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„Das Leben vor mir“ in der ARD : Alter schützt vor gar nix

  • -Aktualisiert am

Will eine dreißig Jahre überfällige Aussprache nachholen: Cornelius (Matthias Habich) Bild: NDR

Was bleibt, wenn man zum Lebensende hin merkt, dass das tapfer verteidigte, richtige Dasein auch ein falsches war? In „Das Leben vor mir“ wird munter abgerechnet, funken tut es dennoch nicht.

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          Man muss die Melodramatik der Lebensbaupläne, die der Drehbuchautor Sathyan Ramesh in seinen Filmen aufreißt, schon mögen wollen. Um jahrzehntelang als Alternative des Zusammenlebens tapfer verteidigte Familienlügen oder, ganz martinwalserisch, um das späte Mannesalter als Blüte des erotischen Verlangens geht es in seinen Filmen, gelegentlich um humorig aufgearbeitete Vorurteilsstrukturen des Mittelstandsspießers („Kein Herz für Inder“). In dem Film „Letzter Moment“ sturzverliebten sich Matthias Habich und Ulrike C. Tscharre, beschlossen die generationenübergreifende Vereinigung ohne Netz und doppelten Boden zu wagen und machten aus dem Altersunterschied gleichwohl eine große Sache. Verkompliziert wurde das Glücksgetaumel durch die Vergangenheit, in der die Mutter von Tscharres Figur der einst abgöttisch geliebte „Lebensmensch“ von Habichs Figur war. Zeilen wie „Ich war gestorben an dem Tag, an dem du weggingst“, brachte Habich mit sandpapiertrockener Knorrigkeit unter. Dafür gab es eine Grimmepreisnominierung.

          „Das Leben vor mir“ von Sathyan Ramesh und Anna Justice (Regie), abermals mit Matthias Habich im Altersliebekonflikt, ist nun nicht in Indian-Summer-glühendes Oktoberlicht getaucht wie „Letzter Moment“, sondern kommt in kühlen Blautönen gediegen monochrom daher. Stylishe Mittelstandsverzweiflung im Ambiente und der Farbpalette von „Schöner Wohnen“ – ein Charakteristikum des Mittwochsfilms in der ARD (Kamera Adrian Cranage, Ausstattung Florian Langmaack). Wieder geht es um die Liebe eines alten, finanziell sorgenfreien Mannes.

          Dreißig Jahre mit der Ex-Frau kein Wort mehr gesprochen

          Seit fünfundzwanzig Jahren lebt er monogam in einer glücklichen Beziehung, seit dreißig Jahren hat er mit seiner Ex-Frau kein Wort mehr gesprochen. Bevor sie als „Besuch der alten Dame“, wie sie sagt und mit dem Verweis auf Dürrenmatts Stück den Ton setzt, ohne Vorankündigung an der Haustür des Hamburger Hauses klingelt. Julia (Eleonore Weisgerber) ist nicht halb so rachsüchtig wie Claire Zachanassian, tritt aber genau wie diese als Versuchung zur Abrechnung auf. Eleonore Weisgerber spielt sie halb zynisch, halb vereinsamt, emotional fordernd, später mit Witz und Charme. Ihre Julia braucht nicht Cornelius´ (Habich) Kopf, sondern bloß das späte Eingeständnis, im Grunde ein selbstzufriedener Bourgeois und nicht der tolle Vater gewesen zu sein, für den er sich halten durfte.

          Julia, die in Kalifornien Karriere als Achtundsechziger-Politjournalistin machte, nun aber verarmt und einsam keine einzige Beziehung mehr hat, vermeintlich an Krebs im Endstadium leidend bei Cornelius Obdach begehrt, will die dreißig Jahre überfällige Aussprache nachholen. Und ihren Ex mit seiner Rücksichtslosigkeit konfrontieren. Der Film zeigt Tage der mal bitteren, mal leichtherzigeren Aufarbeitung, Nostalgietage, Anklagetage: Dass Cornelius offen schwul leben wollte, stellt das Drehbuch zwar als selbstverständlich dar, doch die fünfundzwanzigjährige Beziehung zum Ehemann Frank (Stephan Kampwirth), einem Karatelehrer mit meditativem Gleichmut, gerät trotz aller behaupteten Gefestigtkeit mit Julias Erscheinen sofort in Schieflage. Der beträchtliche Altersunterschied von Mann und Mann ist das bestimmende Thema.

          Frank beginnt ein Verhältnis mit einem etwas seltsamen Schüler (der wohl eine skurril-heitere Note in das traurige Geschehen bringen soll). Die entfremdeten Kinder Abel (Florian Panzner als schwerbewaffneter Inkassomafioso) und Natascha (Maren Eggert als depressive Mutter zweier Töchter mit untreuem Ehemann, die versucht, die Fassade aufrecht zu halten) wollen zwar der Mutter nicht wieder begegnen, dem Vater aber auch nicht recht, und tun sich überhaupt mit dem selbstverantwortlichen Leben schwer. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, aber im richtigen auch nicht, nicht mal für unzeitgemäße Spontis. Was aber bleibt, wenn man zum Lebensende hin merkt, dass das tapfer verteidigte richtige Leben auch ein falsches war? Altersglühen, Altersmilde, Altersdramatik? Am und nach dem irdischen Ende, so zeigt es „Das Leben vor mir“, bleibt einem immer noch die versöhnende Kraft der gemeinsamen Hausmusik – und der Hinterlassenschaft Toleranz. Geschenkt.

          Das Leben vor mir, 20.15 Uhr im Ersten

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