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Jakob Augstein im F.A.Z.-Gespräch : Der „Spiegel“ braucht keinen Moderator

  • Aktualisiert am

Jakob Augstein Bild: LAIF

Es steht nicht gut um den „Spiegel“. Der Chefredakteur muss gehen, ein Nachfolger steht aus. Jakob Augstein, der Sohn des Gründers, im F.A.Z.-Gespräch über die „Ära Aust“ und die Frage, wie es weitergeht.

          Es steht nicht gut um den „Spiegel“. Der Chefredakteur muss gehen, ein Nachfolger steht aus. Jakob Augstein, den Sohn des Gründers, fragen wir, wie es weitergeht.

          Der „Spiegel“ war einmal das Sturmgeschütz der Demokratie, im Augenblick ist die Munition nass. Statt der großen Artillerie haben wir ein Narrenschiff.

          Warum? Das sehe ich nicht so.

          Weil der Wechsel an der Spitze der Redaktion – um es gelinde zu sagen – so ungeordnet verläuft.

          Wenn die Gesellschafter beschließen, einen neuen Chefredakteur zu bestellen, haben sie zwei Möglichkeiten: entweder zuerst mit dem Chefredakteur sprechen, wenn sie noch keinen Kandidaten haben und diesen dann suchen. Oder sie beginnen mit der Suche und sprechen dann mit dem Chefredakteur. Im ersten Fall hätten die Gesellschafter meines Erachtens unprofessionell gehandelt. Denn dann hätte man sagen können: Ihr verabschiedet einen gestandenen Chefredakteur, ohne einen neuen in Aussicht zu haben. Deshalb glaube ich, dass man gut beraten ist, zunächst zu suchen. Das Risiko, dass das durch eine Indiskretion herauskommt, können sie nicht vermeiden. Dass diese Indiskretion durch einen Kandidaten, der angesprochen worden ist, selber kommt, ist überraschend und misslich. Normalerweise rechnet man bei solchen Leuten mit einer gewissen Professionalität.

          Aber was wäre unprofessionell daran gewesen, zuerst einmal grundsätzlich mit dem Chefredakteur Aust zu sprechen und dann erst jemanden zu suchen?

          Ich bin nicht der Ansicht, dass es der richtige Weg wäre, zuerst eine Trennung anzukündigen und dann zu suchen. Man sucht zuerst einen Nachfolger.

          Erwarten Sie, dass Stefan Aust bis zum Dezember 2008 Chefredakteur bleibt?

          Das weiß ich nicht. Das muss er mit dem Geschäftsführer besprechen.

          Wie beurteilen Sie Austs Ära?

          Meiner Meinung nach ist er neben dem Gründer der beste und wichtigste Chefredakteur, den der „Spiegel“ jemals hatte. Aust hat das Blatt über die gefährlichste Klippe gesteuert, das waren die neunziger Jahre, als der „Spiegel“ in seiner Monopolstellung gefährdet schien. Damals und danach hat Aust Großes geleistet. Sie müssen sehen, was von einem „Spiegel“-Chefredakteur erwartet wird. Er braucht vor allem ein Gespür für die richtigen Titelgeschichten. Das hat Aust besser gemacht als die meisten anderen, und er hat erreicht, dass der „Spiegel“ immer noch das deutsche Nachrichtenmagazin ist. Aber nicht nur – er hat das Blatt fortentwickelt. Die traditionelle Politikberichterstattung ist heute weniger wichtig, als das früher der Fall war. Wenn sie die Auflage eines Blattes und dessen gesellschaftliche Bedeutung halten wollen, müssen sie auf das veränderte Informationsinteresse eingehen. Das hat Aust verstanden, ohne das politische Gewicht des „Spiegel“ zu schwächen. In diesem Balanceakt besteht seine große Leistung. Er hat als Chefredakteur den scheinbaren Kulturkonflikt zwischen der Stahlhelmfraktion von Politjournalisten und den literarisierenden Schönschreibern – der anderen Blättern große Schwierigkeiten macht – im „Spiegel“ aufgelöst. Etwa, indem er Cordt Schnibben und dessen Autoren ins Blatt geholt und ermutigt hat, sich mit allen möglichen Themen zu beschäftigen. Davon hat der „Spiegel“ extrem profitiert.

          Wenn Austs Leistungen so sind, fragt man sich, wieso man ihn wegschickt. Die Mitarbeiter KG sagt, es müsse frischer Wind her, Jugendlichkeit. Kann es nicht sein, dass die Redakteure einfach einen unbequemen Chef loswerden wollen?

          Ich denke, dass die jetzige Kündigung zum einen an dem Vertrag liegt, den Aust bei der letzten Verlängerung bekommen hat. Sein Vertrag hat eine Sollbruchstelle: Nach drei Jahren ist eine Verlängerung um weitere zwei möglich oder eben nicht. Bei einer derart herausgehobenen Position, auf der Druck von allen Seiten lastet, finde ich es nicht verwunderlich, dass man die Option auch zieht. Abgesehen davon muss man sagen: Stefan Aust ist jetzt schon sehr lange Chefredakteur. Seinen Vertrag nicht zu verlängern heißt nicht, seine Leistung infrage zu stellen.

          Aber Sie denken auch, es müsse etwas geschehen?

          Ich denke, der Online-Auftritt und das Print-Magazin müssen noch stärker verzahnt werden. Kommentare müssen wieder eingeführt werden, die es seit dem Tod meines Vaters nicht mehr gibt. Der neue Wind, von dem der Sprecher der Mitarbeiter KG, Armin Mahler gesprochen hat, deutet an, worum es geht.

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