https://www.faz.net/-gqz-9q1ku

Das Videospiel „Sea Of Solitude“ : Die Seele ist ein langer, unruhiger Fluss

  • -Aktualisiert am

Kay war einmal ein Mädchen. Sie hat sich in ein gefiedertes, schwarzes Wesen verwandelt. So geht sie durch die überflutete Welt in „Sea of Solitude“. Bild: Jo-Mei/EA

Ein Videospiel wie das von Cornelia Geppert haben wir noch nicht gesehen: „Sea of Solitude“ handelt von Ängsten und Schuld und vom Leben der Erfinderin.

          Kunst und Einsamkeit gehen Hand in Hand. Im Werk bricht sich der Wille des Einsamen Bahn, sich mitzuteilen, und glaubt ein Hörer, Leser, Zuschauer dann, zu verstehen, gar zu fühlen, was gemeint ist, wähnt auch er sich plötzlich zugehörig. Bei Computerspielen, mit denen sich Spieler viele Stunden allein vor dem Bildschirm beschäftigen, rätseln, versunken in die Spielfigur und deren Geschichte, ist das in besonderer Weise gegeben. Der Sog, der dabei entsteht, kann inspirieren und befreien, aber auch gefährlich sein, wie zuletzt die Weltgesundheitsorganisation feststellte. Die WHO hat exzessives Spielen jüngst offiziell als Krankheit anerkannt, genannt „Gaming Disorder“: Das lange Sitzen vor dem Monitor mit geringer körperlicher Beteiligung könne nachhaltige Schäden im Gehirn verursachen.

          Vieles deutet darauf hin, dass die Sorge begründet ist. Aber es geht auch anders. Denn einige Spiele widmen sich dem Thema mentale Gesundheit inhaltlich. In „Hellblade: Senuas Sacrifice“ kämpft der Spieler mit den Stimmen im Kopf seiner schizophrenen Heldin, in „What remains of Edith Finch“ driftet man als Fließbandarbeiter langsam in Welten jenseits der Zurechnungsfähigkeit ab. Nun reiht sich ein Titel aus Deutschland ein, „Sea of Solitude“ des Berliner Studios Jo-Mei.

          Monster, die der Protagonistin nicht ganz unähnlich sind

          Man erwacht als dunkle Kreatur, in ein kleines Boot gekauert, bei stürmischem Seegang. „Ich bin es so satt, ich muss raus hier!“, ruft die zerzauste Heldin und kneift die rot glühenden Augen zusammen. Dass Kay mal ein junges Mädchen war, lässt sich erahnen, doch mittlerweile ist ihr Körper von einem schwarzen Federkleid überzogen. In ihrem Boot muss sie sich einen Weg durch eine überflutete Welt bahnen, die mal hell erleuchtet Erinnerungen an frohere Tage weckt und dann wieder in trostloser Düsternis versinkt, in der Monster lauern, die der Protagonistin nicht ganz unähnlich sind.

          Eines kreist stets hungrig unter der Wasseroberfläche, ein anderes versperrt zornig einen Durchgang auf der Suche nach dem Ausweg aus der Misere. „Du wertloses Stück Dreck“, zischt es die verzweifelte Heldin an, der die Kreatur unerwartet bekannt vorkommt. „Du tust nie etwas, du bist eine Betrügerin!“, schimpft es und bewegt sich nicht vom Fleck. Um es aus dem Weg zu räumen, muss Kay einen mächtigen Lichtstrahl finden und darauf ausrichten. Das ist nicht gerade subtil, aber sehr schön anzusehen. Und worum es hier eigentlich geht, verrät ohnehin eine Texttafel, bevor der erste Klick getan ist: „Dieses Spiel behandelt Themen wie die seelische und emotionale Gesundheit, die für einige Spieler belastend sein könnten. Es ist nicht als persönliche Beratung oder Hilfestellung gedacht. ,Sea of Solitude‘ ist ein persönliches Projekt über das Thema Einsamkeit.“ Selbstverständlich stört der Hinweis. Er bevormundet, nimmt vorweg, verhindert künstlerische Einstimmung und vermittelt den Eindruck von Misstrauen gegenüber dem eigenen Werk, was sich als völlig unbegründet entpuppt. „Sea of Solitude“ ist ein Spielerlebnis, das seinesgleichen sucht.

          Spielmacherin: Cornelia Geppert

          Seit der Veröffentlichung haben die Entwicklerin Cornelia Geppert Tausende Nachrichten erreicht: „Leute schreiben mir, dass sie beim Spielen vor Rührung in Tränen ausgebrochen sind. Dass sie nicht fassen konnten, wie sehr sie sich plötzlich verstanden gefühlt haben.“ Das liegt am Spiel selbst, aber wohl auch an Cornelia Geppert, die als Typus in der Branche eine Seltenheit ist: eine Künstlerin, die offen private Erfahrungen in ihren Spielen verarbeitet und kreativ in alle Bereiche eingreift. Cornelia Geppert hatte die Idee zum Spiel, schrieb Skript und Dialoge und verantwortete das Design. Man kann „Sea of Solitude“ wohl als Autorenspiel bezeichnen. In den Bildern zeigen sich Einflüsse aus Gepperts Kindheit in einer Greifswalder Fischerfamilie und von japanischen Mangas, mit denen sie aufwuchs, bevor sie mit siebzehn als Comiczeichnerin für den Mosaik Verlag nach Berlin kam.

          Weitere Themen

          Bayern und die große Lewandowski-Show

          3:0 bei Schalke 04 : Bayern und die große Lewandowski-Show

          Nach dem Remis zum Start der Saison zeigen die Münchner „auf“ Schalke ihre ganze Klasse. Beim klaren Sieg ragt vor allem der Torjäger heraus. Es ist ein Spiel voller denkwürdiger Momente.

          Topmeldungen

          Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

          Schwäche der EU? : Boris Trump

          Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.