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„Das jüdische Echo“ : Diese erstaunliche Bandbreite

Neue Impulse für das traditionsreiche Periodikum: Die jüngste Ausgabe befasst sich mit dem Stellenwert der Religion heutzutage Bild: Archiv

„Das Jüdische Echo“ bringt Menschen unterschiedlicher Religionen zusammen. Die Herausgeber der traditionsreichen Zeitschrift aus Wien planen jetzt den Eintritt in den deutschen Markt.

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          Wer in Wien jüdische Kultur sucht, findet heute eine blühende Vielfalt, wie seit langem nicht. In der Reihe der dazugehörenden Medien ist „Das Jüdische Echo“ eine bewährte Stimme. Im Jahr 1951 wurde die Jahreszeitschrift von Leon Zelman, damals noch Student, gemeinsam mit anderen jüdischen Hochschülern gegründet. Über die Jahre hin ist es dem Überlebenden der Konzentrationslager Auschwitz, Mauthausen und Ebensee gelungen, aus einem kleinen Mitteilungsblatt für angehende Akademiker eine renommierte Zeitschrift für Kultur und Politik zu machen. Das „Jüdische Echo“ ist als europäisches Forum dieser Art ohne Konkurrenz, weil es kein jüdisches Medium gibt, das sich einem Schwerpunktthema mit solcher Vielfalt an Autoren - auch aus Deutschland - und Standpunkten widmet. Die Zeitschrift versteht sich als Mittlerin für ein besseres Verständnis zwischen Juden und Nichtjuden.

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Bis zu seinem Tod vor fünf Jahren war Zelman Herausgeber und Chefredakteur der stets im Herbst erscheinenden Publikation, für die namhafte Publizisten, Wissenschaftler und Politiker schreiben. Seither leitet die österreichische Publizistin Marta Halpert die Redaktion. Frau Halpert hat dem traditionsreichen Periodikum neue Impulse verpasst. Dazu gehört, anders als früher, ein Generalthema für eine Ausgabe. Vor wenigen Monaten hat sie die aktuelle Nummer - ein rund zweihundert Seiten starkes Kompendium - herausgebracht, das sich mit dem Stellenwert der Religion in der heutigen Gesellschaft befasst: Da beschreibt Michael Bünker, der Vorsitzende der Evangelischen Kirsche in Österreich, seine Sicht auf Religion und Gesellschaft. Wolfram Weimer stellt sich in seinem Beitrag die Frage, ob Deutschland zu einem laizistischen Staat werden soll. Charles Taylor tritt für einen neuen Säkularismus ein. Der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn fragt, ob das Christentum ein Fremdkörper in Europa sei oder die Wurzel des Alten Kontinents.

          Botschafter zwischen jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung

          In der Ausgabe davor ging es um Menschen in der Diaspora. Insgesamt sind es vierzig Autoren, die für ein Honorar von 300 Euro Beiträge für das Jahrbuch liefern. Immer Mitte Mai beginnt Marta Halpert mit der Suche nach den Autoren; ein halbes Jahr lang ist sie damit beschäftigt. Derzeit wird an einem neuen Thema gefeilt, mit dem die polyglotte Medienschaffende die nächste Ausgabe gestalten will: Sie erscheint in diesem Herbst, und es wird um Jugend im Aufbruch gehen.

          Zwar ist das „Jüdische Echo“ als Botschafter zwischen Juden und Nichtjuden nur einem kleinen Kreis bekannt. Doch viele angesehene Wissenschaftler aus der nichtjüdischen Bevölkerung sind, so sagt Marta Halpert, überrascht, dass sie sich in einer solchen Bandbreite und Vielfalt wiederfinden. Auch in der jüdischen Gemeinschaft werde das Jahrbuch positiv aufgenommen, berichtet die Chefredakteurin. In Wien leben derzeit 15 000 Juden, davon sind mehr als die Hälfte Mitglieder in der Internationalen Kultusgemeinde (IKG). Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in der Donaumetropole rund 180 000 Juden. Als eine Anerkennung wertet Marta Halpert, „wenn Schriftstellerinnen wie die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, ohne Honorar für uns schreiben“.

