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Das Videospiel „A Way Out“ : Diese Freundschaft sprengt keine Ketten

Knastbrüder: Als Leo und Vincent treffen die Spieler im Gefängnishof aufeinander. Bild: EA

Im Videospiel „A Way Out“ müssen sich zwei Spieler gemeinsam den Weg aus dem Gefängnis bahnen. Dabei könnten sie sich näherkommen, als ihnen lieb ist, und etwas über ihre Freundschaft erfahren.

          5 Min.

          Hiermit lässt sich eine reelle Freundschaft auf die virtuelle Probe stellen. Im Videospiel „A Way Out“ müssen zwei Spieler sich zusammentun, um aus dem Gefängnis auszubrechen. Später werden sie gemeinsam Rache nehmen. An einem Mann mit einer goldenen Pistole und einem Granatwerfer. Das Ganze – Rache wird ja eben doch nie so kalt serviert, wie es sich gehörte – hat jedoch eine Art doppelten Boden. Er wird beiden Spielern gegen Ende gewissermaßen unter den Füßen weggerissen. Da wird es haarig. Und noch während man ungläubig staunt, ist ein jeder gezwungen zu reagieren. Plötzlich sieht sich die Freundschaft ihrer alten Nemesis gegenüber. Nämlich der Frage: Wann ist ein Spiel nur ein Spiel?

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Was heißt es heutzutage, befreundet, also besser, Freunde zu sein? Stiehlt man noch gemeinsam Pferde oder sich gegenseitig nur noch die Likes mit dem besseren Urlaubs- oder Poke-Bowl-Foto, dem geistvolleren Tweet und dem höher bezahlten Job-Angebot. Alles guckt auf die Ökonomisierung und Entpflichtung von Paarbeziehungen. Doch auch die Freundschaft leidet. Arbeitsumfeld und Freundeskreis verschwimmen im Netzwerk, Freundschaften müssen über Ländergrenzen hinweg aufrechterhalten werden. Aus Briefwechseln wurden Chatverläufe.

          Manche – und das sind nicht nur Männer – verlegen ihre gemeinsamen Aktivitäten daher ins Internet. Wie früher verabreden sie sich zum Spielen: Maschinen hochfahren, Kopfhörer auf, Kaltgetränk dazu und das Armchair-Abenteuer beginnt. Meist wird hier die martialische Seite von Männerfreundschaften betont. Man ist sich Waffenbruder, hält sich den Rücken frei. Gesprächstechnisch kommt dabei wenig heraus – „Äh, Moment warte!“, „Hast Du ihn?“, „Jepp, hab ihn“ –, aber immerhin hat man das Gefühl, gemeinsam etwas zu bewältigen.

          Wer sich das Spiel kauft, muss sich einen Gefährten einladen

          „A Way Out“, das sich mittlerweile über eine Million Mal verkauft hat, ist deshalb so besonders, weil man es gar nicht allein spielen kann. Wer sich das Spiel gekauft hat, muss sich einen Gefährten einladen, der sich das Spiel ebenfalls auf seinen Computer lädt, es dann jedoch nur auf besagte Einladung spielen kann. Für diesen Artikel haben sich auch zwei Freunde zusammengetan, die immerhin mittelmäßig begabte Videospieler sind, gemeinsam aber nur auf metaphorischer Ebene im Knast gesessen haben.

          Das Spiel katapultiert die beiden Spieler in eine Strafanstalt im Nordkalifornien der siebziger Jahre. Die Nicklichkeiten beginnen dann schon bei der Auswahl der Charaktere. Leo Caruso ist ein aufbrausender Typ, von langer Gestalt und mit breiten Koteletten. Seine prominente Nase sieht aus, als habe sie vor lauter Schlägereien schon gar keine Lust mehr auf ihre ursprüngliche Form. Vincent Moretti wiederum ist der Besonnene: In der Statur etwas gedrungener, im Gesicht freundlicher, vertritt er die Vernunft, während Leo gern mit dem Kopf durch die Wand geht. Daher sind die Rollen schnell verteilt, Protest verhallt ungehört: Der Autor bekommt Leo zugewiesen.

          Angelegt ist die Optik des Spiels von Beginn an wie ein Film. Es gibt kein Head-up-Display mit Energie-Anzeige, die Hinweise darauf, dass Gegenstände benutzt werden können, sind höchst reduziert. Intelligent gestaltet ist der geteilte Bildschirm (Split-Screen), der es beiden Spielern ermöglicht, die Perspektive des jeweils anderen einzusehen. Dabei verschiebt sich die Bildschirmgrenze jedoch je nachdem, bei welchem Spieler gerade mehr los ist.

          Wie früher auf dem Dorf: Vincent und Leo flüchten auf der Enduro durch den Dschungel. Auf dem geteilten Bildschirm können beide Spieler sehen, wie es beim Partner läuft.

          Als Vince mit einem dunklen Gefängnistransport im Gefängnis ankommt, ist man mit Leo bereits dort. Mit den Händen am Maschendrahtzaun kann Leos Spieler beobachten, wie Vince unter ihm in den Gefängnishof gebracht wird. Die Insassen johlen: Frischfleisch. Vince wird abgeduscht – stilecht mit dem Schlauch –, bekommt seine Kleidung gereicht und wird vom Gefängnisdirektor Williams in seinem „neuen Zuhause“ willkommen geheißen. Bei der Frage, ob es Fragen gäbe, ist Vince schlau genug, die Klappe zu halten. Jener Gefangene, der es nicht ist, bekommt den Griff eines Schlagstocks in den Unterleib.

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