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„Domani“ in Italien : Ist das die Zeitung von morgen?

Erstausgabe: das Titelblatt von „Domani“ Bild: Domani

Der Medien-Veteran Carlo De Benedetti will es noch einmal wissen und gründet nach seinem Abschied von „La Repubblica“ ein neues Blatt. „Domani“ will vor allem online punkten.

          4 Min.

          Ist das tatsächlich etwas Neues oder bloß die Rache eines jüngst entmachteten Patrons? Ist die Zeitung „Domani“, die am Dienstag in Italien an den Start ging, wirklich das Blatt für morgen – wie ihr Titel verspricht – oder nur ein Abklatsch von gestern? Gründer und Geldgeber der neuen Tageszeitung, die online sowie gedruckt mit einem Umfang von sechzehn Seiten zum Einzelpreis von einem Euro erscheinen wird, ist Carlo De Benedetti. Aus seinem Privatvermögen bringt der inzwischen 85 Jahre alte Unternehmer zunächst zehn Millionen Euro ein. Mit weiteren zehn Millionen Euro will er eine Stiftung ausstatten, die später die Zeitung herausgeben wird.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          De Benedetti gehört zu jener Generation italienischer Industriekapitäne, die ihren Reichtum und ihre Macht maßgeblich dem italienischen Wirtschaftswunder der fünfziger bis siebziger Jahre verdanken. Er hat unter anderem den Computerkonzern Olivetti, eine Bank, den Nudelhersteller Buitoni und kurzfristig auch Fiat geführt. Zur Generation der überaus aktiven Mittachtziger gehören außerdem der „Brillenkönig“ Leonardo Del Vecchio, der Modeschöpfer Giorgio Armani sowie Luciano Benetton, der vom Pulloverstricken aufs Betreiben privater Autobahnen umgesattelt hat. Und natürlich Silvio Berlusconi, Bau- und Medientycoon sowie mehrfacher Regierungschef, der auf der jüngsten Etappe seines langen Kämpferlebens soeben eine Covid-19-Erkrankung überstanden hat.

          An die Konservativen verkauft

          De Benedetti hat 1976 die linksliberale Tageszeitung „La Repubblica“ gegründet, deren maßgebliche Kommentatorenstimme seit Jahr und Tag der legendäre Eugenio Scalfari ist. Scalfari ist gar schon 96 Jahre alt, schreibt aber eisern jeden Sonntag seine Titelblatt-Kolumne – zuletzt über die „Dialektik von Macht und Liebe“.

          De Benedetti machte die „Repubblica“ zur maßgeblichen publizistischen Stimme der italienischen Linken, die sich in der expliziten Gegner-, ja Feindschaft zu Berlusconi positionierte. Ihre auch wirtschaftliche Blüte erlebte „La Repubblica“ von Mitte der neunziger Jahre bis etwa 2007, mit einer Auflagenspitze von fast 800.000 Exemplaren. Heute verkauft das Blatt vielleicht noch 100.000 gedruckte Zeitungen und weitere rund 100.000 Digitalabos. Wie fast alle Zeitungen hat auch „La Repubblica“ schwer mit dem Leser- und Anzeigenschwund zu kämpfen.

          Carlo De Benedetti hat 1976 die linksliberale Tageszeitung „La Repubblica“ gegründet
          Carlo De Benedetti hat 1976 die linksliberale Tageszeitung „La Repubblica“ gegründet : Bild: AFP

          Im Juni 2017 übergab Carlo De Benedetti die Führung seiner Medienholding, zu der neben der „Repubblica“ auch zahlreiche Lokalzeitungen, das linke Wochenblatt „L’Espresso“ und die italienische Ausgabe des Nachrichtenportals „Huffington Post“ gehören, an seine drei Söhne.

          Doch schon bald kam es zum Familienzwist, weil die Söhne das publizistische Lebenswerk des Vaters ausgerechnet an die Agnelli-Familie verkaufen wollten. Dabei hatten sich die Agnellis, unter Führung von Familienpatriarch und Fiat-Chef Gianni Agnelli (1921 bis 2003), mit dem konservativen Turiner Traditionsblatt „La Stampa“ längst ihr eigenes publizistisches Sturmgeschütz besorgt. Die Bemühungen von Vater Carlo, seine Zeitung und die Holding zurückzukaufen, scheiterten. Die Söhne verkauften im April 2020 für 102 Millionen Euro ihre Holdinganteile an das Medienunternehmen der Agnellis.

          Online first

          Seither herrscht John Elkann, 44 Jahre alter Enkel von Gianni Agnelli, über das einstige Medienhaus Carlo De Benedettis. Obwohl es unter der neuen Verlagsführung bisher nicht zu dem von De Benedetti prophezeiten Rechtsruck der „Repubblica“ gekommen ist, wird das einstige Amts- und Mitteilungsblatt der etablierten Linken und der sozialdemokratischen Hierarchie von manchen jetzt verächtlich als „Stampubblica“ bezeichnet.

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