https://www.faz.net/-gqz-8p5cx

Wie steht es um den Hass? : Das Vermächtnis des Ignatz Bubis

Ignatz Bubis im Jahr 1996 Bild: Wonge Bergmann

Wie steht es um das, was Ignatz Bubis hatte erreichen wollen: dass die Menschen anders übereinander denken? Wer heute an den 1999 gestorbenen Zentralratsvorsitzenden der Juden erinnert, muss das ganze Bild in den Blick nehmen.

          Ein Mann rollt langsam aus dem Dunkel ins Licht der Kamera: Udo Samel spielt Ignatz Bubis, den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, der zuletzt, gesundheitlich schwer gezeichnet, an den Rollstuhl gefesselt war. Bubis trifft sich zu einem Gespräch mit den Journalisten Rafael Seligmann und Michael Stoessinger. Es wird sein letztes Interview, sein Vermächtnis. Es erscheint im Juli 1999. Wenige Wochen später, am 13. August 1999, stirbt Ignatz Bubis.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Der Satz, unter dem sein letztes Auftreten in der Öffentlichkeit steht, setzt den Rahmen für den Film „Bubis - Das letzte Gespräch“, mit dem die ARD an diesem Montagabend ab 23.30 Uhr an den früheren Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland erinnert: „Ich habe nichts erreicht“, lautet er im gesprochenen Original. „Ich habe fast nichts erreicht“, heißt er in der von Bubis gegengelesenen und vom „Stern“ gedruckten Version. War das persönliche Verbitterung, oder war es die Schilderung der Lage an sich? Es war beides, wie der Film nahelegt und das Interview im Ganzen vermittelt: „Ich wollte diese Ausgrenzerei, hier Deutsche, dort Juden, weghaben. Ich habe gedacht, vielleicht schaffst du es, dass die Menschen anders übereinander denken, anders miteinander umgehen. Aber, nein, ich habe fast nichts bewegt.“

          Hätte es dieser Entschuldigung je bedurft?

          Fast nichts bewegt? Nach den fremdenfeindlichen Übergriffen der neunziger Jahre in Deutschland, von Rostock-Lichtenhagen über Hoyerswerda bis zu den Morden in Mölln und Solingen, ist leicht nachzuvollziehen, was Ignatz Bubis bewegte. Die Befürchtung, dass, wie im Film Michel Friedman sagt, der Schutz der Menschenwürde, der Schutz von Minderheiten in diesem Land eben doch nicht so fest verankert sei, wie man das nach fünfzig Jahren der Aufarbeitung der Geschichte des NS-Regimes und der Judenvernichtung gehofft haben mochte. Ebenso schwer wog die „Walser-Bubis-Debatte“. Die Friedenspreisrede, die Martin Walser am 11. Oktober 1998 in der Paulskirche hielt und in der er sich gegen die Instrumentalisierung des Holocaust als „Moralkeule“ wandte, verstand Bubis als verklausulierten Wunsch, das Thema abzuhaken.

          „Geistige Brandstiftung“ warf er Walser vor und bot dem Schriftsteller später an, dies zurückzunehmen. Walser aber war nicht willens, eine Entschuldigung anzunehmen. Nicht nur mit etwas Abstand betrachtet, stellt sich angesichts des selbstmitleidigen, vage lamentierenden Tons der Rede die Frage, ob es dieses Angebots einer Entschuldigung je bedurfte. Ignatz Bubis war der Überzeugung, Walser habe „ein Tor geöffnet“, und zwar das falsche. Das, sagt Salomon Korn, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, sei für Bubis wohl der Wendepunkt gewesen, der ihn habe zweifeln lassen, dass es je zu einer deutsch-jüdischen Normalität kommen könne.

          Das ganze Bild

          Er sei Deutscher jüdischen Glaubens, sagte Ignatz Bubis von sich. War das eine Feststellung oder eine Wunschvorstellung? Wohl eher Letzteres, meint Salomon Korn. Das wirkt und sagt uns etwas bis heute. Die Frage ist nur: Was? Die Antwort der Filmemacher ist schlicht. Sie lautet, dass die Verhältnisse in Deutschland 2017 genauso, wenn nicht noch schlimmer seien. Es herrschten Hass und Ausgrenzung. Wie wir mit Flüchtlingen und Rechtsradikalismus umgehen, das sei der Lackmustest, sagt der Journalist Michael Stoessinger, die Befunde von Friedman und Seligmann klingen ähnlich.

          Victor Tremmel (l.) als Michael Stoessinger, Udo Samel als Ignatz Bubis und Falk Rockstroh als Rafael Seligmann in „Bubis - Das letzte Gespräch“

          Judenhass ist Menschenhass, sagt Friedman. Da wird man ihm nicht widersprechen, aber doch fordern, das ganze Bild in den Blick zu nehmen: Der Juden- und Menschenhass geht in diesem Land heute von Rechtsextremisten ebenso aus wie von Islamisten. Von denen ist in diesem Film mit Blick auf die Bedrohung von Minderheiten (und Mehrheiten) und den Juden in Deutschland erstaunlicherweise an keiner einzigen Stelle die Rede. Sie darf man aber nicht vergessen, wenn man an Ignatz Bubis erinnert und an sein Vermächtnis. Sonst ist die Behauptung, man habe mit seinem letzten Interview einen Schlüssel zur Erklärung der Lage von heute, wenig wert.

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Wirtschaft in Amerika : Trumps Sommer des Missvergnügens

          Signale eines Konjunktureinbruchs in Amerika machen Trump nervös. Die Wirtschaftslage könnte seine Wiederwahl 2020 gefährden. Die Reaktion des Präsidenten zeigt ein bekanntes Muster.

          Nach Contes Rücktritt : Linke Regierung in Rom möglich

          Die Sozialdemokraten und die Fünf-Sterne-Bewegung erwägen eine gemeinsame Regierungsarbeit – unter fünf Bedingungen. Staatspräsident Mattarella hat für Dienstag die nächsten Konsultationen angesetzt.
          Der gemeinnützige Verein Deutsches Tagebucharchiv e. V hat seinen Sitz in Emmendingen, einer Stadt im Südwesten Baden-Württembergs.

          Erinnerungen : Einblicke in die deutsche Seele

          Das Deutsche Tagebucharchiv sammelt Lebenserinnerungen und Briefe jeglicher Art – von ganz gewöhnlichen Menschen. Es sind faszinierende Dokumente,die die Vergangenheit spürbar machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.