https://www.faz.net/-gqz-agvez

Das Videospiel „Deathloop“ : Jeden Tag High Noon

Wo morgen auch wieder nur heute ist: In „Deathloop“ stellt sich Colt den Eternalisten, um der Todesspirale zu entgehen. Bild: Bethesda

Das Videospiel „Deathloop“ will ein ganz smarter Shooter sein. Doch mehr als Schützenfest-Niveau erreicht es nicht. Liquidieren wird hier als Puzzlespiel angelegt.

          3 Min.

          Das Videospiel „Deathloop“ tut geheimnisvoll, birgt jedoch wenig Geheimnis. Um Geheimnisvolles zu schaffen, braucht es mehr als die ausgestellte Vorenthaltung von Information. Als Spieler erwacht man in der Rolle des bärtigen Lederjackenträgers Colt (fabelhaft gesprochen von Jason E. Kelley). Ein bisschen Programm ist der Name, weil in diesem Spiel nun mal viel geschossen wird. Und messergemeuchelt. Und gesprengt. Und vergiftet. Und geschubst.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Der Spieler sieht die Welt durch Colts Augen: zu Beginn einen verschneiten Strand, später Bunker, Tunnel, technische Einrichtungen, Labore, Bibliotheken und Wohnzimmer im buntgrellen Stil der Sechzigerjahre – glänzende Oberflächen, runde Formen, ein Hauch von Frank Lloyd Wright und „Clockwork Orange“. Das erinnert stark an das Videospiel „We Happy Few“ (F.A.Z. vom 9. Oktober 2018).

          Sehr bald wird Colt von einer Frau kontaktiert, Julianna ihr Name (ebenfalls Maßstäbe in Sachen Videospielsynchronisation setzend: Ozioma Akagha), die sich seinen Tod wünscht. Warum? Das wüssten wir gern. Von einem Loop ist die Rede und davon, dass Colt ihn durchbrechen und Julianna ihn aufhalten will. Dabei gäben die beiden so ein charmantes Paar ab.

          „Eternalisten“ und „Visionäre“

          Colts Nachforschungen führen ihn zu verschiedenen Zeiten ein und desselben (immer wiederkehrenden) Tages an verschiedene Orte der subarktischen Insel „Black Reef“. Sie wird von einem gigantischen Metallkonstrukt beherrscht, das aussieht, als hätte man bei einer sehr teuren und leistungsstarken Lautsprecherbox die Verkleidung vergessen. Die Insel ist bevölkert von bunt, aber irgendwie oft einfallslos maskierten „Eternalisten“ und acht „Visionären“, die es einen nach dem anderen auszuschalten gilt. Wird man selbst ausgeknipst, spult ein hilfreicher Apparat die Zeit um einige Sekunden zurück und verschafft einem eine zweite und wenn es sein muss sogar eine dritte Chance. Danach ist Schluss. Wer dreimal stirbt, dem glaubt man nicht – beziehungsweise der muss den jeweiligen Loop wieder von vorn beginnen, und alles, was er auf dem Durchgang an Waffen und Kinkerlitzchen gehortet hatte, ist perdu.

          Vor und während dieser zunächst ziellosen und stark überfordernden Schnitzeljagd soll der Spieler also dieses große erzählerische Fragezeichen mit Info-Konfetti füllen, das er von Zetteln und Dokumenten abliest, auf Fotos und Landkarten erspäht, von Diktiergeräten oder Gesprächen erlauscht. Alle Hinweise sammeln sich in einem unübersichtlichen Menü, sortiert nach Orten und Tageszeiten. Man erfährt Türcodes, Personalroutinen, Vorlieben, Versuchsanordnungen und geplante Betrügereien. Alles wie immer. Nur haben all diese Informationen einen Preis: Blut. Zwar lassen sich die bewaffneten Maskenträger auch geschickt umgehen, doch stellt die gesamte Aufmachung des Spiels die Suggestivfrage: Wo wäre da der Spaß?

          Die Entwickler von Arkane Studios verleihen ihren Spielen oft einen existenzialistischen Spin: Kommen Figuren anderer Videospiele aus der dort abgebildeten Welt und sind bereits vor Beginn der Spielgeschichte Teil von ihr – das heißt vertraut mit ihren Funktionsweisen, orientiert und mündig –, werden die Helden hier oft in eine fremde oder plötzlich verwandelte Welt geworfen. In der „Dishonored“-Reihe muss ein einstiger Leibwächter im Untergrund agieren, um der Erbin des kaiserlichen Throns zu ihrem angestammten Platz zu verhelfen. In „Prey“ (F.A.Z. vom 18. Juni 2017) muss der Angestellte eines Technikkonzerns herausfinden, warum dessen Orbitalstation von flüssigen Schattenwesen überrannt wird. Auch in „Deathloop“ muss die Figur Colt sich zunächst in „den Besitz dessen bringen, was er ist“, um die Tragweite seiner Verantwortung gegenüber der Welt zu erfassen.

          Folgt etwas daraus? Etwa der Wandel seiner Methoden? Nein. Jetzt hat uns das Spiel ja schon so viel schönes Spielzeug und Spezialfähigkeiten hingeworfen, damit das Liquidieren die Qualität eines beschleunigten Puzzlespiels gewinnt: Wie schalte ich möglichst effizient viele Maskenträger aus? Wähle ich die Nexus-Fähigkeit, mit der ich mehrere Feinde miteinander verbinden kann und somit das Ableben des einen auch zum Dahinscheiden aller mit ihm Verbundenen führt? Benutze ich Granaten? Oder hacke ich eine Selbstschussanlage nebst Bewegungsabtaster, die dann alle meine Feinde für mich erledigt? Das hat alles Tempo und birgt auf den ersten Metern auch einen grimmigen Spaß, doch bald erstarren diese Routinen. Sie werden – vielleicht nur eine Frage des Geschmacks – auch nicht durch die nette Spielerei lebendiger, dass, wenn man im Onlinemodus spielt, befreundete Spieler die Möglichkeit haben, das Spiel in Gestalt von Julianna zu kapern und uns zu jagen.

          Dieser Shooter will einfach zu smart sein, will ein längst salonfähiges Genre mit einem Hauch von Oldschool-Cool versehen – und kann sein Wesen doch nur schlecht kaschieren. Das Videospiel „Returnal“, das einem ähnlichen Ansatz folgt – eine Astronautin strandet auf einem fremden Planeten, und wenn sie bei dessen Erkundung stirbt, beginnt sie (den Loop) wieder von vorn –, kam ehrlicher, schlichter und gleichzeitig ausgefallener daher. Trotzdem birgt es mehr Geheimnis als diese vorwitzige Sterbespirale. Immerhin, dass hier selbst der Tod mit Erkenntnisgewinn verbunden ist, das tröstet.

          Deathloop ist für die PlayStation 5 zu haben und kostet etwa 60 Euro.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach der Flutkatastrophe : Warum ein Ehepaar jetzt an die Ahr zieht

          Tamara Segers und Reinhard Boll wollten helfen und bauten im Flutgebiet eine Kaffeebude auf, die für viele Betroffene zum Ankerpunkt wurde. Jetzt zieht das Ehepaar aus dem Münsterland selbst an die Ahr. Warum?

          Angst vor Inflation : Soll man jetzt Aktien kaufen?

          Viele Anleger haben Angst vor der Inflation – und davor, was sie für ihr Erspartes bedeutet. Wie man sein Geld schützen kann, erklären zwei Experten im Bürgergespräch der F.A.Z.