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„Bild“ & Kekulé gegen Drosten : Nachtreten bis zum Umfallen

Zielscheibe der „Bild“-Zeitung: der Virologe Christian Drosten. Bild: Reuters

Die „Bild“-Zeitung macht mit dem perfiden Kesseltreiben gegen den Virologen Christian Drosten weiter. Ein paar Helfershelfer springen auf den Zug auf. Und dieser rast mit Vollgas, so wie das Boulevardblatt es sich wünscht.

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          Jetzt hat die „Bild“-Zeitung doch sensationellerweise weitere Statistiker aufgetrieben, die an der vorveröffentlichten Studie des Charité-Forscherteams von Christian Drosten zu der Frage, wie stark infizierte Kinder und Jugendliche mit dem Sars-CoV-2-Virus belastet sind und wie ansteckend sie sein könnten, kein gutes Haar lassen. Das ist ein matter Nachläufer des Vernichtungsangriffs, den die „Bild“ zuvor auf Drosten unternommen hatte und der rasch in sich zusammenfiel, weil sich vermeintliche Kronzeugen für die Behauptung, Drostens Studie sei „grob falsch“, von der Darstellung des Boulevardblatts distanzierten.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Auch konnte jeder sehen, mit welcher Ranküne „Bild“ solche Sachen vorbereitet – der Virologe Drosten bekam nur eine Stunde Zeit, um auf aus dem Zusammenhang gerissene Zitate in einer Mail zu antworten, von denen eines auch noch falsch übersetzt war. 34 Minuten nach Ablauf der Frist ging der Artikel online. Aus dem Satz der Ende April veröffentlichten Studie „Kinder könnten genauso ansteckend sein wie Erwachsene“ wurde in der „Bild“-Version „können“.

          So und nur so passten die Teile der Geschichte zusammen, die dem Chefredakteur Julian Reichelt zu Recht um die Ohren flog. Dass er das nicht verwindet, weil nicht sein darf, was nicht zu seiner Mission passt, kann man der Nachtreterei ansehen, die er veranstaltet und mit der er nicht aufhören wird. Andere reihen sich ein. Der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands, Frank Überall, sekundiert in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ mit dem Verweis, es sei „unüblich“, Anfragen von Journalisten „zu veröffentlichen – vor allem dann, wenn es um exklusive und investigative Themen geht“. „Wenn zusätzlich auch noch persönliche Daten von Journalistinnen oder Journalisten wie eine Mobilnummer veröffentlicht werden, ist das völlig inakzeptabel.“

          Damit spielt Überall auf den Umstand an, dass Christian Drosten die Anfrage der „Bild“-Zeitung im Netz veröffentlicht und dabei zunächst auch die Anschrift des anfragenden „Bild“-Redakteurs mitgeliefert hat. Das hat er schnell korrigiert und die Angaben des Redakteurs weggelassen. Was der DJV-Chef Überall vernachlässigt, ist, dass Drosten für seine Antwort auf aus dem Zusammenhang gerissene, zum Teil falsch übersetzte Zitate nur eine Stunde gegeben wurde. Wenige Minuten nach Ablauf des Ultimatums ging die „Bild“-Story online.

          Mit investigativer Recherche hat das nichts zu tun, man nennt es vielmehr Kesseltreiben, was der „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt hier betreibt. Er macht damit weiter und weiter und spielt die Leute gegeneinander aus. Direkt reagieren auf die Ausführungen Christian Drostens wollte der „Bild“-Chef im Podcast dieser Zeitung hingegen nicht. Ihm wäre ein Schlagabtausch zu seinen Bedingungen lieber. „Ich bin zu jeder Zeit und an jedem Ort bereit“, schreibt Reichelt auf Twitter. Doch was würde das wohl für ein Schlagabtausch, mit Übertragung auf „Bild.de“?

          Dass sich nun auch der Mikrobiologe Alexander Kekulé zu Wort meldet und im „Tagesspiegel“ dem Virologen nahelegt, er,  Drosten, habe seine Studie im Vorabdruck „einfach zurückziehen“ müssen, weil die Daten zu unsicher und deren statistische Auswertung ungeeignet gewesen seien, zeigt derweil, dass Kekulé nicht einmal mit den grundlegenden Gepflogenheiten des Wissenschaftsdiskurses vertraut ist. Preprint-Artikel müssen keineswegs zurückgezogen werden, sondern können korrigiert und erweitert werden. Der Virologe Drosten hatte schließlich deutlich gemacht, dass Kritik an der Charité-Studie sogar erwünscht war, dass man diese in die Untersuchung aufgenommen habe, sich an der medizinischen Einschätzung aber nichts ändert: Die Virusbelastung von mit dem Sars-CoV-2-Erreger infizierten Kindern sei in etwa genauso hoch wie bei Erwachsenen. Sie „könnten“ genauso ansteckend sein. Jetzt sagt er bei Twitter: „Kekulé macht Stimmung, seine Darstellung ist tendenziös." Kekulé kenne die Daten nicht und zitiere falsch.

          So nimmt die Debatte einen Verlauf, wie ihn sich die „Bild“ mit ihrer zerstörerischen Macht wünscht. Sie steckt andere mit ihrem Antiaufklärungsvirus an, von dessen Symptomen wir uns bei dieser Gelegenheit abermals überzeugen können. Sie verdreht Fakten und Zusammenhänge, und sie verdreht den Kopf. Dass das Boulevardblatt davon je genesen werde, damit rechnen wir nicht.

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