https://www.faz.net/-gqz-85p8d

Fernsehproduktionen : Das Oligopol der Tochterfirmen

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Das Bundeskartellamt ermittelt gegen die Produktionsfirmen Bavaria und Studio Adlershof wegen des Verdachts der Preisabsprachen. Doch wer produziert für die Sender eigentlich was? Eine Übersicht fördert Erstaunliches zutage.

          Der Sprecher des Kartellamts, Kay Weidner, sagt, dass er vorerst nichts mehr sagt zu den Ermittlungen bei mehreren deutschen Produktionsfirmen wegen des Verdachts unerlaubter Preisabsprachen. „In dem laufenden Verfahren geben wir keine Wasserstandsmeldungen ab und kommentieren auch nicht, welche Studios alle betroffen sind. Erst wenn wir unsere Ermittlungen abgeschlossen haben, werden wir uns wieder öffentlich äußern.“ Das Kartellamt hatte in der vergangenen Woche Räume der Bavaria-Studios in München und das Studio Adlershof in Berlin durchsucht.

          Was aus dem Verdacht wird, ist das eine, die Verfasstheit der hiesigen Produzentenlandschaft das andere. Dort hat sich ein Oligopol herausgebildet, das von Tochterfirmen der öffentlich-rechtlichen Sender beherrscht wird und zu Absprachen einlädt. Das zu erkennen, reicht eine Untersuchung, welche die Produzentin Sharon von Wietersheim im Auftrag des Verbands Deutsche Filmproduzenten zum Fernsehjahr 2013 angestellt hat. Akribisch genau listet die damalige Vorsitzende des Verbandes gemeinsam mit ihrem Kollegen Frank Meiling auf, wer welchen Film produziert hat. „Wie in den EU-Richtlinien zur Lösung des Interessenkonflikts zwischen Politik und Medien dargelegt, stellen Eigentumskonzentration und fehlende Transparenz die größte Bedrohung für Qualität, die Unabhängigkeit der Beschäftigten in der Medienbranche und für den Wettbewerb zwischen den Medien dar. Dies auszuschließen sollte Ziel und Anliegen von Sendern und Filmschaffenden sein“, schreibt von Wietersheim. So sei es „unabdingbar, den allgemeinen Anspruch auf Vielfalt zu sichern und die breit gestellten Auftragsvolumen der öffentlich-rechtlichen Sender auf so viele Themen und unterschiedliche Produktionsfirmen wie möglich zu verteilen“.

          Ein drastisches Ergebnis

          270 Fernsehfilme wurden 2013 erstausgestrahlt, die 26 erfolgreichsten waren bis auf eine Ausnahme allesamt „Tatorte“. Die Ausnahme war ein „Polizeiruf“ auf Platz dreizehn. Erstaunlicher aber ist, wer was produzierte: So machten zehn Produktionsfirmen sechzig Prozent aller Filme unter sich aus, zeichneten also für 163 Filme verantwortlich. Das waren neben der Ufa (Bertelsmann/RTL) mit 32 Filmen die Bavaria (BR, MDR, SWR, WDR) mit 26 und die hundertprozentige ZDF-Tochter Network Movie mit 21 Filmen auf den ersten drei Plätzen, gefolgt von Studio Hamburg (NDR, 18), Constantin (13), Ziegler (12), ARD-Eigenproduktionen (zwölf), NdF (elf), FFP New Media (zehn) und Eyeworks (acht).

          Löst man das für die beiden öffentlich-rechtlichen Sender auf, so wird das Ergebnis noch drastischer: Von den 127 Erstausstrahlungen, die 2013 im Ersten liefen, wurden 77 Filme (61 Prozent) von zehn Produktionsunternehmen (zwanzig von der Bavaria) produziert. Die restlichen fünfzig Filme teilten sich 36 Produktionsfirmen. Im ZDF gingen von 113 Erstausstrahlungen sogar 78 Prozent (88 Filme) an zehn Produktionsfirmen, davon produzierte Network Movie zwanzig Filme. Die restlichen 25 Filme wurden von siebzehn verschiedenen Produktionsfirmen erstellt. Die Privatsender spielten 2013 bei der Produktion von Fernsehfilmen keine große Rolle. Sat.1 brachte es auf fünfzehn Fernsehfilme, und bei RTL waren es vier.

          Eigentlich wäre Innovation gefragt

          Also fällt es besonders ins Gewicht, wem die Redakteure bei ARD und ZDF die Produktion neuer Filme anvertrauen, jeder für sich mit einem Auftragsvolumen von etwa 1,5 Millionen Euro. Es spricht grundsätzlich nichts dagegen, Tochterfirmen wie die Bavaria oder Network Movie zu bedenken. Nur wenn das zu Konditionen geschieht, die unabhängige Produzenten in die Knie zwingen, weil sie eben nicht mit Gebührengeldern querfinanziert werden, hat das Bundeskartellamt Anlass zu ermitteln.

