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Heinos Abschied im ZDF : Karamba, Karacho, vorbei!

  • -Aktualisiert am

Diesmal endgültig: Heino tritt beim RTL-Jahresrückblick auf - und verabschiedet sich. Bild: dpa

Man hätte längst nicht mehr damit gerechnet, aber Heino geht, und selbst die Spötter trauern. Das ZDF verneigt sich vor dem wohl coolsten und erfolgreichsten deutschen Sänger des vergangenen Jahrhunderts.

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          Seit Wochen reden wir über Angela Merkels Rückzug auf Raten, dabei scheint sich dieser Tage eine weit größere, deutschere Ära ihrem Ende zuzuneigen: Heino, die singende Haselnusstorte, Heino, der Volksmusikgigant aus Düsseldorf Oberbilk, der ein halbes Jahrhundert lang die Echokammer der deutschen Seele bespielte (und was wollte diese verführbare Seele am Grunde ihres Daseins je anderes als lieben, wandern, rocken?), Heino also, der am Donnerstag quietschfidele achtzig Jahre alt wird, will von der Bühne abtreten. Diesmal endgültig. Das letzte Album des Tieftöners, der weit mehr als fünfzig Millionen Platten verkauft hat, knödelt sich ein letztes Mal durch (neo)teutonische Gefühlshymnen von „Mackie Messer“ bis „Tage wie diese“.

          Bewegend ist der Abschied vor allem, weil man längst nicht mehr damit gerechnet hatte, dass das Zeitalter dieses heftig verspotteten, pompös volksnahen und doch so ungreifbaren Stars je enden könnte. Ist der wie eine Kreuzung aus Andy Warhol und Freddy Quinn anmutende, sich seit einigen Jahren zudem als gewitternder Thor verkleidende Heino, der immer schon blonder war als Blondie, bebrillter als jeder Proll-Rapper und heimatverbundener als unser Innenminister, ist dieser coolste deutsche Sänger nicht eine alterslose Kunstfigur? Aber nein, Karamba, Karacho, er geht.

          Heino auf allen Kanälen

          Zum Abschied gibt es Heino auf allen Kanälen. Für das ZDF hat der auf historische Themen spezialisierte Filmemacher Jörg Müllner ein Porträt gedreht. Neben Heino und Hannelore kommen darin Wegbegleiter zu Wort, dazu gibt es den üblichen Expertenquark, Tour-Bilder, Archivmaterial, eine lasch nachgestellte Szene, viel Information. Hinsichtlich der Originalität ist Luft nach oben, aber auch so wird deutlich, dass das Geheimnis von Heino seine Geheimnislosigkeit ist. Es gibt nichts aufzudecken, keinen Mitteilungsdrang, keine geheime Agenda. Nicht mal kompositorisch mochte sich Heinz Georg Kramm verewigen. Für seinen Traum einer Musikerkarriere hängte er zwar früh den Bäckerberuf an den Nagel, aber es reichte ihm vollauf, Interpret zu sein, Singer, nicht Songwriter. Und was er genau singen würde, war ihm auf eine erstaunliche Weise von Anfang an schnuppe.

          Zunächst trällerte Heino mit den Ok Singers Freddy Quinns Lieder nach. Geld verdiente man damit nicht. Dann fällt der schöne Satz: „In Quakenbrück wendet sich das Blatt.“ Hier traf der Barde 1965 auf den Produzenten Ralf Bendix, der ihm zwei Stücke vorschlug: „Welcher Titel und welche Musik, war mir im Grunde genommen wurscht“, sagt Heino. Es war zufällig weder Schlager noch Elvis-Rock, sondern ein Volkslied; der Text stammte vom Antisemiten Börries von Münchhausen. „Jenseits des Tales“, gekappt um die vierte, homoerotische Strophe (und damit um seinen Kern), durchbrach aus dem Stand die Hunderttausendermarke.

          Subversiv war daran nichts

          Seine gesamte Karriere hindurch hörte Heino von nun an auf den Rat seiner Manager. Das war lange Zeit gefällig aufpoliertes Liedgut für die Generation Wandervogel. Sollte es aber, wie im Jahr 2013, die Neuerfindung als Rock-Heino sein, zog der brave Baritonist eben eine Nietenkutte an und sang Rammstein- oder Ärzte-Songs. Dass Heino die meisten Stücke zuvor nicht einmal kannte, verbirgt sein sympathischer Produzent Martin Ernst gar nicht. Subversiv war daran nichts, die Wirkung aber umso größer: Plötzlich zeigte sich die Volksliedseele des deutschen Pop-Rock. Der stumpfe Rammstein-Zirkus etwa kam erst mit Heino zu sich selbst, das „R“ rollte im Kreis. Der Gipfel der raffinierten Travestien war Tocotronics „Kapitulation“ als astreines Spielmannslied (der Tiefpunkt des Billig-Stadionrock auf dem Album „Arschkarte“ von 2016).

          Die Dokumentation spart die hitzigen Debatten nicht aus. Über Jahrzehnte war das Land schließlich gespalten in glühende Heino-Hasser und verzückte Fans. Während die einen ihn als Traditionalisten feierten, hörten die anderen nur die Marschtrommel der Reaktion. Letzteres hatte auch mit der hartnäckigen Weigerung des Sängers zu tun, Lieder als anstößig zu empfinden, weil sie etwa im „Liederbuch der SS“ auftauchten. Allzu geschickt war es vielleicht auch nicht, 1977 im Auftrag Hans Filbingers ausgerechnet für Baden-Württembergs Schulen das Deutschlandlied inklusive erster Strophe aufzunehmen oder in den Achtzigern durch das Apartheid-Südafrika zu touren. Man nimmt Heino aber durchaus ab, dass ihm alles Politische ebenfalls einfach wurscht war: Er fühlte sich, wie er hier ganz ungeniert bekennt, stets nur dem eigenen Bankkonto verpflichtet. Wundersamerweise hat das dazu geführt, dass die Marke Heino, obwohl keineswegs linkskompatibel (die DDR-Propaganda schäumte), auch von schwarzbraunen Hohlnüssen nicht wirklich vereinnahmt werden konnte.

          Wir sehen einen Mann, der nach all den Stürmen als Letzter lacht, während er im Heino-Café in Bad Münstereifel Kuchen spachtelt, wobei unerwähnt bleibt, dass das ursprüngliche, von den Kramms betriebene Café in der Altstadt – auch das so deutsch wie nur denkbar – einem „City Outlet Center“ weichen musste: Heinos einzige Niederlage. Ausgerechnet gegen den Kommerz. Das Café im Kurhaus-Hotel, in dem der Sänger und seine Frau seit zehn Jahren wohnen, trägt nur seinen Namen. Vielleicht aber reicht ihm auch das. Schließlich hat er in der Volksmusik selbst als eine Art Outlet-Center agiert und mehr als tausend fremde Lieder für immer mit seinem Namen imprägniert. Wenn er jetzt zu der Ponderosa reitet, darf er es aufrecht tun.

          Mensch Heino! Der Sänger und die Deutschen läuft heute um 20.15 Uhr im ZDF.

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