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Arte-Film „Stadt ohne Juden“ : Davon träumen die Antisemiten

  • -Aktualisiert am

Szene aus Breslauers Film: Ein Ausweisungsdekret zwingt die jüdische Bevölkerung ins Exil. Bild: ZDF

Bilder mit prophetischem Potential: Arte zeigt den kürzlich vollständig wiederhergestellten Film „Die Stadt ohne Juden“ von 1924.

          Utopia, 1922: Der Staat befindet sich in einer schweren Krise. Angeheizt durch gierige Spekulanten, wachsen Inflation und Arbeitslosigkeit von Tag zu Tag. Demonstrierende Massen ziehen durch die Straßen. Noch beten in den Synagogen die Männer. Im Regierungsrat grübelt der Bundeskanzler (Eugen Neufeld) über die Zukunft, während auf der Galerie die jüdischen und christlichen Journalisten getrennt den Aufruhr der Politiker beobachten. In der jüdischen Loge echauffiert sich ein stadtbekannter Rechthaber, Dr. Jakob Kraus (Theodor Weiser), dem das Tohuwabohu sichtlich gefällt. Anders als der Eminenz (Armin Seydelmann) in der Hofburg, die dem Kanzler von christlicher Nächstenliebe erzählt. Das Volk aber, so der Kanzler, mache nun einmal Juden verantwortlich für die Misere. „Die Juden zu vertreiben ist grausam, Eminenz, aber man muss das Volk zufriedenstellen. Die Ausweisung der Juden ist die einzige Rettung.“ Die Eminenz wiegt das Haupt und schweigt.

          Im Caféhaus schäumt der Antisemitenstammtisch unter Vorsitz der Räte Bernart (Hans Moser) und Volbert (Ferdinand Mayerhofer), während der Wirt Bierreste panscht. Der demokratische Rat Linder (Karl Thema) ist betrübt. Seine Tochter Lotte (Anny Milety) trifft die Ausweisung der Juden aus Utopia hart. Ihr Verlobter Leo Strakosch (Johannes Riemann) wird auch gehen müssen. Überfüllte Züge und Trecks machen sich auf den Weg nach Zion. Man sieht Gleise und winterliche Schneelandschaft mit Frierenden. Kranke werden von Polizisten aus den Betten geworfen. Bei Judenhasser Volbert hängt der Haussegen schief. Seine Frau (Mizzi Griebl) ist in Rage, weil auch Schwiegersohn und Enkelkind jüdischer Herkunft sind. Nur der Schmierenjournalist Kraus freut sich wie Bolle, weil er rechtzeitig konvertiert ist.

          Utopia versinkt in großer Depression

          In Hugo Bettauers satirischem Roman „Die Stadt ohne Juden“ von 1922 entsteht ein „judenfreies“ Wien, aber Wirtschaft und Leben nehmen keineswegs den vorgesehenen Weg des Aufschwungs. Im Gegenteil, durch Wirtschaftsboykotte des Auslands und den Verlust vieler exzellent ausgebildeter jüdischer Menschen versinkt das Utopia Bettauers in noch größerer Depression. Verkleidet kehrt der gewitzte Leo zurück und klebt Plakate, die zur Rücknahme des Ausweisungsgesetzes auffordern. Bei der erneuten Abstimmung im Bundesrat fehlt Rat Bernart durch eine Intrige, wird darüber wahnsinnig und landet halluzinierend in der Psychiatrie, wo ein „interessanter Fall eines Zion-Komplexes“ diagnostiziert wird. Die jüdische Bevölkerung kehrt zurück, die Krise ist überwunden.

          Von Hans Karl Breslauers gleichnamigem Stummfilm von 1924 fehlten bis 2015 wichtige Teile. Nach der Entdeckung entscheidender Szenen in Amsterdam und Paris ist es dem Filmarchiv Austria per Crowdfunding („#Filmretten: Save the Past for the Future“) gelungen, das filmhistorische Dokument zu rekonstruieren. Für die jetzt vollständig vorliegende Fassung hat Olga Neuwirth 2018 eine passend dissonante Auftragsmusik komponiert, die das Ensemble Intercontemporain eingespielt hat. Erschreckend sind das 1922 entworfene Szenario und die dargestellte Euphorie der Antisemiten, die „Die Stadt ohne Juden“ zeigt, gewiss. Der prophetische Blick der Satire macht aber nur dann staunen, wenn man vom politischen Klima Wiens zu dieser Zeit nichts weiß. Schon um die Jahrhundertwende wurde die zionistische Bewegung Theodor Herzls von links und rechts verspottet. Antisemitismus war salonfähig und wurde zunehmend gewalttätig. Hugo Bettauer, selbst 1890 konvertiert, einst Klassenkamerad des hier diffamierend karikierten Karl Kraus, wurde 1925 in der Redaktion seines freizügigen Erfolgsjournals „Sie und Er. Wochenschrift für Lebenskunst und Erotik“ von einem NSDAP-Parteigänger erschossen, der als „Verwirrter“ vor Gericht freigesprochen und nach achtzehn Monaten Heilanstaltsaufenthalt entlassen wurde.

          Dass Arte dieses Zeitdokument präsentiert, ist sehr verdienstvoll, aber leider geschieht dies ohne Kontext. Eine ergänzende Dokumentation wäre angebracht gewesen. Wer außer Fachhistorikern erkennt in der Rolle des Bundeskanzlers den berüchtigten deutschliberalen Regierungschef Johann Schober? Wer lässt die Interieurs kulturkritisch sprechen? Während der führende Antisemit Bernart in Makartschen Historismusträumen schwelgt und unter Schwerterdekoration von Mittelalterpomp träumt, ist im Zimmer der jungen Lotte der Einfluss der Wiener Sezession nicht zu übersehen. Dass die Zeitgenossen Bettauer vor allem nach seinem aufsehenerregenden Freispruch in einem Sittlichkeitsprozess als Pornographen wahrnahmen, ist zumindest eine Randnotiz wert. Dem Arte-Begleittext ist zu entnehmen, dass die antisemitische Presse Bettauer als „perverses Kloakentier“ verunglimpfte. Wie sich Judenfeindschaft und Sittlichkeitswacht im Wiener Antisemitismus aufstachelten – auch davon wäre zu berichten. Nicht nur als Zeitdokument der zwanziger Jahre bleibt „Die Stadt ohne Juden“ erschütternd.

          Die Stadt ohne Juden, 23.35 Uhr bei Arte

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