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Karl-Marx-Film im ZDF : Zur Kur in Algier

Beim Barte des Ökonomen: Mario Adorf ist als Karl Marx kaum wiederzuerkennen. Bild: ZDF und Martin Christ

Dem „deutschen Propheten“ wird der Bart gestutzt: Mario Adorf spielt Karl Marx. Sehr bieder und betulich gerät das im ZDF. Arte macht es in Sachen Marxismus da schon besser.

          3 Min.

          „Ist Arte marxistisch?“, fragt sich „Le Monde“. Die Zeitung bestaunt den Aufwand, mit dem der europäische Kulturkanal den 200. Geburtstag von Marl Marx begeht. Für die öffentlich-rechtlichen Sender Frankreichs ist er kein Thema, und das hat zweifellos noch immer mit den Nachwehen der Überwindung des Kommunismus zu tun. Die französische Kultur war von der Hegemonie des Marxismus geprägt, aber die besten Kenner seines Werks waren nicht die „Marxisten“, die – wie auch noch Mitterrand – die Abschaffung des Kapitalismus versprachen, „Das Kapital“ aber kaum je gelesen hatten.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die besseren Experten blieben stets die politischen Gegner wie Raymond Aron, der wusste und schrieb, dass Marx weder die sozialistische Planwirtschaft noch den Totalitarismus entworfen hatte. Doch die marxistischen Intellektuellen wollten sich „Lieber mit Sartre irren als mit Aron Recht haben“. Zwar geht in Frankreich mit Macron auch die Mode des „antitotalitären Denkens“, das den Marxismus überwand und an seine Stelle trat, zu Ende. Aber noch immer lähmen die langen Schatten der ideologischen Blindheit die Auseinandersetzung mit dem als „Meisterdenker“ und Anstifter verketzerten Marx.

          Arte nutzt die Marktnische – und bedient sich in Deutschland. Am vergangenen Samstagabend zeigte der Sender bereits Peter Dörflers Dokumentation „Karl Marx und seine Erben“ – französischer Titel: „Von Marx zu den Marxisten“. Sie sind in Athen und Havanna, Wall Street, Peking und Berlin. Paris? Auch die Produktion „Der deutsche Prophet“ von Christian Twente (Regie) und Peter Hartl (Drehbuch), die das ZDF an diesem Mittwoch ausstrahlt, war schon auf Arte zu sehen.

          Familienalbum: Marx (Mario Adorf) mit seiner Tochter Jenny (Ruth Marie Kröger) und seinem Enkelkind.

          Hier beginnt die Handlung in Algier, 1882, im Jahr vor seinem Tod. Karl Marx ist erschöpft, seine Gesundheit angeschlagen, „Das Kapital“ noch immer unvollendet. Mario Adorf in der Hauptrolle drückt dieser Dokumentation von allem Anfang an seinen übermächtigen Stempel auf. Sie beginnt damit, dass der „deutsche Prophet“ zum Barbier geht. Der allzu wilde Bart und die langen schlohweißen Haare müssen gestutzt werden. Der Schauspieler wird zum Klischee des Philosophen, wie man ihn vom berühmten Bild her kennt, geformt und getrimmt – es folgt ein Schwenk auf Marx-Denkmäler.

          Trotz des symbolträchtigen Haarschnitts und der Kur unter der sengenden Sonne in der französischen Kolonie fühlt sich der alte Mann mit den Atemschwierigkeiten keineswegs wie neu geboren. In Algier geht Karl Marx auch zum Arzt, der in seiner Zeitung gerade ein klassenkämpferisches Zitat entdeckt hat, das von seinem Patienten stammt. Das Gespräch hält sich in höflichen Grenzen – und die Rechnung geht wie üblich nach London, zu Friedrich Engels.

          Auf der Heimreise macht Karl Marx Halt in Monte Carlo: Im Kasino sinniert und moralisiert der Philosoph, spielt aber nicht – sein Hang zum großbürgerlichen Luxus wird in der Sendung nicht unterschlagen. „Ich bin nicht Marxist“: Der berühmte Spruch wird den Zuschauern als einer der ersten serviert. Weitere Schlagworte folgen. Das Dokudrama setzt auf Aha-Effekte, die ein Gefühl der Vertrautheit vermitteln. Gleichzeitig wird der Akzent bei Episoden wie Algier und Monte Carlo gesetzt, die wenig bekannt sind. In der Rückblende erzählt der Film das schwierige Leben von Karl Marx aus der Perspektive seiner jüngsten Tochter Eleanor: die Arbeit als Journalist, die Verfolgung auch noch im Exil, die Armut und die Familie, die unter ihr leidet, die finanzielle Abhängigkeit von Engels. Das alles ist nicht sehr tiefschürfend. Mit seinem Enkel auf dem Rücken galoppiert Marx auf allen vieren rund um den Tisch – man fürchtet einen Herzstillstand. Neben Engels und dem Enkel sind es vor allem Frauen, die neben ihm auftreten. Die einzelnen Szenen werde durch Kommentare von Biographen und Historikern – Jürgen Neffe, Ursula Weidenfeld – unterbrochen. Aus Paris meldet sich Jacques Attali zu Wort, der Berater von Mitterrand war, dessen Abkehr vom Sozialismus mitmachte und auch zu Marx gehobene Banalitäten beisteuert.

          Aber warum zum Teufel beteiligt sich Mario Adorf an dieser Inszenierung, die nicht als Meisterwerk in die Geschichte eingehen wird? Seine Rolle ist die tragende, aber entfalten kann sich der Schauspieler nicht. Liegt es am weißen Bart, der vom schwarzen Schnauz absteht, oder einer seltsam weichen und warmen Stimme? Mario Adorf spielt einen traurigen Weihnachtsmann, der keine Geschenke für die Kinder hat. Offenbar hatte er einst ein eignes Projekt für einen Film über Marx (in Algier), das er nicht realisieren konnte. Ob er darin den Gang zum Friseur vorgesehen hatte, entzieht sich unserer Kenntnis. Aber für den Film, in dem die Hauptrolle auch wegen der Zerstückelung zum permanenten Verfremdungseffekt mutiert, wäre es möglicherweise ergiebiger gewesen, Mario Adorf über seine Beziehung zu Karl Marx zu befragen.

          Das ZDF zeigt das betuliche „Dokudrama“ ohne gedankliche Höhenflüge und psychologischen Tiefgang zwischen dem Tag der Arbeit und dem 200. Geburtstag im Hauptabendprogramm. Es wird viel Cognac getrunken und Zigarre geraucht. Wer bis zum „heute“-Journal nicht eingeschlafen ist, sollte auf Arte umschalten: Dort geht das Karl-Marx-Festival mit dem streitbaren Philosophen Slavoj Zizek und dem engagierten Ökonomen Thomas Picketty, Autor von „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, weiter. Eine nachträgliche Prise politischer Aufputschung kann den Zuschauern wie ihrem „deutschen Propheten“ nur guttun.

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