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Das neue hr2-Programm : Hellhörig bleiben

  • -Aktualisiert am

Lauter schöne Logos: hr2 in der Eigenankündigung. Bild: HR/F.A.Z.

Reform eines traditionsreichen Rundfunkplatzes: Am Montag ist das neue Programm der Kulturwelle hr2 gestartet. Wie hört es sich an?

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          Den Blick in die Feuilletons der überregionalen Zeitungen gibt es nicht mehr. Als Hans Sarkowicz, der Wellenleiter von hr2-Kultur, am Montagmorgen um kurz nach acht Uhr das neue Schema und den neuen Sendeablauf des hessischen Kulturradios erläuterte, erwähnte er auch andere „kleine Formen“ – Minifeatures etwa oder Kürzestreportagen –, die in Zukunft wegfallen.

          Einiges Vertraute findet sich nach wie vor, nicht zuletzt die Frühkritik um 7.30 Uhr, die dieses Mal Gian Carlo Menottis Kurzoper „The Medium“ an der Oper Frankfurt galt. Jesko von Schwichow, der Musikchef von hr2, äußerte etwas zu fidel, dass an Stelle des bisherigen „Gemischtwarenladens“ vom 14.September an zuallererst Klassik als Klangfarbe das Tagesprogramm bis achtzehn Uhr beherrsche. Unerwähnt blieb, dass SWR2, der erfolgreiche Konkurrent aus Baden-Baden, seine Hörer auch durch die Vielfalt der Musikstile zu binden versteht.

          hr2-Kultur will vor allem die Rolle der Moderatoren stärken. Der erfahrene Martin Maria Schwarz, der am Montag durch die Auftaktsendung führte, bewies ironische Nonchalance, als er seinen einzigen Versprecher korrigierte: „,hr2 am Morgen‘, wie das jetzt heißt“, sagte er hörbar melancholisch, nachdem er zuvor ein letztes Mal vom „Kulturfrühstück“ gesprochen hatte, jenem lebendigen, kleinteiligen Magazin, das er und seine Kollegen viele Jahre lang präsentierten.

          Gewiss, wir werden uns mit dem neuen hessischen Kulturradio zu arrangieren wissen, hätte das „Reform“ genannte Revirement doch weit schlimmer ausfallen können (F.A.Z. vom 31.August). Dennoch bleibt Missbehagen. So musste Hans Sarkowicz, der Substanzbewahrer des linearen Radios, in der vergangenen Woche den freien Mitarbeitern von hr2-Kultur mitteilen, man müsse von nun an „weitestgehend“ auf sie verzichten.

          Warum? Weil ein Viertel des gut drei Millionen Euro umfassenden Etats künftig nicht mehr zur Verfügung steht – weder für Eigenproduktionen noch für Honorare. Dieses Viertel fließt an die sogenannte Kultur-Unit, deren Erfindung und allmähliches Etablieren symptomatisch ist für das chaotische Prozedere im Hessischen Rundfunk.

          Diese Kultur-Unit, von den Sendergewaltigen als Heilsbringer in Sachen Digitalisierung angesehen, hat auch ein Jahr nach ihrer Gründung außer Gestehungskosten nichts Greifbares vorzuweisen. Statt sie als übergeordnete und multimediale Redaktion Schritt für Schritt aufzubauen und mit einem klaren Programmkonzept auszustatten, hat man sie zu einer ominösen Binneninstanz ohne erkennbare Konturen gemacht. Um der Kultur-Unit willen wollte man hr2-Kultur zunächst auf eine reine Klassikwelle reduzieren. Der öffentliche Widerstand hat dies verhindert, also hat man die traditionsreiche Radiowelle erst einmal für sich reformiert – ein klassischer Fall dafür, wie man das Pferd beim Schwanz aufzäumt.

          Jedenfalls, ist zu hören, soll die Kultur-Unit bald mit der eigentlichen Arbeit beginnen. Als Ideengeber, gar als Zulieferer von Sendeinhalten kommt sie absehbar nicht in Betracht. Auch deshalb wirkt sie wie eine Drohung. Ihr Opfer könnte in ein, zwei Jahren tatsächlich das lineare Radiojuwel hr2-Kultur sein. Hellhörigkeit bleibt vonnöten.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

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