https://www.faz.net/-gqz-864fq

Debatte um Reddit : Gefangen im Sexismus-Strudel

  • -Aktualisiert am

Auf Reddit galt lange die Devise: Anything goes. Das führte dazu, dass in einzelnen Foren der Wilde Westen ausbrach und verbal aus allen Rohren gefeuert wurde. Der texanische Programmierer Michael Brutsch alias „Violentacrez“ hatte mehrere Subreddits eröffnet, in denen Nutzer anzügliche Fotos von Minderjährigen und Pornos posten konnten. Reddit hielt lange die schützende Hand über ihn - im Namen der Meinungsfreiheit. Nach dem Bombenanschlag in Boston schossen in dem Subreddit „r/findbostonbombers“ die wildesten Spekulationen ins Kraut, die in der fälschlichen Beschuldigung eines Zweiundzwanzigjährigen mündeten. Schon der Name des Unterforums klingt wie ein „Most Wanted“-Slogan. Es wurde eine Art digitaler Pranger institutionalisiert. Das ist die hässliche Seite des Portals. Bloß: Wie will man dieses riesige Museum mit seinen Tausenden Ausstellungsräumen kuratieren? Wie kann man verhindern, dass nicht schmutzige oder diffamierende Exponate ausgestellt werden?

Vier Frauen verabschiedeten sich

Alex Leavitt von der Annenberg School for Communication & Journalism, der viel zu Reddit geforscht hat, sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: „Man kann schlechtes Benehmen nicht eliminieren. Und vielleicht will man es auch gar nicht, weil man den Akt der Kommunikation höher bewertet als den Inhalt selbst. Doch die Ingenieure, Entwickler und Forscher müssen zusammenarbeiten, um ein Wertesystem für ihre Plattform zu definieren.“

In der Führung tobt ein Richtungsstreit, wo man die Grenzen der Meinungsfreiheit ziehen soll. Die ehemalige Chefin Ellen Pao, die wegen einer Diskriminierungsklage gegen ihren alten Arbeitgeber zur Ikone des Feminismus stilisiert wurde, verfocht lange eine libertäre Linie, die jeden Beitrag um der Basisdemokratie willen tolerierte. Der Rest des Managements dagegen wollte hässliche Unterforen bannen, um für Werbekunden attraktiv zu werden. Reddit will sich langfristig für Branded Advertising öffnen. Nachdem Ellen Pao Victoria Taylor, die das beliebte Format Ask Me Anything (AMA) koordinierte und als Bindeglied zwischen den Nutzern und dem Management fungierte, kurzerhand entließ, löste das auf Reddit einen Sturm der Empörung aus. In einer Online-Petition forderten 200 000 Nutzer die Absetzung Paos, zahlreiche Moderatoren schlossen aus Solidarität ihre Subreddits. Der Streit zwischen Nutzern und Verantwortlichen eskalierte. Auf Druck der Community trat Pao schließlich zurück. In einem Gastbeitrag für die „Washington Post“ konstatierte sie ernüchtert: „Die Trolle haben obsiegt.“

Anarchistische Unterströme

Am Montag veröffentlichte Reddit zudem eine Stellungnahme, dass auch die Community-Chefin Jessica Moreno das Unternehmen verlassen wird. Nach Victoria Taylor, Ellen Pao und Bethanye Blount, die nur zwei Monate als leitende Reddit-Ingenieurin fungierte, ist Moreno die vierte Reddit-Beschäftigte in leitender Position, die das Unternehmen innerhalb von vier Wochen verließ. Moreno nannte in ihrer Erklärung keine sexistischen Gründe für ihren Abschied vom Netzwerk nach vier Jahren.

Ihr Nachfolger, Reddit-Mitbegründer Huffman, hat indes eine härtere Gangart angekündigt. Im hausinternen Ask-Me-Anything-Forum sagte er: „Wir haben Reddit nicht als Bastion der freien Meinungsäußerung gegründet.“ Das durfte als Abkehr vom - recht naiven - Gedanken der Selbstreinigung verstanden werden. Reddit braucht Regulierung, das ist die klare Botschaft Huffmans. Im Zuge der neuen Richtlinien wurde unter anderem der Subreddit „r/fatpeoplehate“ gesperrt, in dem dickleibige Menschen der Lächerlichkeit preisgegeben wurden. Den Nutzern passt diese Praxis gar nicht, sie rufen laut: Zensur. Der libertäre, bisweilen anarchische Geist der Open-Source-Bewegung steht in krassem Widerspruch zum Bestreben eines regelgeleiteten Diskurses. Die sexistischen und rassistischen Unterströme, die die einzelnen Subreddits erfassen, könnten für das Debattierportal zum Problem werden.

Weitere Themen

Topmeldungen

Erzbischof von Köln: Rainer Maria Woelki, Kardinal der römisch-katholischen Kirche

Missbrauch im Erzbistum Köln : Wie Kardinal Woelki das Vertrauen verlor

Das Missbrauchsgutachten sollte den Konflikt zwischen Kardinal Woelki und den Gläubigen in seinem Erzbistum entschärfen. Aber das Gegenteil trat ein. Der Graben wurde immer tiefer. Die F.A.Z. dokumentiert die wichtigsten Stationen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.