https://www.faz.net/-gqz-9lhxh

Das Videospiel „Anthem“ : Heute schon aus allen Wolken gefallen?

Kein Platz an der Sonne für Full-Metal-Ikarus: Im Javelin-Modell „Ranger“ stürzt sich der Spieler ins Abenteuer. Aber Vorsicht, der Antrieb überhitzt schnell. Bild: EA

Oh, diese bleischweren Flügel: Das Videospiel „Anthem“ huldigt dem Menschheitstraum vom Fliegen. Als Spieler hebt man auch kräftig ab, das Erzählerische aber ist eine Bauchlandung.

          Der Traum vom Fliegen, so wie er manchem mitunter bei Alltäglichkeitstiefs und beim Anblick einer Greifvogelsilhouette am Himmel an der Seele zupft, ist bis heute ein solcher geblieben. Wenn der Mensch gemeinhin fliegt, hat der Vorgang weniger mit Freiheit, allenfalls mit Beinfreiheit zu tun. Noch in der ersten Klasse der Airlines ist man so frei wie auf der Galeere, nur ohne Ketten und Ruder.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Fliegen der Träume, das es uns ermöglicht, im Tiefflug die Wipfel der Bäume zu streifen und in Abgründe hinunterzustürzen, erleben wir nur in der Simulation. Genauer gesagt, in Videospielen. Sie ermöglichen es, wenn sie sehr gut sind, nicht nur, Dinge zu tun, von denen wir verlernt haben, sie uns vorzustellen, sondern Dinge zu sehen, die für uns in einer Art geistigem toten Winkel liegen. Sie zeigen uns dann bestenfalls ein Stück von uns selbst, das wir vorher nicht kannten und nun in spielerischem Ernst bewältigen müssen.

          Die mediokren, aber unterhaltsamen Spiele wiederum lassen uns zumindest Dinge tun, die für uns in der Realität physisch nicht möglich sind. Das neueste Spiel aus dem Hause BioWare (verantwortlich für populäre Action-Rollenspielreihen wie „Baldur’s Gate“, „Neverwinter Nights“, „Dragon Age“ und „Mass Effect“) heißt „Anthem“ und versucht mit visueller Augenwischerei und einer ausgefuchsten Spielmechanik zu punkten. Sie erlaubt es dem Spieler mittels stählerner Düsenjägerritterrüstung, genannt „Javelin“ (Speer), wie „Iron Man“ durch die Dschungel, Schluchten und Seen einer göttlich zusammengewürfelten Welt zu donnern und dabei allerlei kriegsentscheidendes Feuerwerksarsenal abzubrennen – bis man glaubt, man habe die Augen und Ohren in explodierenden Silvesterraketen gebadet.

          Die Motive sind zu großen Teilen abgekupfert

          So überwältigend die grafische Umsetzung gelingt, so fahrlässig bis undurchsichtig und teilweise abgestanden wirkt die Geschichte. Motive sind zu großen Teilen bei Vorgängern aus dem eigenen Hause entlehnt oder aber gestalterisch von erfolgreicheren Vorbildern – den Marines aus „Star Craft“ (Blizzard) oder der Welt von „Destiny“ (Bungie) – abgekupfert und werden zu Beginn lückenhaft aneinandergereiht. Auf der schicken Internetseite von Electronic Arts (EA), die das Spiel vertreiben, liest sich das so: „Auf einer unvollendeten Welt kämpft die Menschheit in einer erbarmungslosen Umgebung ums Überleben, in der an jeder Ecke eine neue Bedrohung lauert. Ausgestattet mit unglaublichen Javelin-Kampfanzügen, strebt die Gruppe der Freelancer danach, das Blatt im Sinne der Menschen zu wenden.“

          Das trifft es recht gut. Zu ergänzen wäre, dass sich die Menschheit in Festungen wie „Fort Tarsis“ von der Umwelt abschottet, um dem allumfassenden Schlamassel zu entgehen, den ihnen ihre nicht näher benannten Weltenschöpfer hinterlassen haben. Und das kam so: Die Götter erschufen mit Hilfe einer Quelle „reiner Schöpfungskraft“, benannt nach der titelgebenden „Hymne“, „wundersame Lande“, in denen plötzlich „gigantische Bestien, Kreaturen und Monster“ auftauchen – derweil sich die Schöpfergötter aus dem Staub gemacht haben. Ihre Werkzeuge ließen sie zurück. Man muss sich das Setting wie einen gigantischen, im Bau befindlichen Zoo vorstellen, in dem bereits wilde Tiere wohnen und in Stämmen organisierte Kinder zu verstehen versuchen, was man mit einem Presslufthammer, einer Dampfwalze oder einem Raupenbagger anfangen kann.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.