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Erfolgsshow „Bares für Rares“ : Dinge auf der Flucht

  • -Aktualisiert am

„Man muss sich so viele Erinnerungen wie möglich im Leben schaffen. Denn Gegenstände können das selten ersetzen“: Horst Lichter ist selbsterklärter Menschenliebhaber. Bild: ZDF und Frank Dicks

In der phänomenal erfolgreichen Trödelshow „Bares für Rares“ verkaufen Menschen ihre angeblich so unbezahlbaren Erinnerungen. Das ist nicht nur faszinierend anzusehen, sondern verrät auch viel über die Protagonisten.

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          Dass die Dinge um uns herum, all das eigentlich unbelebte Zeugs, das man sein Leben lang ansammelt, für den Menschen auch immer wieder eine Seele zu besitzen scheinen, dass sie bisweilen ein unergründliches Eigenleben führen und sich unserem Willen entziehen, davon berichtet die Psychoanalyse schon seit mehr als einem Jahrhundert. Es beginnt mit dem Animismus der Kinder, die mit ihrem Spielzeug so selbstverständlich sprechen und interagieren wie mit einem menschlichen Gegenüber, und es geht weiter bei den Erwachsenen, die ihre Erinnerung an einen entschwundenen Menschen in einen einzigen Gegenstand gelegt haben, so, als habe dieser Mensch, wie Walter Benjamin das einmal Adorno erklärte, daran eine Spur seines Lebens gelassen.

          Von der Wirkmacht der Dinge, von ihr erzählt immer wieder auch der Film, man denke an die Szene in Tarantinos „Pulp Fiction“, in der der spätere Boxer Butch Coolidge, gespielt von Bruce Willis, als Kind die goldene Uhr seine Vaters ausgehändigt bekommt und in der Captain Koons, gespielt von Christopher Walken, ihm einen ausführlichen Vortrag darüber hält, unter welchen Qualen es ihm und seinem Vater gelang, diese Uhr, ein Erbstück über viele Generationen, den Vietnamkrieg über „in ihren Ärschen“ vor den Vietcong zu verstecken. Die Uhr wird im Fortgang des Films auch für Butch dann so bedeutsam, dass er ihretwegen beinahe sein Leben lässt.

          So faszinierend, weil verstörend

          Von diesem ganz irrationalen, ambivalenten Spannungsverhältnis zwischen Mensch und Ding erzählt im deutschen Fernsehen seit mehr als sechs Jahren die Sendung „Bares für Rares“, die heute die mit Abstand, wie es heißt, „erfolgreichste ZDF-Daytime-Show“ ist. Mittlerweile läuft sie unter anderem täglich um 15.05 Uhr im Hauptprogramm mit einem Marktanteil von 25 Prozent, zusätzlich aber in so vielen unterschiedlich wiederaufbereiteten Zusatzsendungen, Zusammenfassungen, Spezialausgaben, Sondersendungen und Variationen auf sämtlichen Digitalkanälen des ZDF, dass man beim klassischen Fernsehschauen schon Glück haben muss, nicht darauf zu stoßen. Auf der Homepage der Sendung wird prominent mit dem Satz „Die Trödel-Show mit Horst Lichter – täglich ab 9 Uhr“ geworben, ganz so, als würde man einfach morgens anfangen zu senden und dann bis Mitternacht nicht mehr damit aufhören.

          So simpel und natürlich ermüdend das Konzept des Formats ist, Menschen schleppen Dinge zum ZDF, erzählen etwas darüber, lassen sie von „Experten“ schätzen, erhalten eine für den Fortgang der Sendung vollkommen bedeutungslose „Händlerkarte“ und verkaufen die Dinge im Anschluss verlässlich für leicht unter Wert an einen der Händler, so faszinierend, weil verstörend ist es doch immer wieder, dabei zuzusehen, wie diese Menschen mit sich und den Wirkmächten ringen. Man schaut ihnen zu beim Abwägen, zwischen dem Erinnerungswert eines Dinges und seinem – wie Marx sagen würde – realen Tauschwert, der hier ermittelt, benannt und in geschätzt 99 Prozent der Fälle auch eingelöst wird.

          Insgesamt ähneln sich die Geschichten, die die Protagonisten erzählen; sehr häufig sind es Erbstücke von Großmüttern und Großvätern, von den eigenen Eltern oder von anderen nahen Verwandten, und immer verbirgt sich dahinter eine sehr konkrete Erinnerung, die in der Regel miterzählt wird; und wenn es sich nicht um ein solches Erbstück handelt, hört man nicht selten Sätze wie „Dieser Ring hat mich mein ganzes Leben begleitet“, und man fragt sich dann, was denn da in die Leute gefahren sei, sich von diesen doch offenbar so beseelten Dingen für ein paar Euro und ein paar Fernsehminuten im Mittagsprogramm so leichtfertig zu trennen?

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