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Debatte um hr2-Kultur : Kultur ist nicht nur Musik

Die Freuden einer „ungerichteten Hörerin“

Dann kam Alf Mentzer als Repräsentant des Hessischen Rundfunks zu Wort. Er hatte, an sich eine gute Idee, die Veranstalter in Voraus gebeten, seinerseits nicht nur zuhören, sondern auch Stellung nehmen zu dürfen, nicht zuletzt, um „Falsch- und Fehlwahrnehmungen“ zu korrigieren, mit denen er immer wieder konfrontiert werde. Natürlich durfte er. Mentzer ist seit fast anderthalb Jahrzenten als kluger, engagierter Literaturredakteur von hr2-Kultur bekannt. In der Nationalbibliothek sprach er jedoch als Leiter jener „Portfoliogruppe“, die den Chefs der „großen Linien“ in Kürze die konkreten Programmkonsequenzen vorlegen soll und will. Mentzer also sprach. Aber welch eine Sprache war das? Ihr ging es um „Ausspielwege“, „komplexe Prozesse“, „den verzahnten Mix“ „den distinktiven Kulturbegriff“ und, Krönung des Ganzen, um „die crossmediale Kultur-Unit“. Dem Murren im Publikum hielt er pikiert entgegen, das sei eben das Vokabular der Medienforschung. Es ist aber der Jargon von kulturfernen Unternehmensberatern, es ist, wie es die Schriftstellerin Eva Demski am Ende des Abends auf den Punkt brachte: „McKinsey-Sprech“.

Vom Stil zur Sache. Mentzer sagt: „hr2-Kultur soll nicht abgeschafft und es soll keine Klassikwelle werden.“ Also soll es bleiben, wie es ist? Nein, aus dem bisherigen linearen Vollprogramm soll „eine auf ein klassisch kulturorientiertes Publikum ausgerichtete Radiowelle“ werden, die dann eben auch die gegenwärtige Musikmischung von Klassik bis Edelpop, von Jazz und Folk bis zur Weltmusik auf reine Klassik reduziert. Also doch Klassikwelle, wenngleich nicht mehr so genannt. Mentzer sagt: „Langformate wie der ,Doppelkopf‘ die ,Lesung‘, das ,Feature‘, das ,Hörspiel‘ oder ,Der Tag‘ sind in keiner Weise gefährdet.“ Gut so. Höchst gefährdet aber ist genau das, was hr2-Kultur im Innersten ausmacht: die Kulturberichterstattung aus Hessen und darüber hinaus, etwa die „Frühkritik“, etwa die „Kulturpresseschau“, jedenfalls die vielen zufälligen, überraschenden, ungeahnten Funde von Hannoversch Münden bis Viernheim, von denen Frau Determann zu Recht schwärmt. Sie sollen, sagt Alf Mentzer „verstärkt über die digitalen Ausspielwege verbreitet werden, damit zeitgemäßer und stärker nutzerorientiert gestaltet werden“. Vieles, das ist sicher, wird dabei schlicht verlorengehen.

Das Beste an der noch nicht beendeten Debatte ist, dass hr2-Kultur – von zu vielen als zu selbstverständlich angesehen und von zu wenigen gehört – wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein rückt. Statt in Mentzers „Portfoliogruppe“ Bewährtes aus dem Radio ins keineswegs von sich aus die junge Zielgruppe anziehende Internet zu verschieben, sollte man besser an ein großes Radiofest denken, das sich die gebührenzahlenden Hessen im Herbst des kommenden Jahres zum siebzigsten Geburtstag von hr2-Kultur verdient hätten. In der Resolution, die am Ende der Podiumsdiskussion vom Publikum der Nationalbibliothek verabschiedet wurde, heißt es: „Wir befürchten, dass ohne ein hörernahes hr2 die lebendige Einbindung in das Kulturgeschehen Hessens verloren geht \[...\] Eine in Jahrzehnten gewachsene Symbiose zwischen Sender und Region wäre unwiederbringlich zerstört.“ Eine crossmediale Kultur-Unit wird diese Symbiose nicht retten.

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