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„Das Wunder von Berlin“ : Die Parolen der Landesverteidigung

  • -Aktualisiert am

Auf Linie: Kostja Ullmann in „Das Wunder von Berlin” Bild: ddp/ZDF - Stephan Rabold

Das ZDF zeigt einen „Mauerfilm“, wie er noch nicht da war. „Das Wunder von Berlin“ schildert die Wende aus Sicht eines Grenzers, der als Junge ein Punk war - die DDR als Adoleszenzdrama und Familiengeschichte.

          Mit der Nervosität der Altmännerriege des Politbüros bricht kurz vor dem Ende der DDR der Aberwitz offen aus. Selbst die Radio-Eriwan-Witze werden nun als staatsgefährdende Provokation behandelt. Am 19. November 1988 untersagt die Regierung die Postzustellung der auf deutsch erscheinenden sowjetischen Zeitschrift „Sputnik“, nachdem sich neben den Scherzen, die besonders gern „Versorgungsengpässe“ aufs Korn nehmen, darin immer häufiger durch die Gorbatschowsche Glasnost- und Perestrojka-Politik geprägte Artikel finden. Damit ist der „Sputnik“ zum Unmut vieler DDR-Bürger faktisch verboten. Kein Jahr mehr wird es bis zur Maueröffnung dauern.

          In Roland Suso Richters neuem großem Fernsehfilm „Das Wunder von Berlin“ bemüht sich eine Kundin vergeblich darum, von der Buchhändlerin Hanna Kaiser (Veronica Ferres) ein Exemplar des aktuellen „Sputnik“ und einen Band mit Schriften Gorbatschows zu bekommen. Gefährlich laut schimpfend verlässt sie den Laden. Für den Professor (Hermann Beyer) allerdings, der ihren Sohn Marco (Kostja Ullmann) für das - vorerst unerreichbare - Studium der Germanistik begeistert, zieht Hanna heimlich ein Exemplar der „Bückware“ unter der Ladentheke hervor. An Flucht indes denkt Hanna nicht. Mit ihrem Mann Jürgen, der bei der Staatssicherheit im Bereich Rückwärtige Dienste arbeitet und Luxusgüter beschafft, führt sie ein privilegiertes Leben im Häuschen mit eigenem Garten.

          Schiefer Haussegen

          Daheim liest ihr Schwiegervater, der Stalingrad-Überlebende und Spätheimkehrer Walter (Michael Gwisdek) zum Missvergnügen seines Stasi-Sohns offen den „Spiegel“. Im Fernsehen laufen Westsender. Hanna hat sich eingerichtet in der DDR. Das heißt nicht, dass sie sich mit allem abgefunden hat. Als sie sich für die Aktivitäten des Neuen Forums zu interessieren beginnt und die Oppositionelle Juliane (Anna Loos) trifft, hängt der Haussegen noch schiefer als bisher. Denn Sohn Marco, der in seiner frühen Jugend als Leistungsschwimmer zu den schönsten sozialistischen Hoffnungen berechtigte, ist Punk. Und Punk ist in der DDR nicht eine Null-Bock-Lebenshaltung, sondern wie der „Sputnik“ als zersetzender Widerstand eingestuft und verboten.

          Die Grenze ist offen

          Als Marco Kaiser bei einer Razzia gegen seine Band verhaftet wird, handelt sein linientreuer Vater ein Geschäft aus. Wenn der Sohn sich für drei Jahre als NVA-Soldat für den Grenzdienst verpflichtet, wandert er nicht nach Bautzen, und darf studieren. Dass die DDR zu jenem Zeitpunkt schon Geschichte sein wird, kann oder mag keiner der Beteiligten ahnen. Und niemand kann wissen, dass Marco am 9. November 1989 nach der Mobilmachung der Truppen mit der Waffe in der Hand in der Nähe des Brandenburger Tores stehen wird, bereit, den Befehlen seiner Vorgesetzten zu folgen.

          Drama und Zeithistorie

          Seit einigen Jahren schon hat der Komplex Mauerbau und Mauerfall Konjunktur im deutschen Fernsehspiel. Gerade erst wurde der Mauerfall volljährig, aber kein anderer Stoff bietet, so scheint es, eine angemessenere Gelegenheit, Drama und Zeithistorie, beziehungsweise Einzelschicksal und Weltpolitik anschaulicher zu verbinden. Der Stoff ist eine reine Produzentenfreude, und vom Interesse der Zuschauer darf man getrost ausgehen. Es gilt lediglich, eine Perspektive zwischen nah und fern einzunehmen.

          Vieles steht und fällt hier mit dem Drehbuch. Es gibt die mehr authentisch-erinnernde Innen- und die mehr analytisch-bemühte Außensicht. Ost- oder Westdominanz? Politik oder Alltag? Action oder feinsinnige Komposition? Zahlreiche Filme konzentrierten sich bisher auf die Menschen, die flüchteten (wie „Prager Botschaft“), eher gestreift wurden jene, die blieben („Nikolaikirche“). Roland Suso Richter selbst hat mit der Fluchtgeschichte „Der Tunnel“ 2001 einen filmischen Meilenstein beigetragen.

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