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Drama „The Tale“ bei Arte : Qualvolle Erinnerung

  • -Aktualisiert am

Seite an Seite: Jennifer Fox (Laura Dern) und ihr dreizehnjähriges Ich (Isabelle Nélisse) lernen sich neu kennen. Bild: © ZDF/ARTE/Kyle Kaplan

Der Film „The Tale“ bei Arte zeigt, wie schwer es sein kann, Kindesmissbrauch zu erkennen. Es ist ein Lehrstück darüber, wie Pädokriminelle ihre Opfer manipulieren.

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          David Bowie, Jerry Lee Lewis, Jimmy Page, Elvis Presley. Sie haben noch etwas gemeinsam, abgesehen davon, geniale Musiker zu sein: Sie hatten alle Sex mit vierzehnjährigen Mädchen. Nur langsam beginnt die Öffentlichkeit, sich mit dem Phänomen zu beschäftigen. Vielen fällt es schwer, einzuschätzen, was Missbrauch ist, und was nicht. Dass Frauen erst als Erwachsene darüber sprechen, mache sie unglaubwürdig. Ein Verständnis dafür, dass missbrauchte Kinder die Tat aus Selbstschutz verdrängen und von den Tätern manipuliert werden, fehlt. Mit dem autobiographischen Film „The Tale“ der amerikanischen Regisseurin Jennifer Fox zeigt Arte ein Lehrstück darüber, welch schwieriger Prozess es sein kann, Kindesmissbrauch als solchen zu erkennen, auch wenn man selbst betroffen ist.

          Die Regisseurin verfilmt ihre eigene Geschichte. Buchstäblich: „Basierend auf ,The Tale’, geschrieben von Jenny Fox, 13 Jahre“, heißt es im Abspann. „The Tale“, das ist eine Kurzgeschichte, die Fox als Schülerin über ihre „Sommerromanze“ auf dem Reiterhof schrieb. Als sie das Schriftstück 34 Jahre später findet, beginnt sie zu verstehen, dass die „Liebesbeziehung“ nicht auf Augenhöhe stattfand: Lauftrainer und Reitlehrerin hatten sie als Dreizehnjährige (gespielt von Isabelle Nélisse) systematisch missbraucht. 2018 verfilmte Fox ihre Geschichte.

          Dann will Bill, dass sie sich auszieht

          Es ist 2006. Jennifer Fox, gespielt von Laura Dern, reiste für ihre Dokumentation „Flying: Confessions of a Free Woman“ um die Welt, um Frauen über ihr Leben zu befragen. Für eine Szene hält ihr Wagen in einem indischen Dorf. Es schart sich eine Traube von Männern darum. Fox zögert auszusteigen, doch alle sind freundlich. Es ist das stereotype Bild einer Bedrohung, bestehend aus starrenden, fremden Gesichtern, das viele mit sexuellen Übergriffen assoziieren. Das jedenfalls eher, als den eigenen Nachbarn. Jennifer Fox spielt mit Erwartungen, und verkehrt sie ins Gegenteil. Die meisten Missbrauchsfälle passieren im Kreis von Bekannten und Familie. Bei Jennifer Fox war es der verständnisvolle Freund im Islandpulli, der ihre Kindheit geraubt hat.

          Ähnlich wie die Dokumentation „Leaving Neverland“, in der zwei Männer darlegen, wie Michael Jackson sie jahrelang missbrauchte, zeigt „The Tale“, wie geschickt Pädokriminelle vorgehen: Zuerst wird Jenny von ihren Reit- und Sportlehrern Mrs. G und Bill in deren geheime Liebesbeziehung eingeweiht. Die Dreizehnjährige ist stolz, mit so viel Vertrauen bedacht worden zu sein. Jenny bekommt Anerkennung und Verständnis, die sie bei ihren Eltern vermisst. Dann will Bill, dass sie sich auszieht. Jenny möchte nicht, aber sie will bei den Erwachsenen dazugehören.

          Die Idylle schwankt und kippt

          Im Gegensatz zu „Leaving Neverland“ arbeitet Jennifer Fox das Erlebte dramatisch auf. Sie zeigt die vertrackten Prozesse des Erinnerns und Umdeutens in Rückblenden. Erst im Weichzeichner: Trainer Bill wirft Jenny anerkennende Blicke nach dem Springreiten zu. Die Idylle schwankt und kippt, als Fox ein Foto von sich als Dreizehnjährige sieht: „Ich war so klein“, sagt sie schockiert. Sie wiederholt die Szene. Nur: Die junge Frau aus der Erinnerung hat sich in das Kind auf dem Foto verwandelt.

          Jennifer Fox zeigt auch das Sexuelle der Missbrauchsbeziehung. Die Szenen sind grausam explizit, aber nicht voyeuristisch. Sie wollen dokumentieren. Wendet man sich angewidert ab, oder sieht man hin, wie Kindesmissbrauch täglich passiert? Er bleibt verborgen, wenn man die Augen davor verschließt.

          The Tale läuft an diesem Freitagabend um 20.15 Uhr bei Arte.

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