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ZDF-Film „Das Sacher“ : Das ist ja ein schöner Kaiserschmarrn

Jubel, Trubel, Eitelkeit: Konstanze von Traunstein (Josefine Preuß, l.) und ihr Mann Georg (Laurence Rupp, r.) feiern ins zwanzigste Jahrhundert. Bild: ZDF

Im ZDF eröffnet das „Sacher“ als Bühne für eine Telenovela aus tausendundeiner Wiener Ballnacht. Da kommt ein Kind aus dem Keller, die Damen emanzipieren sich, die Herren sind schmuck.

          Hat er wirklich „Küss die Hand“ gesagt? Die Jungvermählten aus dem alten Preußen staunen nicht schlecht, als der Portier im noch viel alteuropäischeren Wiener Hotel Sacher für die neuen Gäste seinen Diener macht. In Gestalt Robert Palfraders erweist er dem Berliner Verlegerpaar Martha und Maximilian Aderhold (Julia Koschitz und Florian Stetter) die Reverenz und setzt gleich den leicht bramarbasierenden Habe-die-Ehre-Ton, der in den kommenden drei Stunden vergangene k.u.k. Herrlichkeit im Tourismussektor markieren soll.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das ZDF hat es wieder getan: Vier Jahre nach dem Dreiteiler „Das Adlon“, der im Mikrokosmos eines weltbekannten Luxushotels eine „Familiensaga“ und eine Epoche zum Leben erwecken wollte – was nicht schlecht gelang –, öffnet nun „Das Sacher“ seine Pforten. Zwar nur für zwei abendfüllende Aufenthalte, doch mit bewährtem „Adlon“-Personal hinter und vor den Kulissen: Produziert hat das Kostümdrama abermals Oliver Berben, geschrieben wurde es von Rodica Döhnert, und als zweite weibliche Hauptdarstellerin tritt Josefine Preuß auf, die schon im Hotel am Brandenburger Tor mitspielte und für Berben „Die Pilgerin“, eine Schlecker-Frau und „Die Hebamme“ gab, Letzteres zweimal.

          Gefangen im österreichischen Keller

          Im „Sacher“ spielt sie Konstanze von Traunstein, eine Hälfte des zweiten frischverheirateten Paares, das an jenem Abend im Sacher eincheckt. An Konstanzes Seite ist ihr Gemahl Georg (Laurence Rupp). Wir schreiben das Jahr 1892, wie uns Palfraders Erzählerstimme aus dem Off verrät. Einen Erzähler, der herbeizitiert, was alles nicht mehr in die gespielten Szenen passte, braucht es nämlich dringend, weil die Handlung so überfüllt ist. Lüster glitzern, poliertes Holz glänzt, Roben rauschen, die Blicke der vier jungen Leute kreuzen sich, und es beginnt unter der Regie von Robert Dornhelm eine verhängnisvolle Geschichte zwischen Melodram und einem mit Bildern nach Art des Stummfilmklassikers „Nosferatu“ garnierten Historienkrimi.

          Freundschaft oder mehr? Martha Aderhold (Julia Koschitz, links) und Konstanze von Traunstein (Josefine Preuß).

          Denn in ebenjener Nacht stirbt nicht nur der Hotelchef Eduard Sacher, sondern verschwindet auch das Kind eines Putzmädels und eines Köhlers, das in Wahrheit das Kind eines anderen ist. Es landet beim Phantom der Oper alias dem Notenwart – abgründig fürsorglich gezeichnet von Simon Schwarz – in den Katakomben des Musiktheaters. Kind, gefangen im Keller, so wohl das Drehbuchkalkül, da weiß man, dass man in Österreich ist. Im Dunkeln wird Marie (Jasna Fritzi Bauer) heranwachsen, bis sie als blasse Nemesis mit rotgeränderten Augen ans Licht treten und das Ende der guten alten Zeit verkünden wird.

          Einen schönen Schmarrn also serviert uns „Das Sacher“ als märchenhaft-boulevardeske Unterweltstory zum glanzvollen, üppig ausgestatteten Leben „upstairs“, über das Anna Sacher herrscht, die es tatsächlich gab. Die Hotelkönigin war eine legendäre Wienerin. Es ist schon bewundernswert, was die haltlos unterforderte Ursula Strauss aus dieser Rolle, die ihr nicht viel mehr Ausdrucksmittel als Haltung, majestätische Blicke und ein paar Zigarrenzüge bietet, noch herausholt. Ihr Charakter wirkt als einer der wenigen in diesem jahrmarktbunten Spektakel nicht, als wäre er von Pappe. Auch Julia Koschitz verleiht ihrer Figur mehr Substanz, als die Umgebung verdient, während Josefine Preuß gutgelaunt munter drauflosschauspielert. Wir sind schließlich in einer Telenovela.

          „Die Torte, die ist nie aus“

          Dabei ist die Lage durchaus tragisch: Die beiden befreundeten Ehepaare loten via Vierecksbeziehung Grenzen der Geschlechter- und Klassenbeziehungen sowie der Nationalcharaktere um die vorige Jahrhundertwende aus. Die Deutschen sind moderne Geschäftsleute: Maximilian schreibt Bücher, Martha hat das Geld und den kaufmännischen Verstand, sie zu verlegen. Ihr jüdischer Vater sieht diese Rollenverteilung mit Unbehagen.

          Was ist das denn für eine Anzugsordnung? Erzherzog Otto (Philipp Hochmair, links) lässt die Hüllen fallen, Portier Mayr (Robert Palfrader) bemüht sich um Schadensbegrenzung, Anna Sacher (Ursula Strauss) wahrt die Contenance.

          Die Österreicher sind verwöhnte Aristokraten, wobei Georg einen freimaurerischen Sozialtick hat und Konstanze heimlich Romane schreibt. Diese Herzensergießungen verlegt, wer sonst, Martha, unter Pseudonym. Affäre hin, Affäre her, Entdeckung, Entfremdung, Versöhnung, neuer Krach. Die Handlung springt von der Spree an die Donau und zurück, auf einen adligen Landsitz und den Schmutz der Wiener Straßen, weil es in einem Hotel ja eigentlich sterbenslangweilig zugeht. Dazu spielt Walzermusik. Dann ziehen der Erste Weltkrieg herauf und das Kellerkind. Am Ende sind zwei der fünf Hauptfiguren tot, die Überlebenden erwachen wie aus einem wirren Traum, und die Frauen, anders als die Männer optisch kaum gealtert, sind emanzipiert.

          Was „Das Sacher“ von der Epoche, die es spiegelt, transportiert, ist ihre eklektizistische Überladenheit und eine große, große Müdigkeit. Krieg kann man auch aus Langeweile anfangen, damit sich endlich was bewegt. Die Katastrophe, die das heraufbeschwört, ist im Hotel weit weg. Die Charaktere sind zwar wohltuend uneindeutig, aber auch beliebig und auf Effekt gebürstet. In einer der letzten Szenen sitzt ein kleiner Prinz in dieser Welt von gestern am Kaffeetisch und sticht seine Gabel in ein Stück Sacher-Torte, die in der Hotelkonditorei im Akkord gebacken wird. Als der letzte Krümel verschwunden ist, sagt er traurig: „Und jetzt ist es aus.“ Aber nein, beruhigt ihn Anna Sacher und lässt sogleich neu auftischen: „Die Torte, die ist nie aus.“ Ganz recht, genauso wenig wie Süßigkeiten für Fernsehzuschauer.

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