          Ein fairer Wettbewerb ist jedoch nicht nur aus marktwirtschaftlichen und rechtlichen Gründen geboten. Er garantiert Innovation, die gerade bei den öffentlich-rechtlichen Sendern nicht im Überfluss vorhanden ist. Die es aber dringend braucht, vor allem, um ein jüngeres Publikum anzusprechen. Frische, unkonventionelle Ideen steuern eher unabhängige Produzenten. Manche Stoffe, erzählt ein Produzent, schicke einem der Sender erst nach mehr als einem Jahr mit einer Absage zurück. Andere Produzenten berichten von Stoffen, die „geklaut“ würden und plötzlich als originäre Stücke einer Tochterfirma auftauchten. Die Dinge öffentlich zu benennen, traut sich kaum jemand. Die Mehrheit der Produzenten schweigt – schließlich will man es sich mit den Auftraggebern nicht verscherzen.

          Entscheidet wirklich nur das beste Angebot?

          Ins Gerede gekommen ist die vom Kartellamt durchsuchte Bavaria zuletzt auch durch die Art und Weise, in der sie an die Produktion der ARD-Shows „Verstehen Sie Spaß?“ und „Show der Naturwunder“ kam. Die Bavaria, so der Verdacht, müsse erfahren haben, dass Konkurrenten bessere Angebote eingereicht hätten. Plötzlich sei die Offerte der Bavaria um zehn Prozent günstiger gewesen. Verbunden war das allerdings mit einer Kostendrückerei etwa beim Lichtdesign von 800.000 Euro auf 400.000 Euro oder geringeren Honoraren für die Kameraleute, die für weniger als dreihundert statt 350 Euro am Zehnstundentag arbeiten sollten, Erst nach großem Protest habe der SWR auf die Bavaria eingewirkt, um die Produktion nicht zu gefährden. Der SWR-Sprecher Wolfgang Utz sagte dazu auf Anfrage, die Angebote aller Bewerber seien angepasst worden. Doch seien die Offerten der Bavaria-Konkurrenten „von Anfang an nicht günstiger“ gewesen, die Bavaria habe „das beste und wirtschaftlichste Angebot“ abgegeben. Der SWR habe eine „Gewichtung der preislichen und der qualitativen Kriterien vorgenommen“ und entschieden.

          Der beste Anbieter? Das könnten in diesem Fall die unterlegenen, von den Sendern unabhängigen Produktionfirmen gewesen sein. In den wesentlichen Kategorien seien die Kölner MMC und das Studio Berlin besser gewesen, bis hin zu dem Umstand, dass bei der Bavaria in München nur 880 statt der geforderten tausend Zuschauer im Studio Platz gefunden hätten. In Köln wäre sogar mit 1200 zahlenden Zuschauern zu rechnen gewesen. Aber wie es hinter den Kulissen zugeht, davon merken die Zuschauer ja nichts. Die Ermittlungen des Bundeskartellamts könnten das ändern. Die Branche wartet darauf.

          Weitere Themen

          „It Must Be Heaven“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „It Must Be Heaven“

          „It Must Be Heaven“ ist eine französisch-kanadische Komödie aus dem Jahr 2019 von Elia Suleiman. Der Film kämpft in Cannes um die Goldene Palme.

          Sagen, was Strache ist

          Ibiza-Affäre der FPÖ : Sagen, was Strache ist

          Es ist nicht die erste Frage, die sich zu dem Ibiza-Video mit dem FPÖ-Politiker Strache stellt, aber vielleicht die zweite oder dritte: Wie kamen die Aufnahmen zustande? Eine Indizienaufnahme.

          „All my Loving“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „All my Loving“

          „All my Loving“ ist der neue Film von Edward Berger und zeigt drei Geschwister, die an einem Punkt angelangt sind, an dem sie schnell etwas verändern müssen, bevor die zweite Hälfte ihres Lebens beginnt.

          Topmeldungen

          Amerikas Präsident Donald Trump und sein Justizminister William Barr

          Russland-Affäre : Sicherheitsrisiko Trump

          Justizminister William Barr kann ab jetzt Geheimdienstinformationen freigeben, um zu belegen, dass die Russland-Ermittlung eine „Hexenjagd“ gewesen sein soll. Aus politischen Motiven geht Donald Trump erhebliche Sicherheitsrisiken ein.
          Die irische Flagge vor dem Gebäude der EU-Kommission in Brüssel

          EU-Wahl : Pro-europäische Regierungspartei in Irland vorn

          Irlands Regierungschef warnt nach dem Rücktritt von Theresa May vor einer „sehr gefährlichen“ Phase. Bei der Europawahl hat er offenbar Rückenwind bekommen. EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber verspricht, Europa vor Nationalisten zu verteidigen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.