          Auch an den deutschen Markt herantasten

          Sie selbst ist als Kind 1956 aus Ungarn geflüchtet, hat nach einem Sprachstudium in London und Genf in Israel gelebt und dort ihre Laufbahn als Journalistin bei der „Jerusalem Post“ begonnen. Die Stimmung gegenüber dem Judentum hat sich aus ihrer Wahrnehmung in Österreich zum Positiven gewendet: „Das Thema Jüdischsein war bis vor fünfzehn Jahren tabuisiert auf eine unangenehme Art. Man traute sich nicht zu fragen.“ Möglicherweise hängt das mit der - im Vergleich zu Deutschland - erst spät angegangenen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Geschichte in Österreich zusammen. Jetzt werde offener damit umgegangen. Was Halpert stört, ist dieses „Herumeiern“ bei Gesprächen mit Fremden: „Bist du jüdischer Herkunft?“, werde sie manchmal gefragt, anstatt „bist du Jüdin?“. Semantisch sei da noch immer ein gewisser Vorbehalt, die Dinge beim Namen zu nennen, findet sie - „weil die Nazis vor siebzig Jahren Juden als Schimpfwort benutzt haben“. Mit Antisemitismus in Österreich - zwischen Wien und Bregenz häufig indirekt und verklausuliert formuliert - wird sie aber nach wie vor konfrontiert: „Es war und ist verletzend, ich habe aber gelernt damit umzugehen.“

          Unterstützung bekommt Marta Halpert von Leon Widecki, der Obmann des Herausgebervereins ist: Er ringt um mehr Ertragskraft; derzeit wird für die Zeitschrift mehr ausgegeben als eingenommen. Das kommt daher, dass es einen graphischen Relaunch gab: „Wir wollten das Heft auch optisch in das 21. Jahrhundert holen.“ Widecki nennt ein Budget jenseits der 50 000 Euro als notwendig, um eine Publikation der erwünschten Qualität auf die Beine zu stellen. Die Hälfte des Etats kommt über Anzeigen zustande, der Rest stammt aus dem Vertrieb. Mehr als die Hälfte der Auflage von 5500 Exemplaren geht an Abonnenten. Angestrebt wird in den kommenden Jahren eine Auflage von 15000 Exemplaren: „Wir wollen damit auch nach Deutschland vordringen.“ Derzeit ist Widecki in Gesprächen mit Esther Graf von der Agentur für jüdische Kulturvermittlung in Mannheim. Die Mannschaft vom „Jüdischen Echo“ überlegt, sich über Kulturwochen an den deutschen Markt heranzutasten, ohne riesige Mittel fürs Marketing investieren zu müssen.

          Für Leon Widecki und seine Mitstreiter ist es ein harter Kampf, die Finanzierung für die Ausgaben zu bewerkstelligen in Zeiten, in denen Anzeigenbudgets gekürzt werden. Susanne Trauneck ist für die Anzeigenakquise zuständig. Auch im vergangenen Jahr hat sie fast zwei Dutzend Seiten mit Inseraten geschafft; trotz der Wirtschaftskrise blieb dieses Niveau seit 2008 gleich: „Wir hoffen, dass wir diesen Stand halten können“. Das Thema Jüdischsein sei weder behindernd noch förderlich, um Werbeeinschaltungen zu organisieren, berichtet Trauneck. Zum Glück gebe es langjährige Kunden, die dem „Echo“ treu blieben. Banken und Versicherungen gehören zum Kreis der regelmäßigen Inserenten. Dadurch, dass es sich um ein Jahrbuch handelt, sei es fast einfacher Anzeigen zu bekommen, meint Trauneck. Eine Seite kostet 2500 Euro. Mit Preiserhöhungen ist man vorsichtig, um die Kunden nicht zu verschrecken. Denn das „Jüdische Echo“ will auch das nächste halbe Jahrhundert gut über die Runden kommen.

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