Formate wie etwa das „Kulturfrühstück“, den „Doppelkopf“ oder die „Hörbar“ konnte der Hörfunkdirektor Heinz-Dieter Sommer deshalb Ende August geschmeidig antworten: „Über einzelne Sendungen ist überhaupt noch nicht gesprochen worden, auch wenn von vielen Kritikern unterstellt wird, dass Entscheidungen gefallen seien.“

          Die Kultur des Hörens und Zuhörens

          Die Kritiker ließen sich davon nicht stören. Sie vermehrten sich rasant. Mehr als zwanzig bekannte Schriftsteller, Wissenschaftler, Theaterleute und Medienprofis beteiligten sich unter dem Motto: „Ist das Kulturfunk – oder kann das weg?“ an der hr2-Umfrage dieses Feuilletons. Eine Online-Petition „Für den Erhalt von hr2-Kultur!“ hat inzwischen mehr als zehntausend Unterzeichner. Der Rundfunkrat des Senders, der als gesellschaftliches Kontrollorgan die Pläne der Geschäftsleitung zwar de jure nicht stoppen, de facto aber einbremsen kann, erinnerte die Chefs bei aller Befürwortung „der digitalen Nutzung“ von Sendeformen an deren lineare Radiopflichten: „Kultur ist nicht nur Musik, sondern auch Literatur, die Kultur des Hörens und Zuhörens und der gesellschaftliche Diskurs.“ Gebildet haben sich unterdessen auch einige private Initiativen, an ihrer Spitze „hr2-Wort“, für das Wolfram Schütte, der einstige Großkritiker der „Frankfurter Rundschau“, verantwortlich zeichnet.

          Angesichts dieser Aktivitäten konnte man in den vergangenen Wochen den Eindruck gewinnen, der Abschaffungs- und Abwicklungsspuk sei vorüber, es gehe für die Verantwortlichen vor allem um vernünftige Lösungen des selbsterzeugten Problems, nebst Gesichtswahrung. Noch aber ist man nicht soweit, wie sich am Dienstagabend dieser Woche erwies. Schüttes Initiative hatte unter dem Titel „hr2 minus Kultur?“ zu einer Podiumsdiskussion „gegen den Kulturabbau in den öffentlich-rechtlichen Medien“ geladen, an die vierhundert Zuhörer füllten den Veranstaltungssaal der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt.

          Es ging höchst zivilisiert zu. Marion Tiedtke vom Schauspiel Frankfurt beruhigte als Moderatorin „die besorgten Freunde“, es sei ja „noch nichts entschieden“. Der Schriftsteller Matthias Altenburg erheiterte mit einer lebenswahren Anekdote, aus der er den unwiderleglichen Schluss zog: „Zwei von zwei Autofahrern hören hr2-Kultur.“ Michael Ridder, Redakteur beim Evangelischen Pressedienst, blieb zwar etwas blass, dabei aber unpanisch. Die Buchhändlerin Barbara Determann verwies auf die Freuden einer „ungerichteten Hörerin“, der beim morgendlichen Einschalten des Radios fast immer „zufällige, ungeahnte Funde“ aus den „Randgebieten der Kultur“ ins Ohr kämen. Einzig der Journalist und Theatermacher Michael Herl wurde etwas brüsk, als er die Senderverantwortlichen biblisch zurechtwies: „Sie wissen nicht, was Sie tun.“

          Die Freuden einer „ungerichteten Hörerin“

          Dann kam Alf Mentzer als Repräsentant des Hessischen Rundfunks zu Wort. Er hatte, an sich eine gute Idee, die Veranstalter in Voraus gebeten, seinerseits nicht nur zuhören, sondern auch Stellung nehmen zu dürfen, nicht zuletzt, um „Falsch- und Fehlwahrnehmungen“ zu korrigieren, mit denen er immer wieder konfrontiert werde. Natürlich durfte er. Mentzer ist seit fast anderthalb Jahrzenten als kluger, engagierter Literaturredakteur von hr2-Kultur bekannt. In der Nationalbibliothek sprach er jedoch als Leiter jener „Portfoliogruppe“, die den Chefs der „großen Linien“ in Kürze die konkreten Programmkonsequenzen vorlegen soll und will. Mentzer also sprach. Aber welch eine Sprache war das? Ihr ging es um „Ausspielwege“, „komplexe Prozesse“, „den verzahnten Mix“ „den distinktiven Kulturbegriff“ und, Krönung des Ganzen, um „die crossmediale Kultur-Unit“. Dem Murren im Publikum hielt er pikiert entgegen, das sei eben das Vokabular der Medienforschung. Es ist aber der Jargon von kulturfernen Unternehmensberatern, es ist, wie es die Schriftstellerin Eva Demski am Ende des Abends auf den Punkt brachte: „McKinsey-Sprech“.

          Vom Stil zur Sache. Mentzer sagt: „hr2-Kultur soll nicht abgeschafft und es soll keine Klassikwelle werden.“ Also soll es bleiben, wie es ist? Nein, aus dem bisherigen linearen Vollprogramm soll „eine auf ein klassisch kulturorientiertes Publikum ausgerichtete Radiowelle“ werden, die dann eben auch die gegenwärtige Musikmischung von Klassik bis Edelpop, von Jazz und Folk bis zur Weltmusik auf reine Klassik reduziert. Also doch Klassikwelle, wenngleich nicht mehr so genannt. Mentzer sagt: „Langformate wie der ,Doppelkopf‘ die ,Lesung‘, das ,Feature‘, das ,Hörspiel‘ oder ,Der Tag‘ sind in keiner Weise gefährdet.“ Gut so. Höchst gefährdet aber ist genau das, was hr2-Kultur im Innersten ausmacht: die Kulturberichterstattung aus Hessen und darüber hinaus, etwa die „Frühkritik“, etwa die „Kulturpresseschau“, jedenfalls die vielen zufälligen, überraschenden, ungeahnten Funde von Hannoversch Münden bis Viernheim, von denen Frau Determann zu Recht schwärmt. Sie sollen, sagt Alf Mentzer „verstärkt über die digitalen Ausspielwege verbreitet werden, damit zeitgemäßer und stärker nutzerorientiert gestaltet werden“. Vieles, das ist sicher, wird dabei schlicht verlorengehen.

          Das Beste an der noch nicht beendeten Debatte ist, dass hr2-Kultur – von zu vielen als zu selbstverständlich angesehen und von zu wenigen gehört – wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein rückt. Statt in Mentzers „Portfoliogruppe“ Bewährtes aus dem Radio ins keineswegs von sich aus die junge Zielgruppe anziehende Internet zu verschieben, sollte man besser an ein großes Radiofest denken, das sich die gebührenzahlenden Hessen im Herbst des kommenden Jahres zum siebzigsten Geburtstag von hr2-Kultur verdient hätten. In der Resolution, die am Ende der Podiumsdiskussion vom Publikum der Nationalbibliothek verabschiedet wurde, heißt es: „Wir befürchten, dass ohne ein hörernahes hr2 die lebendige Einbindung in das Kulturgeschehen Hessens verloren geht \[...\] Eine in Jahrzehnten gewachsene Symbiose zwischen Sender und Region wäre unwiederbringlich zerstört.“ Eine crossmediale Kultur-Unit wird diese Symbiose nicht retten.

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